Ein Menschenbild zwischen Vergänglichkeit und Naturbeherrschung

Wotan

Wotan
Bild: Hermann Hendrich, 1926
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Schon zu allen Zeiten glaubten Menschen an höhere Mächte, Mächte, die über ihnen standen, sie ermächtigten, schützten und bestraften, bestimmten und lenkten. Diese Götter stellten zwar beständig Forderungen, aber sie entließen den Menschen auch aus der Verantwortung seiner Lebensgestaltung, weil sie schicksalsbestimmend waren. Das Fatum, das Schicksal des irdischen Menschen, war vorherbestimmt; und es lag in der Hand der göttlichen Macht.

Ein Unterscheidungskriterium zwischen dem irdischen und dem göttlichen Wesen war zuerst sein Aufenthaltsort. Der Mensch hatte auf Erden seine Heimat, die Götter im Himmel. Für die Griechen des klassischen Altertums war das der Olymp, eine Sphäre, die nach menschlichen Vorstellungen gestaltet und aufgeteilt, jedoch den höchsten Göttern vorbehalten war. Dem Olymp gegenüber stand der Hades, Schattenreich und Unterwelt, das Reich der Toten. Kein Lebender hatte dort Zutritt, so wie kein Toter ihm je wieder entkommen konnte. Die dritte Sphäre war die Erde, χθών, chthṓn, Erde. Sie war überschaubarer. Aber alle Regionen und Bereiche des Lebens unterstanden einer besonderen Regentschaft einer Gottheit. Die bewohnte Erde gliederte sich in menschenfreundliche, bewohnbare Regionen aber auch in abweisende, unwirtliche. Der alles umgebende Himmel dagegen erschloss sich schwerer. Er war sichtbar grenzenlos, unerreichbar, unendlich. Deshalb war er in allen Mythologien schon immer die Wohnung der Götter.

Im Lateinischen heißt Mensch homo, von altgriechisch ὁμός. homós‚ gleich, homilis „gleichartig“. Das ist auch ein humanistischer Gleichheitsgedanke. Das Wort liegt sprachlich nahe an humus, Erde, und humilis, irdisch, niedrig. Tatsächlich bedeutet es wohl „der aus Erde Geschaffene“, Erdling, Irdischer, Vergänglicher. Dahinter stand die Vorstellung der nicht durch ihn selbst beeinflussbaren Vergänglichkeit und des Zeitpunkts seines Todes. Darin spiegelte sich die Gewissheit wider, dass Sterblichkeit Zeitlichkeit bedeutet, das Zurücksinken des Lebendigen in das Tote sein werde.

Der sterbende Mensch bewegt sich wieder zu seinen Ursprüngen, der Erde, dem Humus, der aus sterblicher, toter, dennoch ehemals lebendiger Substanz entstanden war und nun dem Prozess der Zersetzung und Neuzusammenfügung anheimgegeben war. Der Begriff der „Mutter Erde“ knüpft an diese Idee an. Es bestand auch ein Trost darin, als Verstorbener werde man wieder in die Erde eingehen, wieder zu Erde werden, aus der man hervorgegangen war.

Adam und Eva

Adam und Eva
Bild: Albrecht Dürer
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Nach christlicher Lehre war Adam, der Urvater aller Menschen, bei seiner Erschaffung von Gott aus einem Erdklumpen geformt worden.

Die christliche Bestattungsformel gemahnt denn auch: „Erde zu Erde. Asche zu Asche.“ Asche ist der Rest, Kohlenstoff, der übrig bleibt, wenn alle anderen Bestandteile gelöst und verbrannt sind. Der dritte Teil der Formel lautet folgerichtig: „Staub zu Staub.“ Staub ist das, was bleibt, wenn alles Wasser, die Unabdingbarkeit für Leben und Lebendigkeit, zerronnen und in neuen Organismen verstofflicht ist. Der Leichnam zerfällt dann zu Staub.

Obwohl sich die lateinische Sprache, die sich einerseits in mythologischen Übereinstimmungen und andererseits aus kulturell-kolonialen Vermischungen und räumlicher Nähe ergeben hatte, der griechischen Kultur immer verbunden war, zeigt sich im Bereich der philosophischen Auffassung des Begriffs Mensch keine sichtbare Übereinstimmung.

Es findet sich in der Etymologie des altgriechischen Wortes ἄνθρωπος, anthropos, Mensch, kein Hinweis auf eine Gemeinsamkeit mit dem lateinischen homo. Die Herkunft des griechischen Wortes liegt überwiegend im Dunkel; bedeutungsgebend scheinen eher Hinweise auf eine weiter zurückliegende, schwer zu überprüfende indogermanische Wurzel, die auf aufrechten Gang, die Benutzung des Arms, *an-, als spezifisch menschliches Merkmal weist. Denn dies ist eine Fähigkeit, die ihn zur Ausbildung der Hand als Greifinstrument – durch das in der Tierwelt bis dahin unerreichte Novum der Daumenopposition – und damit zum Gebrauch von Werkzeugen und von Waffen tauglich machte. Der Gebrauch des Arms war der Beginn körperlicher Überlegenheit gegenüber anderen Tieren. Als weitere denkbare etymologische Wurzel wird die Hinwendung des menschlichen Gesichts, πρόσωπον prósōpon, zu seinem Gegenüber in Betracht gezogen (1). Ist dieses Merkmal, sein Gesicht mit seinen Absichten, Emotionen, Stärken und Schwächen zu zeigen, nicht das zutiefst menschlichste bei der immerwährenden Konfrontation mit Freund und Feind?

(1) Eine etymologische Spur lautet ‚mit Mannesgesicht begabt’, aus *ἀνδρ-ωπ-ος ‘.Dazu πρόσωπον prósōpon, Gesicht, wobei eine Buchstabenfolge – θ für δ – ungeklärt bleibt.
http://ieed.ullet.net/friskL.html
(Stichwort ἄνθρωπος, Mensch)

Das Zusammenwirken von Mikroorganismen

Mikroorganismen (Bakterien) auf natürlichem Zeolith

Mikroorganismen (Bakterien) auf natürlichem Zeolith
Foto: Stefan Weiss
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In der Natur ist das Leben als Zusammenspiel der Organismen geregelt. Pflanzen dienen als Grundstoff für Nahrung. Aber auch Pflanzen müssen sich ernähren. Ihre Nährstoffe beziehen sie aus dem Boden, der seinerseits Nährstoffe aus abgestorbenem organischen Material gewinnt. Die Nährstoffe sind in Wasser gelöst, sodass die Pflanze sie über ihre Wurzeln aufnehmen kann. Das Wasser ist der Grundstoff, mit dem die Nährstoffe befördert werden. Blätter, Blüten, Früchte und Samen werden erst durch das darin enthaltene Wasser prall und farbig. Ohne Wasser gäbe es weder pflanzliches noch tierisches Leben auf der Erde. Woher kommen die Nährstoffe und wie gelangen sie in den Boden – also in die Erde?

