Sprachsplitter

Von Muße und Musen, von Musen und über Muse
Wer hat uns denn da geküsst?
Muße und Muse – die beiden vermeintlichen Sprachschwestern – nicht einmal blutsverwandt, werden sie doch gern miteinander verwechselt. Doch die Muße kann auch gedankenverloren auf dem Sofa verbracht werden: Gefügt zu Wörtern wie müßige Hände, Müßiggänger oder Müßiggang ist sie uns vertraut.

Das Mus dagegen – wer kennt nicht Apfelmus? – begegnet uns noch in Gemüse. »Knackfrisches Gemüse« war offenbar nicht zu allen Zeiten beliebt, sodass man es wohl als Mus bereitete. Hat man davon mehrere zur Auswahl, erscheint der Plural als Apfel-, Kartoffel-, Zwetschgen- oder Pflaumenmuse.

Die Mousse au chocalat dagegen erinnert nur bei oberflächlicher Betrachtung an ein Mus. Mousse bedeutet Schaum, also sollte sie auch schaumig-leicht gelingen. Verwechslungsgefahr besteht bei den Substanzen: das Kartoffelmus und die Kartoffelmousse.

Dagegen ist es die Aufgabe der Muse, zusammen mit ihren Schwestern, den Musen als geflügelten Töchtern des Zeus, uns musisch – also künstlerisch – zu inspirieren. So erschließt sich das Bild von der Muse, die uns geküsst hat.

Die Musen sind ursprünglich zu dritt. Sie stehen für intellektuelle und musische Kräfte wie Übung, Praxis, Nachdenken, Gedächtnis und Lied. Die klassische Neunzahl erscheint erst später. Die Musen sind also die Symbole der schönen Künste, die bekannteste ist wohl Thalia, die für Frohsinn und Fülle steht und das Theater begleitet.

Der schöne Schein
anscheinend und scheinbar
Jeder Sprachbewusste kennt den Unterschied: anscheinend hat die Bedeutung des Möglichen, Glaubwürdigen, scheinbar hingegen die des Unmöglichen, Trügerischen. Dabei haben beide den Gehalt von Anschein und Schein.

Beiden wohnt also zunächst gar kein verschiedenartiger Kern inne. Aber man ließ den heutigen Unterschied in der Bedeutung entstehen, um damit feine Nuancen auszudrücken zu können.

Ein anderes Phänomen ist der verschiedene grammatikalische Gehalt beider Wörter. Denn allein scheinbar lässt sich auch als Adjektiv gebrauchen, lässt sich also beugen:
»Der Grund für seine Verspätung ist scheinbar ein Stau.«
»Der scheinbare Grund für seine Verspätung ist ein Stau.«

Dagegen bleibt anscheinend ein unveränderliches Adverb:
»Der Grund für die Verspätung ist anscheinend ein Stau.«
Denn:
»Der ›anscheinende‹ Grund der Verspätung ist ein Stau.« ist ungrammatisch, da sich der Anschein auf die Gesamtaussage bezieht.

Also ist anscheinend wohl nur ein scheinbares Partizip und folglich kein Adjektiv sondern einzig und allein ein Adverb.

Präfixderivation
Verneinende Vorsilben
Eine Vorsilbe dient dazu, die Verwendung des Basisverbs umzustrukturieren. Das Präfix ver- kann beispielsweise nahelegen, ein Geschehen als missglückt, abweichend, sinnlos oder verkehrt zu verstehen oder kennzeichnen, ähnlich wie auch die Präfixe miss-, zer- und ent- eine verneinende Konnotation haben. In diesem Sinne lässt sich folglich eine solche Verwendung rechtfertigen – verstärkend, also bewusst wortbildend.

Im Fall – komplizieren – erscheint es allerdings eher überflüssig „verkomplizieren“ zu verwenden. Überdies nehmen sich deutsche Vorsilben unpassend an Fremdwörtern aus, zumal diese mit bereits eigenen versehen oder zu versehen sind: kom-/kon-, dis-, in-/im-/il-, ex-/e- etc.

Wortbildung
Weibliche Pendants
Sehr beliebt ist gerade in der Sprache der Politiker, die weibliche Klientel besonders anzusprechen. Das findet seinen Ausdruck in der Bildung abstruser weiblicher Parallelbildungen durch das nachgestellte -In/-Innen: SoldatInnen, SchülerInnen, BürgerInnen, aber auch GästInnen, MitgliederInnen etc.

Es gibt in der Tat eine Anzahl von Substantiven, deren Ableitungen ein weibliches Pendant adäquat auszudrücken vermögen. Dies betrifft häufig Tiernamen. Auch mit fremdsprachlichen Bezeichnungen wird oft so verfahren. Jedoch die überwiegende Zahl der männlichen Begriffe, die sich dafür anbieten, enden auf -er. Sie sind häufig von einem Verb abgeleitet. In der Regel stellt man es nach Bedarf durch Anfügen der Endsilbe -in her. Z. B. Hund – Hündin, Student – Studentin, Direktor – Direktorin, Lehrer – Lehrerin, Fahrer – Fahrerin, Gewerkschafter – Gewerkschafterin, Schüler -Schülerin, Meister – Meisterin, Freund – Freundin, Feind – Feindin, Kunde – Kundin, Greis – Greisin, Enkel – Enkelin, Zwerg – Zwergin, Riese -Riesin, usw.