Man muss sich vergegenwärtigen, woraus Erde besteht. Erde besteht nicht aus Sand, zerriebenem Gestein, sondern sie ist kompostiertes Material aus tierischen und pflanzlichen Rückständen. Fruchtbare, lockere Erde besteht überwiegend aus Humus, lateinisch humus. Erde ist also ursprünglich toter organischer Stoff, der durch einen Zersetzungsprozess zu anorganischem Material zerlegt und umgebaut wurde. Erst dadurch werden seine Ursprungsstoffe Pflanzen zugänglich gemacht. Denn nur Pflanzen können ausschließlch anorganische Stoffe aufnehmen. Die aus der Luft und dem Boden gewonnenen Bestandteile Kohlenstoff, Sauersoff und Wasserstoff werden photosynthetisch – mit Hilfe von Sonnenlicht – energetisch angereichert und zu Traubenzucker, einer Glukoseform, und nachfolgend aus weiteren Glukosen zu Stärke und Zellulose umgebaut. Erst so machen Pflanzen die in einem ständigen Kreislauf befindlichen Stoffe Tieren verwertbar. Nicht unmittelbar für Energie. also Bewegung, Stoffwechsel und Wärme gebrauchter Zucker wird seinerseits in tierischen Oganismen zu Fett verstoffwechselt und im Körper als energetische Reserve angelegt. Unter Anbindung von Stickstoff an die Zuckerverbindungen werden Proteine erzeugt, um tierische Körperzellen anzulegen. Daraus bestehen Muskeln, Organe, Teile des Knochen- und Hornmaterials. Proteine bilden die unverzichtbaren biochemischen Substanzen tierischen Lebens. Der Aufbau tierischen Gewebes ist pflanzlichen Grundstoffen zu verdanken.

Humus

Humus
Foto: Edafologia2.0
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Wie aber geschieht diese Aufbereitung zu Humus, also fruchtbarer Erde, deren durch Pflanzen umgebaute Inhaltsstoffe tierisches Leben wieder ermöglicht?

Zuerst sind es saprophage, fäulnisverzehrende – aus altgriechisch σαπρός sapros faul, und φαγεῖν phageín, essen – sich also von faulendem Material ernährende biologische Organismen, die als Saprobionten – aus altgriechisch σαπρός sapros faul, und βίος bíos,Leben – auf abgestorbenem Naturmaterial leben.

An diesem Verwertungsprozess sind verschiedene Lebewesen beteiligt. Fäulniszerlegende Tiere wie Regenwürmer oder Mistkäfer beschleunigen diesen Vorgang, indem sie durch ihre Exkremente vergrößerte Abbauflächen schaffen, die den Zugriff der Mineralisierer erleichtern.

Die Mineralisierer als fäulniserregende Mikroorganismen übernehmen sodann diese Aufgabe, indem sie die organischen Nährstoffe unter Anbindung von Sauerstoff, Kalium, Natrium, Phosphor, Stickstoff zu anorganischen wie Kohlendioxyd und lebenswichtigen Salzen umbauen.

Bei dem Umbau organischen Materials zu anorganischen Stoffen kommen Destruenten zum Einsatz. Destruenten – aus lateinisch destruere, zerstören, abbauen – sind Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze. Sie nehmen organisches Material auf, verdauen es und zerlegen es wieder in ihre anorganischen Grundstoffe. Dadurch schließen sie es dem pflanzlichen Stoffwechsel auf. Diesen Prozess der Rückführung in den biogenen Stoffkreislauf nennt man Assimilation. Assimilation ist notwendig, weil Pflanzen nicht in der Lage sind, totes Material, das sich aus organischen Verbindungen zusammensetzt, aufzunehmen. Sie sind also darauf angewiesen, dass Mikroorganismen vorher diese chemische Zerlegung übernehmen, um ihnen elementare Nährstoffquellen zu erschließen. Danach sind es schließlich Pflanzen, die tierisches Leben ermöglichen, weil sie der Tierwelt Nahrung zur Verfügung stellen.

Daraus leitet sich die Verbildlichung der Nahrungspyramide ab. Dieses Modell verdeutlicht, wie eine große Menge von pflanzenfressenden Tieren einer kleiner werdenden Menge von Fleischfressern als Nahrunsgrundlage dient.

Leben ist nach dieser Definition und Vorstellung nur unter den Bedingungen möglich, die unser Planet Erde bietet: Gemäßigte Temperaturen durch einen günstigen Abstand zur Sonne und Sonnenlicht, das ausschließlich chlorophyllproduzierende grüne Organismen zu dem biochemischen Umwandlungsprozess der Photosynthese befähigt.
Photosyntese bedeutet, dass mithilfe des lichtabsorbierenden Farbstoffs Chlorophyll Lichtenergie in chemische Energie umgewandelt wird, die dann zum Aufbau energiereicher organischer Verbindungen verwendet wird. Diesen Vorgang der Synthese energiereicher organischer Stoffe, der als Nahrungsgrundlage für tierische Lebewesen dient, bezeichnet man als Assimilation.

Photosynthese betreiben neben dem den pflanzlichen Hauptproduzenten (1) auch grüne Algen, die nicht eindeutig in das Reich Pflanzen gehören, und einige grüne Bakterienarten, die man zu den Tieren zählt.

Diese Herstellung von energetischer Nahrung ist für tierisches Leben unverzichtbar. Dabei produzieren Pflanzen den für tierische Existenz unabdingbaren Sauerstoff, den sie als Abfallprodukt der Photosynthese abgeben. Das zeigt die Unabdingbarkeit „grüner Lungen“ – von Parkanlagen über Wälder bis zu Regenwäldern. Nur Pflanzen sind dazu in der Lage, Kohlendioxyd aufzunehmen, zu nährstoffreichen Kohlenstoffverbindunen zu verarbeiten und lebenswichtgen Sauerstoff zu erzeugen.

Mikroorganismen vervollständigen den Kreislauf der Stoffe, indem sie das fehlende Glied zur Rückführung in anorganische, für den pflanzlichen Organismus aufnehmbare Grundsubstanzen, bilden.

Auf diesem Zusammenwirken basiert alles Lebendige. Jede biologische Existenz ist in einem beständigen Kreislauf aufeinander angewiesen. Ohne die dem menschlichen Auge nahezu verborgenen Mikroorganismen würde die Erde, die immer neues Leben hervorbringt und untergehen lässt, die also fortgesetzter Erneuerung bedarf, um Leben zu ermöglichen, an einer unzersetzten Fäulnisflut ersticken.

(1) Schmarotzende, nicht Chlorophyll produzierende Pflanzen leben auf und von anderen. So bedienen sich chlorophyllfreie Pflanzen wie der Fichtenspargel in Gänze der Fähigkeit ihrer Wirtspflanze zur Nährstoffanreicherung. Blassgrüne dagegen zapfen ihre Wirtspflanzen für Nährstoffe und Chlorophyllgaben an.

Parasitismus und Symbiose – Abhängigkeit, Ausbeutung, Anpassung und Lebensgemeinchaft

Schlupfwespe

Schlupfwespe
Foto: Hedwig Storch
Lizenz: Creative Commons

Unterschiedliche Formen von gemeinsamer Existenz und Zusammenleben der Lebewesen, der Abhängigkeit voneinander, des Angewiesenseins aufeinander, prägen die Natur in ihrer Vielgestaltigkeit. Leben wird durch das Leben und Sterben anderer Lebewesen erzeugt und fortentwickelt.

Lebewesen ernähren sich von anderen Lebewesen. Pflanzenfresser leben von Pflanzen oder deren Erzeugnissen, Fleischfresser ernähren sich von ihren Beutetieren.

Eine besondere Lebensform ist der Parasitismus. Parasiten leben von ihren Wirten, also den Lebewesen, die sie „bewirten“, ihnen Nahrung und Obdach geben. Sie machen sich die vitalen Fähigkeiten ihres Wirtes zunutze. Sie schwächen ihn möglicherweise, weil sie von seinen Lebenssäften profitieren, ohne ihn aber bis zu seiner völligen Erschöpfung zu schädigen und bis zum Verlust seines Lebens zugrunde zu richten.

Die existenzielle Vernichtung des Wirtstieres dagegen nennt man parasitoid. Die Nachsilbe -oid, die im üblichen Sprachgebrauch eher abschwächend zu verstehen ist, bedeutet ähnlich. Parasitoide sind also Parasiten ähnlich, sie unterscheiden sich jedoch von ihnen, indem sie ihren Wirt bis zu dessen Tod ausbeuten. Beispielhaft hierfür sind Schlupfwespen, Ichneumonidae, deren Name von altgriechisch ἰχνεύμων, ç(1), abgeleitet ist. Schlupfwespen sind taxonomisch gesehen eine eigene Familie, die wie gewöhnliche Wespen nur zur Ordnung der Hautflügler zählen. Sie haben jedoch nichs mit herkömmlichen staatenbildenden Wespen zu tun und leben, wie der Name Schlupfwespe sagt, ausschließlich parasitär. Die Weibchen sind mit einem langen Legestachel versehen und injizieren damit ihr verhängnisvolles Ei in den Körper ihres spezifischen Opfers, also im Falle unseres Beispiels zeitlich und räumlich treffsicher in den Leib der Kohlweißlingslarve. Die aus dem Ei geschlüpfte Larve des Parasitoiden ernährt sich von den Eiweiß- und Fettreserven der sie berherbergenden Schmetterlingslarve, ohne zunächst ihre lebenswichtigen Organe anzugreifen, um ihren Wirt nicht lethal zu schädigen und um dessen unverzichtbare Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten. Die Schlupfwespe verlässt nach der Metamorphose im Kokon ihres Wirts als fertiges Insekt den Ort ihrer Entstehung und lässt die gekaperte Larve als tote Hülle zurück.
Eine andere Schlupfwespenart saugt an den Hnterbeinen einer Radnetzspinne und erzwingt durch die Injektion biochemischer Zusätze einen anderen Bauplan des Netzes. So bewirkt sie den Bau eines für die Verpuppung ihrer Raupe geschaffenen Kokons.

Solche parasitoide Lebensformen haben Philosophen und Biologen von Platon bis Darvin beschäftigt und an der göttlichen Weisheit des Zusammnspiels der Natur zweifeln lassen.

Ganz anders zu verstehen ist die gemeinsame Lebensform der Symbiose, altgriechisch συμβίωση. Das Wort ist zusammengesetzt aus συμ, zusammen, und βίωσ, biologische Existenz, also βίωση, leben, existieren. Symbiotisch leben heißt, dass beide beteiligte Lebewesen von ihrer Gemeinschaft profitieren. In der Pflanzen- und Pilzwelt zeigt sich das häufig schon an den Namen, die ihre Standortgemeinschaft beschreiben: Birkenröhrling, Erlenporling, Eichen- und Fichtensteinpilz.

Der Fruchtkörper des Pilzes ist nur der sichtbare Teil der „Pilzpflanze“. Man geht heute aber davon aus, dass Pilze weniger den Pflanzen nahe stehen als den Tieren. Der Pilzorganismus bildet mit den haarfeinen Hyphen seines Myzeliums, dem unterirdischen Wurzelbereich – der eigentlichen Lebensgrundlage – ein enges Geflecht um die Wurzeln seines Partners. Beide spenden einander Wasser, Nährstoffe und Mineralien, die ihnen aus eigenen Quellen und Fähigkiten nicht zugänglich sind.

Krokodil im Okavangodelta

Krokodil im Okavangodelta
Foto: Hp.Baumeler
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Symbiotische Lebensformen zeigen sich auch in der Tierwelt. Eindrucksvoll sind die Aktivitäten von Putzerfischen, die die Zähne gefräßiger Haifische reinigen, während deren Nahrungsreste ihnen zur Ernährung dienen. Die sonst so gefährlichen Zahnreihen werden ihnen geduldig geöffnet, ohne dass den kleinen Fischen ein Leid geschähe. Eine ähnliche Konstellation kann man bei Krokodilen beobachten, deren Ruf an Gefährlichkeit denen der Haifische in nichts nachsteht. Hier sind es kleine Vögel, denen ein weitgeöffneter Rachen zur Reinigung und Pflege des todbringenden Gebisses dargeboten wird, ohne dass die in ihrem Maul arglos herumhüpfenden Vögel Anstalten machten, sich vor der Bestie zu fürchten.

Bei der Betrachtung dieser symbiotischen Beziehungen drängt sich die Frage auf, wie das Wissen um die Nützlichkeit des jeweiligen Symbiosepartners zustandekommt, handelt es sich doch dabei um Partner, die eher in ein Beute-Feind-Schema einzuordnen wären. Vielleicht kommt hier nachahmendes Lernen als junge Anpassungstrategie in Frage. Dagegen spricht aber, dass beim Lernen das Risiko durch Try-and-Error-Verfahren eine tödliche Konsequenz hätte. Daher scheint die Annahme naheliegender, dass eine Art genetische Verankerung dem Verhalten innewohnt, die sich schon seit Jahrmillionen gebildet haben dürfte.

Pflanzen verfügen im Gegensatz zu Tieren nicht über einen erkennbaren Fortbewegungsapparat. Daraus resultiert die schlichte Einteilung von standortverwurzelter, „eingepflanzter“ Pflanze – lateinisch planta -, und beweglichem, kampf- und verteidigungsbereitem Tier, dessen Überlebensstrategien dadurch weit komplexer sind. Der Name Tier, geht auf althochdeutsch tior, das Beseelte, zurück, und ist verwandt mit gotisch dius. Beidem liegt die Auffassung zugrunde, wie es sich in lateinisch animale, das beseelte Wesen, aus anima, Seele, ausdrückt, daß Tiere, wozu biologisch auch Menschen zählen, beseelt seien.