Genauso gibt es jedoch solche, die sich diesem Prozess sperren: Fisch (Wal, Delphin usw.), Krokodil, Vogel, Tier, Mensch, Ungeheuer, Geist, Satan, Gnom, Gast, Mitglied, Kind, Ohm (und andere geschlechtsspezifische Bezeichnungen wie Vater, Sohn, Neffe, Onkel, Hengst, Stier, Hahn etc.).

Alter, Verwandter, Bekannter, Geliebter, Zivildienstleistender, Auszubildender sind dagegen Substantivierungen von Adjektiven oder infiniten Verbformen – Partizip Perfekt, Partizip Präsens, Gerundiv, die adjektivisch verwendbar sind. Deshalb entstehen hier Adjektiven entlehnte Formen: die Alte, die Verwandte, die Bekannte, die Geliebte, die Auszubildende.

Der Beamte ist die Verkürzung eines substantivierten Adjektivs. Das lässt sich erkennen an den verschieden definierten Formen bestimmte oder unbestimmte Artikel betreffend: der Beamte – ein Beamter, die Beamten – Beamte, entsprechend der Verwandte – ein Verwandter, die Verwandten – Verwandte. Genaugenommen müsste es eigentlich „Beamteter“ heißen. Nur aus dieser Ausnahme lässt sich die weibliche Form erklären, die nicht „die Beamte“ lautet, sondern „die Beamtin“.

Komposita
aus Substantiv und Partizip
Die deutsche Sprache ist in ihrer Wortbildung sehr produktiv. So lassen sich aus Substantiven und Partizipien geeigneter Verben mühelos Komposita, also zusammengesetzte Wörter, bilden. Daraus ergeben sich vielfältige Auswirkungen auf die Rechtschreibung – letztlich, aufgrund ihres grammatischen Hintergrunds, auch auf den Stil.

So kann der Begriff Sehnsucht erregend, sehnsuchterregend sowohl getrennt als auch zusammengehörig verstanden und geschrieben werden.

Doch ein Attribut, also eine nähere Bestimmung, konfrontiert den Schreiber mit spezifischen Vorschriften der Groß- und Kleinschreibung.

Untersucht man die solchermaßen näher bestimmten Formulierungen die sehr sehnsuchterregend Geliebte vs. die große Sehnsucht erregende Geliebte, so wird die Unschärfe der Erstgenannten offenkundig. Während sehr ein Adverb ist – es bezieht sich als solches in der Regel auf ein Verb oder ein adjektivisches Attribut, also sehr erregend oder sehr schöne Geliebte – ist groß ein Adjektiv, denn es steht als Attribut von „Sehnsucht“, also „große Sehnsucht“.

Die weitere Betrachtung zeigt, dass der Artikel die sich nicht auf das Attribut Sehnsucht erregend/sehnsuchterregend sondern auf das (Präpositional-) Objekt Geliebte bezieht. Hieße es nämlich stattdessen An die meine Sehnsucht erregende Geliebte, wäre es unwiderruflich ein Fall der Getrenntschreibung.

Daher halte ich sehr sehnsuchterregend für ein grammatisches Konstrukt – also stilistisch vernachlässigbar – denn das Adverb müsste sich ja auf den Verbteil – erregend – beziehen, während die Betonung dem Sinn nach auf dem substantivischen Teil – Sehnsucht – liegt.

Zwar entstammt die Formulierung „meine Sehnsucht erregende Geliebte“ einem Thomas-Mann-Zitat. Jedoch weiß der Kenner, dass der Meister Derartiges in ironischer Absicht seinen Protagonisten in den Mund legte, es also eine Metaebene betrifft. Ich bevorzuge unter stilistischen Gesichtspunkten eine Auflösung durch einen Nebensatz: „An meine Geliebte, die mich mit großer Sehnsucht erfüllt“.

Nebensätze
und die Kommaregel
Ein Satz besteht aus Subjekt und Prädikat. Dieses Kriterium gilt auch für einen Nebensatz. Nebensätze sind abhängig, was sich formal an der einleitenden Subjunktion ablesen lässt, isoliert betrachtet an ihrer inhaltlichen Unvollständigkeit.

„als“ ist je nach Zusammenhang Partikel (Teilchen) oder Subjunktion (Bindewort). Dies ist ein funktionales Merkmal bezogen auf den folgenden Satzteil. Inhaltlich kann es sich sowohl um einen Vergleich zweier Tatbestände – größer als – als auch um eine zeitliche Markierung – zu der Zeit, als – handeln.

„Sie sah gesünder aus, als sie sich fühlte.“
Vergleichende Subjunktion

„Sie sah gesünder aus als angenommen.“
Vergleichspartikel

„Sie sah gesünder aus, als sie aus dem Urlaub kam.“
Temporäre Subjunktion
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