Betrachtet man See-Anemonen, die sehr pflanzenähnlich wirken, indem sie festhaftend auf dem Grund stehen, und ihren mit blütenblättergleichen Tentakeln bewehrten Kopf in den Wellen wiegen, so weiß man dennoch, dass sie Weichtiere sind, die wie andere Tiere auch von lebenden Organismen leben.

Die Unterscheidung von Lebewesen in Zoologie und Botanik ist zunächst eine Kategorisierung in Tier und Pflanze, von animale und planta. Der offensichtlichste Unterschied beider ist durch Verwurzelung oder Fortbewegung gekennzeichnet. Das wichtigste biologische Unterscheidungsmerkmal aber ist, tierischen Organismen Energie zur Verfügung zu stellen. Nur grüne Pflanzen sind zur Energiegewinnung in der Lage, durch Photosynthese Lichtenergie in Nahrungsenergie umzuwandeln. Dabei spielt der grüne Farbstoff eine entscheidende Rolle. Das Blattgrün – das Chlorophyll, aus altgriechisch χλωρός, chlōrós, hellgrün, und φύλλον phýllon, Blatt, – versetzt grüne Pflanzen in die Lage, organisch verwertbare Nahrung zu erzeugen, also tierischem Leben erst Energie zugänglich zu machen. Diese nur ihnen bereitstehende Quelle, Licht zu nutzen, zeigt ihre Unabdingbarkeit für das Leben auf der Erde. Photosynthese bedeutet „Zusammensetzung durch Licht“, aus altgriechisch φῶς, phōs‚ Licht und σύνθεσις, sýnthesis, Zusammensetzung. Energiearmen chemischen Stoffen wie Kohlendioxid und Wasser wird durch die Verbindung mit hochenergetischem Sonnenlicht Energie zugeführt. Diese anorganischen Grundstoffe, bestehend aus Kohlendioxid aus der Luft und Wasser aus dem Boden, werden energetisch umgewandelt zu organischen Stoffen, den Kohlehydraten Zucker und Stärke. Aus diesem Grund sind auch Pflanzen, die wegen ihres Chlorphyllmangels unfähig sind, durch Photosynthese Energie zu gewinnen, nur als Schmarotzer grüner Pflanzen existent.

Dass sich auch Pflanzen bewegen, ist allenthalben erkennbar, besonders bei einem Sonnenblumenfeld, wo sich alle Blüten synchron den ganzen Tag über nach dem Licht drehen. Auf französisch heißen sie deshalb Tourne-soleil. Sie wenden sich der Sonne zu, um ihre zu wahrhaften Energiespeichern heranreifenden Samen optimaler Sonnenbestrahlung auszusetzen. Das Gleiche kann man auf der Fensterbank beobachten, wenn man eine Pflanze dreht. Sie richtet sich immer wieder nach dem Licht aus, um deren Energie in ihren Blättern anzureichern.

Es gibt auch Pflanzen, die sich sogar an Land fortbewegen. Vom Wind getrieben kugelt sich die „Rose von Jericho“ als ein trockener Gestrüppball durch den Wüstensand. Sie schlägt dort Wurzeln, wo sie Wasser und Nahrung findet und dann wieder zu blühendem Leben erwacht. Später, wenn ihre Versorgungsquellen erschöpft sind, setzt sie ihre Reise als scheinbar vertrocknete Kugel fort, um sich neue Nahrungsgründe zu erschließen.

(1) Der Name Ichneumon, Spürer, steht nicht in direktem Zusammenhang mit „Schlupfwespe“ an sich, sondern bezieht sich auf eine besondere andere Schlupfwespenart, Ichneumon eumerus. Sie ist ein Hyperparasit, d.h. ein Parasit, der einen anderen parasitär ausnutzt. Sie spürt die Larven ihres Wirtstieres, eines Schmetterlings, der parasitisch in einem Ameisembau lebt, von außen auf. Das Eindringen in den Bau und das Verlassen desselben erfolgt durch den Einsatz verschiedener die Ameisen von Grund auf verwirrrender Pheromone.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ichneumon_eumerus

Das Corona-Virus – Parasitismus als Modell für virale Existenz

Fichtenspargel (Monotropa hypopitys)

Fichtenspargel (Monotropa hypopitys)
Foto: Aorg1961
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Die lebendige Natur existiert – lebt und stirbt – innerhalb einer Nahrungskette. Leben und Sterben ist ein gemeinsames System, in dem sich notwendig lebendige Existenz vollzieht. Die Ernährung von Lebewesen kann nur aus lebendigem Material (1) bestehen. Essbar im Sinne von nahrhaft können nur Stoffe sein, die aus der belebten Natur stammen. Alle Lebewesen ernähren sich also in irgendeiner Form von anderen.

Parasit ist ein Wort, das, aus dem Altgriechischen stammend, auf παρά, pará, bei, neben, mit und σῖτος sītos, (Gereide-) Kost zurückgeht, woraus sich „Nebenkoster“ für παράσιτος, parásitos (2), ergibt. Klassische tierische Parasiten bewohnen ihre Wirte in deren Körperinneren und ernähren sich auf diese Weise von fremden Ressourcen, den Körpersäften.

Parasiten im engeren Sinne benötigen, um sich zu vermehren, neben dem Wirt, von dem sie leben, einen Zwischenwirt, in dem sich ihre befruchteten Eier bis zum Larvenstadium entwickeln, um dann ausgeschieden zu werden. Ausnahme des Parasitismus ist die Entwicklung des Parasiten bis zu seiner endgültigen Reifung, wenn er seinen Wirt tötet, indem er ihn als bloße Hülle zurücklässt, um ein neues geschlechtliches Leben nach einer Metamorphose zu beginnen. Ein Beispiel dafür sind Schlupfwespen. Parasitäre Würmer bleiben zeitlebens im Körperinneren eines Wirts, den sie nur wechseln, um einen neuen Wirt für ihre geschlechtliche Vermehrung aufzusuchen.

Blutegel als Parasit einer Nacktschnecke

Blutegel als Parasit einer Nacktschnecke
Foto: Manuel Krueger-Krusche
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Zwischenwirt ist ein Begriff aus der Parasitologie. Er hat also ursächlich mit Parasitismus zu tun. Parasiten sind Lebewesen, die man mehr zu fürchten geneigt ist, als gefährliche Tiere mit offenem Visier. Parasiten verrichten ihr schädliches Tun im Verborgenen. Sie ernähren sich direkt von den Lebenssäften anderer Lebewesen. Das macht sie uns fremder, ekelerregender und unheimlicher, als die bedrohliche Sichtbarkeit einer Bestie es könnte.

Jetzt taucht der Begriff des Zwischenwirts, der genuin der Parasitologie eigen ist, in der Virologie erneut auf. Er ist eine Metapher, eine bildliche Übertragung, die dazu dient, den Angriffsweg eines Virus zu beschreiben.

Ein Virus, das auf ein bestimmtes Tier spezialisiert ist, kann nicht direkt auf den Menschen überspringen, solange es keine Möglichkeit hat, sich Eingangspforten in die menschliche Zelle zu erschließen, vergleichbar einer Schloss-Schlüssel-Funktion. Dafür bedarf es einer Mutation, einer dauerhaften, genetischen Veränderung.

Ebola Virus

Ebola Virus
Foto: BernbaumJG
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Viren sind extrem wandlungsfähig, und damit aggressiv, zugunsten ihrer Verbreitung. Diese Wandlungsfähigkeit, die in eine Mutation mündet, kann das Virus nur in den Zellen eines anderen geeigneten Lebewesens, eines Zwischenwirts, vollziehen. Erst dann verlässt es diesen Zwischenwirt, um noch erfolgreicher in dem neuen Wirt Mensch zu wirken, indem es diesen als besonders brauchbaren Vermehrer benutzt. Ziel dieser Funktion ist seine maximale Ausbreitung, über Kontinente hinweg, was schließlich zu einer Pandemie führen kann. Betrachtet man das Virus als Parasiten, so dient das befallene Lebewesen – der Mensch – als Nährboden seiner Vervielfältigung und Ausbreitung. Die virusgesteuerte Zelle übernimmt seine Reproduktion bis sie schließlich an Überbeanspruchung und Fremdbestimmtheit zusammenbricht und zugrunde geht.

(1) Es gibt allerdings Bakterien, die dazu in der Lage sind, Steinen Mineralien zu entziehen, um sich davon zu ernähren. Inwieweit diese Fähigkeit Ernährung im Sinne eines Systems von Energiegewinnung und -einsatz und Verstoffwechselung ist, ist zu diskutieren. Es zeigt sich darin aber die unabweisliche Notwendigkeit für andere Lebensformen, dass Mikroorganismen, lebenswichtige anorganische Stoffe erschließen.

(2) Diese Bezeichnung hat ursprünglich einen anderen Hintergrund. Ein Parasitos war ein Vorkoster, dessen Aufgabe darin bestand zu prüfen, ob das für den Herrscher bestimmte Mahl bekömmlich und ungiftig sei. Auf diese Weise ernährte sich der Parasitos zwar in gewisser Weise riskant, aber bestens und gratis. Allerdings minimierte sich das Risiko einer Vergiftung bereits durch seine bloße Existenz.

Triage – Wiederbelebung eines Modells aus der Katastrophenmedizin der 80er Jahre

Triage-Station

Triage-Station
Quelle: Otis Historical Archives Nat’l Museum of Health & Medicine
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Triage war ein fast vergessener Begriff aus der Katastrophenmedizin, aus den Überlegungen, die im im 1. Weltkreig bereits behandlungsleitend für die Sanitäts – und Lazarettmedizin waren. Jetzt, angesichts der Corona-Krise, wird er wiederbelebt und zu einer existentiellen Frage.

In dem französischen Fremdwort Triage erkennt man unschwer die Zahl drei, tri- wie in Triangel, Trisomie, Trio. Dann folgt eine substantivische Endung -age, wie in Garage, Montage, Vernissage, d.h. etwa -ung – „Dreiung“ oder Dreiteilung, Priorisierung. Darin zeigt sich ein Gedanke, wie man ihn praktischerweise beim Aussortieren des Kleiderschranks entwickelt. Man stellt drei Kategorien zusammen, vielleicht drei Kartons auf, in die man die alten Sachen verteilt: Ja. Vielleicht. Nein.

Eine vergleichbare Einteilung stellte die Katastophenmedizin auf:
Ja – heilbar, nutzbar und jung.
Vielleicht – möglicherweise heilbar und wieder einsetzbar.
Nein – geringe Überlebenschance, zu alt, gesellschaftlich und medizinisch zu kostspielig.

Diese Priorisierung wird in Zeiten der Corona-Krise wieder aktuell, weil die Krankenhausversorgung aus materiellem und personellem Mangel Züge von Notfallmedizin bekommt.

Menschen, die eingeliefert werden mit Symptomen von Atemnot, müssen nach Gesichtspunkten dieses Verfahrens beurteilt werden. Menschen, deren Prognose ungünstg ist, werden eher mit Schmerzmittlen statt intensivmedizinisch versorgt. Demokratisch etablierte Grundsätze der Gleichbehandung, die dadurch nichtig werden, werfen moralische, medizinethische Fragen auf.

Im Katastrophenfall einer Pandemie folgen Leben und Sterben hinter Plastik, auf Fluren, ohne menschlichen – vielleicht verwandtstchaftlichen – Beistand. Das ruft Beunruhigung hervor.

Es werden auch Erinnerungen an Selektion geweckt, wie sie in Konzentrationslagern üblich war, Befürchtungen von Aussonderungen nach Kosten-Nutzen-Aspekten.

Die Bedrohung durch einen Atomkrieg, wie sie noch in den Ausgängen des Kalten Krieges in den siebziger Jahren spürbar waren, wurde in den frühen 80er Jahren abgelöst durch die Angst vor dem Versagen eines Atomkraftwerks, durch die Vorstellung einer Katastrophe, die sich an ihren sichtbaren und unabsehbaren Folgen wie in Hiroshima und Nagasaki orientierte. Dort hatten am Ende des 2. Weltkriegs als Antwort auf den Angriff Japans auf den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbour im Südpazifik zwei Atombomben das Leben fast vollständig ausgelöscht und Überlebende zum Siechtum bis in kommende Generationen verurteilt. Mit dem Einsatz von Atomwaffen hatte Krieg eine neue Dimension. Verletzung war nunmehr kein Einzelschicksal, sondern ein generatives. Kriegswunden mussten nicht mehr konventionell versorgt – verbunden und operiert – werden, sondern eine genetische Beschädigung würde unabsehbare Konsequenzen zeitigen.

Was sollte geschehen mit den Opfern, eine Frage, die Mediziner vor ungeahnte Probleme stellen würde?

Deshalb ging es zunächst darum, die Frage der Vorrangigkeit zu beantworten. Daraus entstand der katastrophenmedizinische Begriff der Triage.

Diese Vorrangigkeit, also die Frage der Priorität der Opfer und ihrer Behandlung, glaubt man nun abermals durch das priorisierende Verfahren einer Triage feststellen zu können.

Triage vor dem Pentagon am 11. September 2001

Triage vor dem Pentagon am 11. September 2001 – Foto: JO1 MARK D. FARAM, USN – public domain

Jetzt ist plötzlich eine medizinische Katastrophe in unmittelbarer, bisher kaum vorstellbarer und fühlbarer Nähe. Im hochentwickelten, reichen Norden Italiens, der Lombardei, fehlen Beatmungsgeräte. Ärzte und Pflegepersonal sind menschlich, medizinisch und berufsethisch überfordert. Experten, aus China zu Hilfe gerufen, sind ratlos ob der unzureichenden Vorbereitung und des unprofessionellen Umgangs mit einer Epidemie, wie sie die heutige wirtschaftliche Verflechtung schon längst nahelegte.
Dennoch hielt sich die westlche Welt für überlegen, für unverwundbar.

Jetzt fühlen sich die Alten überflüssig und ungewollt. Soziale Nähe gibt es nur medial, Medien aber sind der älteren Generation nicht so vertraut und leicht zugänglich. Ärmere Menschen sind materiell und technisch weniger gut versorgt. Abseits großer Städte ist der Empfang weniger breit und gut. Kinder werden zum Abstandhalten abgerichtet. Fremdes wird gemieden. Suizide nehmen zu. Haustiere werden ausgesetzt. Reiche schaffen sich vorsorglich ein eigenes Beatmungsgerät an. Dann könnte ein Luxusgut ihr Leben retten.

Dies ist nicht nur eine Frage der Medizinethik, sondern auch der Rechtsethik, eine moralphilosophische Überlegung mit hoch praktischem Geschehensvorstellungen. Es sind Fragen, die sich heute neu stellen, jenseits von Krieg und erlebtem und wieder denkbarem Faschismus.

Das Grundgesetz stellt fest: Alle Menschenleben genießen vor dem Gesetz gleichen Schutz. Es wird schwierig im Konkreten: Wessen Leben geht im Fall der Konkurrenz vor. Ich führe das Beispiel an, wenn zwei Leben gegeneinander abgewogen werden müssen. Man denke an den Konflikt, wenn das Leben der Mutter – erst recht, wenn es noch weitere Knder gibt – und das des ungeborenen Kindes kollidieren. Nach der Rechtsprechung entscheidet man für die Mutter, die Person, die im Leben steht, Veranwtortung trägt für eine Familie, das Leben eines Kindes begleitet und besorgt. Das Ungeborene zwar hat das ganze Leben vor sich, aber es ist noch nicht eingebettet in den sozialen Kontext. Es ist wie ein unbeschriebenes Blatt, ein offener Ausgang. Ohne Schutz und Versorgung durch die Mutter würde man es vielfachen Gefährdungen aussetzen.

Ist das gerecht? Sollte man nicht das perspektivische Leben des ungeborenen Kindes gleich bewerten wie das – vielleicht nur vorgestellte – Leid der Mutter?

Wie gewichtet man das? Kann man einem menschlichen Leben die Priorität, den Vorzug vor dem anderen geben? Kann der Mensch über Leben oder Tod nach Gesichtspunkten von Kosten, Nutzen und zugeteilten Chancen entscheiden?

Schuppentiere – Opfer einer irrationalen Panik

Weißbauch-Schuppentier (Manis tricuspis)

Weißbauch-Schuppentier (Manis tricuspis)
Urheber: Николай Усик / http://paradoxusik.livejournal.com/
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Bis vor gar nicht langer Zeit wusste kaum einer von ihrer Existenz. Schuppentiere, Pangolins , sind archaische Säugetiere mit ungewöhnlicher körperlicher Ausstattung, einer für Säuger ungewöhnlichen Anpassungsleistung, Überbleibsel aus einer vorgeschichtlichen Welt.

Pangolin ist aus dem Malaiischen entlehnt, Peng-guling, üblich im englischen und französischen Sprachraum. Der zoologische Name lautet Manidae, „Totengottähnliche“. Das ist aus dem Lateinischen abgeleitet: manis, Plural manes sind römische Totengötter, ein Bezug, der auf ihre verborgene Lebensweise deutet. Die Ordnung nennt sich Pholidotae, altgriechisch etwa „Krummbeinige“. Entwicklungsgeschichtlich zählen sie zu den Carnivoren, Jägern, Fleischfressern.

Statt eines Haarkleides sind sie auf den Außenseiten ihres Körpers von einem Panzer aus dachziegelartig übereinander angeordneten Schuppen bedeckt, die an einen Tannenzapfen erinnern, ein Aussehen, das ihnen den Namen Tannenzapfentiere eingebracht hat. Dieses Äußere macht sie trotz ihrer bedächtigen Fortbewegungsweise unattraktiv für jeden Fressfeind, der am Ende ratlos vor einer abweisenden Schuppenkugel steht, wenn seine vermeintliche Beute, sein Junges in seinem eingerollten Körper schützend, einfach vor ihm liegen bleibt. Das erinnert an heimische Igel oder amerikanische Skunks, die sich bei Gefahr zusammenziehen und ihr Stachelkleid abweisend aufrichten. Dieses Verhalten ist eine vegetative, instinktgebundene Reaktion und rührt aus einer Zeit, als das Feind-Opfer-Verhältnis noch ein anderes war, eine Antwort auf Bedrohung, die dem menschengemachten Fortschritt nicht standhält.

Schuppentiere leben tagsüber schlafend in verborgenen Winkeln, Erdbauten unter umgestürzten Bäumen mit Gängen und Schlafkammer, deren Eingang mit Schlamm verschlossen wird, oder in unzugänglichen Baumhöhlen, die sich menschlichem Zugriff entziehen. Spürhunden, die auf ihren Geruch abgerichtet sind, sind diese Verstecke nicht gewachsen. Das erleichtert die Jagd auf die tagscheuen Tiere. Schuppentiere sind dämmerungs- und nachtaktiv, leben solitär, kümmern sich nur um ein einzelnes Junges, das sie in ihrer Höhle versorgen, bis es an den Rücken der Mutter geklammert die Welt erkunden kann. Sie klettern mit drei langen Grabkrallen umständlich sich auf- und abwärts hangelnd und gehen gemächlichen Schrittes ihrer Nahrungssuche nach. Sie ernähren sich von Ameisen und Termiten, brechen ohne Eile deren Baue auf und suchen mit der ausfahrbaren, klebrigen Zunge ihres zahnlosen Kiefers nach ihrer spezifischen Nahrung, Eiern und Larven staatenbildender Erdinsekten. Ihre Gelassenheit beziehen sie aus ihrer drachenhaften Unverwundbarkeit, fehlender Nahrungskonkurrenz und dem Schutz der Dunkelheit. Ihr einziger Feind ist der Mensch, aber das erkennt ihr Wahrnehmungs- und Nervensystem nicht, wenn es befiehlt, sich im Verborgenen zu halten, im Zustand des Aufgerolltseins die Schuppen aufzustellen und einen skunk-ähnlichen Stoff aus den Analdrüsen zu verbreiten.

Temminck's Schuppentier

Temminck’s Schuppentier – Quelle: Illustrierter Leitfaden der Naturgeschichte des Thierreiches, 1876 – public domain

Was macht sie aber jetzt plötzlich so berüchtigt, zu Hassobjekten, zu Wesen, deren Berührung man scheuen müsste, die wie Fledertiere zu todbringenden Geißeln der Menschheit werden?

Wie Fledermäuse werden sie als exotische Delikatessen auf den Wildtiermärkten Chinas und Afrikas gehandelt. Ihre Schuppen, sogar auch aus Westafrika eingeführt, gelten besonders in der traditionellen chinesischen Medizin als Aphrodisiakum und Mittel zur Potenzsteigerung. Daher ereilt Schuppentiere die gleiche Verfolgung wie Nashörner, Tiger und Haie, die wegen ihrer besonderen natürlichen Ausstattung bejagt werden.

Ein solcher Wildtiermarkt, wie der im chinesischen Wuhan, ist Ort ungewöhnlichen Kontakts zwischen Menschen und zwischen Tieren, deren Habitate sich normalerweise nicht berühren. Die Tiere werden, auf engstem Raum zusammengepfercht, lebend angeboten. Der Käufer kann ihre Schlachtung verfolgen oder sie lebendig mitnehmen.

Werden also virenverseuchte Wildtiere, deren Ansteckungsrisiko ungewiss ist, weil die Wege, die ein Virus nimmt, unerforscht sind, mit anderen zusammen in benachbarten Käfigen gehalten, kann das Virus leicht Übertragungsschranken überwinden und zur Infektionsquelle für den Menschen werden. Dann steht das verhängnisvolle Tor einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung offen und der Infektionsanstieg wird unabsehbar.

Letztendlich trägt in erster Linie der Mensch die Verantwortung für die Verbreitung des Virus, weil er die nötige Distanz zu den Wildtieren aus den unterschiedlichsten Gründen nicht gewahrt hat. Die Zerstörung von gewachsenen Ökosystemen, aber auch der ungebremste Handel mit Wildtieren, macht den zunehmenden Ausbruch von Epidemien immer wahrscheinlicher.

Fledermäuse – flatternde Nachtgespenster

Zwerg-Fledermaus (Pipistrellus pipistrellus)

Zwerg-Fledermaus (Pipistrellus pipistrellus)
Urheber: Manuel Werner, Nürtingen (Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz Baden-Württemberg)
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In einem mittelalterlichen Gemäuer eines südfranzösischen Dorfes hielt ich einmal ein verirrtes Flattertierchen in meinen Händen. Federleicht und so zart, dass ich das Klopfen seines Herzens in den Fingern spürte. Bewegliche Ohren an einem stumpfnasigen Köpfchen, durchscheinende Gliedmaßen, eingefaltete Flughäute, vom Stummelschwanz bis zu den „Armen“ reichend: Ein winziges Fellbündel, nicht zum Laufen, sondern zum Fliegen bestimmt. Kein Vampirgebiss schlug sich in meinen Hals, kein unheilvolles Schwirren und Flattern entspann sich, als es erleichtert durchs Dachfenster und in die Freiheit der hereinbrechenden Nacht entfloh.

Seit einiger Zeit rücken Fledertiere ins Licht des öffentlichen Interesses. Aber sie stehen in keinem guten Licht. Sie sind nicht einmal Nagetiere wie Ratten, die Überträger der Pest. Sie sind nächtens jagende Insektenfresser, erkennbar an ihrem spitzzahnigen Insektenfressergebiss, wie man es von unterirdisch wirkenden Maulwürfen und ruhelosen Spitzmäusen kennt. Fledermäuse sind lichtscheue, nachtaktive Gesellen. Sie stehen im Verdacht, todbringende Seuchen wie Ebola, Sars, Mers und zuletzt Corona über die Menschheit zu bringen. Aber so einfach und schematisch verhält sich sie Krankheitsübertragung nicht.

Townsend-Langohr (Corynorhinus townsendii)

Townsend-Langohr (Corynorhinus townsendii) – Urheber: PD-USGov, exact author unknown gemeinfrei

Fledermäuse, „Mäuse“ der Lüfte, dieses unsichtbare, lautlos flatternde Getier, sind Säugetiere, ausgestattet mit Flüghäuten und einem ungewöhnlichen, hoch spezialisierten Wahrnehmungssystem. Statt überempfindlicher konventioneller optischer und akustischer Fähigkeiten, wie sie Jägern und Gejagten der Dunkelheit eigen sind, verfügen sie über ein besonderes Ortungsorgan, das dem Echolotsystem eines Kriegsschiffes gleicht. Es gibt Auskunft über die Entfernung und Größe eines Objekts, indem dessen Resonanzstärke ermittelt wird. Diesen Daten werden lebenswichtige Informationen zur Lokalisation und Übereinstimmung des Beuteschemas sowie zur Verhinderung von Kollisionen mit Hindernissen entnommen.
Das Echolotsystem erlaubt Fledermauspopulationen, sich in unzugänglichen Höhlengängen einzurichten und den Tag in stickigem Koloniendunkel zu verdämmern. Eng aneinander geschmiegt hängen sie kopfüber an eigens dazu bestimmten Krallen und erwarten die nächtliche Jagdzeit.

Was sollte sie nun bedrohlich machen?

Fledermäuse sind Virenträger, deren enges Zusammenleben sie mit einer vielfältigen gruppenspezifischen Immunabwehr, einer Herdenimmunität vesieht. Ihr Immunsystem duldet wahrscheinlich ein höheres Virenpotential als das menschliche. Entscheidend könnte dabei die Rolle sein, die Interferone,
von lateinisch interferre, eingreifen, spielen. Es sind Proteine, die eine immunstimulierende, antivirale Wirkung entfalten, indem sie die Zellen gegen die Erreger abschotten.

Zum Zeitpunkt der Erstinfektion in China wurden keine Fledertiere auf dem Wildtiermarkt in der 11-Millionen-Metropole Wuhan angeboten, weil sie sich noch im Winterschlaf befanden. Hinzu kommt, dass die Viren, die Fledermäuse besiedeln, Menschen erst etwas anhaben können, wenn sie über einen Zwischenwirt modifiziert in den menschlichen Körper gelangen. Möglicherweise ist die Ansteckung auf dem dichtbevölkerten Wildtiermarkt von einem infizierten Menschen ausgegangen. Es ist aber auch möglich, dass es sich bei dem Erstkontakt um ein exotisches Wildtier, vielleicht ein Schuppentier, handelte und dass bei einer früheren Berührung mit dem Menschen entweder noch gar kein Virenbefall stattgefunden hatte oder schon eine Antikörperbildung ausgelöst worden war. Man kann die Seuche also erst völlig durchschauen und einen Ansatz zur Durchbrechung der Kettenreaktion aufspüren, wenn man das seinerseits immune Tier identifizieren kann, das als Zwischenwirt das Virus auf den Menschen als letztes Infektionsglied übertragen hat. Aber solange Menschen noch keine eigenen Antikörper bilden können, muss man auf einen künstlich entwickelten Impfstoff bauen, der uns diese Immunfunktion in kurzer Frist abnimmt.

Libellen – wendige Jäger im schillernden Gewand

Zeitlupe: Fliegende Libelle in Zeitlupe
Urheber: Joris Schaap
Creative-Commons-Lizenz

Eine Haarspange aus meiner Kinderzeit hieß Libelle. Sie bestand aus einem aufgebogenen Oval, durch das ein beweglicher Dorn geführt wurde, der eine Haarsträhne waagerecht fixierend unterlief. Was sie mit dem flirrenden Insekt gemeinsam hat, erschließt sich erst bei genauerer Betrachtung.

Der Name Libelle ist bei der Haarspange wie bei dem Insekt eine bildhafte Ableitung. Lateinisch libra bedeutet Waage. Die Diminuitivendng -elle macht daraus eine „kleine Waage“. So elfenhaft der Name Libelle für das schillernde, durchsichtig geflügelte Wesen klingen mag, ist er in Wirklichkeit doch ganz profan hergeleitet: Betrachtet man den Körper einer Libelle, so kann man die T-förmig zum langgestreckten Leib sich rechtwinklig ausstreckenden gleichförmigen Flügelpaare wie Balken einer altertümlichen Handwaage ansehen.

Libellen sind hierzulande wohl die anmutigsten und farbigsten Insekten. Ob im Ruhezustand oder im Flug – sie wirken in ihrer spektralen Farbenpracht, der gläsernen Durchsichtigkeit ihrer feingeäderten Flügel, dem nervös wippenden, langgestreckten Leib und einem von riesigen, schwarzglänzenden Augenpaaren beherrschten Kopf, überirdisch schön und respekteinflößend. Unter den heimischen Fluginsekten sind sie mit einer Flügelspannweite von bis zu mehr als sieben Zentimetern die auffälligsten. Aus urzeitlchen Versteinernungen aus dem Trias und dem Carbon, als das Leben auf der Erde von Insekten beherrscht wurde, kann man ersehen, dass sie damals die zehnfache Größe erreichten.

In der Kunst beleben sie Jugendstilornamente als feingliedrige Wesen, die wie Schwäne, Elfen, Lilien und Blütenranken den dekorativen Charakter eines romantisch verklärten Zeitgeistes zum Ausdruck bringen.

Paarung der Libellen

Paarung der Libellen – Foto: Gerthorst78 – Creative Commons

Im Gegensatz zu anderen Fluginsekten können Libellen ihre Flügel im Ruhezustand nicht auf dem Rücken zusammenfalten. Der bewegliche Kopf, der sich deutlich vom Rumpf abhebt, wird beherrscht von zwei großen Facettenaugen. Drei weitere, mittig darüber angeordnete Augen, vermitteln dem optisch und flugtechnisch hochspezialisierten Insekt Angaben zum Stand des Horizonts und gewährleisten die Erhaltung des Gleichgewichts bei hoher Fluggeschwindigkeit. Außerdem ist der Kopf mit klauenartiken Mundwerkzeugen, Mandibeln, zur Ergreifung der Beute ausgestattet. Gerade sie sind die Merkmale, aus denen sich die zoologische Bezeichnung der Libellen herleitet: Odonata, Gezähnte. Etymologisch erkennt man darin griechisch δόντι, dónti und lateinisch dens, dentis Zahn.

Ein weiteres Merkmal hebt die Libelle von anderen geflügelten Insekten ab: Ihre Flügel bewegen sich unabhängig voneinander wie Rotoren, einer Technik, die sie in der Jagd besonders erfolgreich macht. Mitten im Flug kann sie abdrehen oder stehend verharren. Ihre maximale Fluggeschwindigkeit erreicht 50 km/h; ihr entrinnt keine Beute.

Diese Flugfertigkeiten haben sie zum Vorbild für einen Hubschrauber, einen Helikopter, gemacht.

Der Name Helikopter ist dem Griechischen entlehnt. Wörtlich übersetzt „Drehflügler“, setzt das Wort sich aus griechisch ἕλιξ hélix, Gen. ἕλικος helikos, Windung und πτέρον, ptéron, Flügel, zusammen.
Der griechische Namensbestandteil -pter, Hinweis auf Flügel, taucht in der biologischen Taxonomie häufig auf. Er ist allerdings schwer zu identifizieren, weil unserem phonetischen Empfinden der Laut pt fremd ist. Also trennt man das Wort Helikopter nicht, wie es seiner Herkunft und Zusammnsetzung entspricht: heliko-pter, sondern „*Helikop-ter“.

Ein Hubschrauber steigt und landet wie eine Libelle senkrecht. Und auch wie eine Libelle ändert er unmittelbar die Flugrichtung. Seine Flügel, die Rotoren, vermitteln das Bild voneinander unabhängig rotierender Libellenflügel, während ein langgestreckter, sich nach hinten verjüngender Flugkörper das Gleichgewicht hält.

Die Libelle ist ein Raubinsekt, ein Jäger, der alles ergreift, das er auf dem Wasser oder in der Luft überwältigen kann. Neben Insekten und Spinnen gehören sogar kleinere Libellen und Kaulquappen zu ihrem Beutespektrum. Man sieht Libellen meistens in der Nähe stehender, wasserpflanzenreicher Gewässer, wo ihre Entwicklung beginnt. Sie reicht von der Larve, der larva,, lateinsch Gespenst, Hülle, bis zum adulten Lebewesen, der imago, lateinisch Bildnis. Feuchtgebiete sind ihre bevorzugten Jagd-, Paarungs- und Brutstätten. Hier begegnet man Libellen im Tandemflug, einer speziellen, aufeinander abgestimmten Paarungsstellung. Das Männchen klammert sich dabei an das Weibchen und bringt sein Sperma in eine Öffnung am Hinterleib des Weibchens ein. Dieses lässt seinerseits die befruchteten Eier je nach Art ins Wasser oder eine ausgetrocknete Senke fallen oder klebt sie als Paket an senkrecht aufragende Wasserpflanzen, die den in aufrechter Haltung wachsenden Larven in ihrer frühen Entwicklung Halt geben. Dieses Larvenstadium ist das längste im Insektenleben der Libellen. Sie verbringen es nach dem Schlupf als hochspezialsierte Jäger im Wasser. Sie brauchen für ihr Wachstum, das mit mehreren Häutungen verbunden ist, eiweißreiche, tierische Kost. Ausgerüstet mit einem ausfahrbaren Fangkorb unter dem Kiefer machen sie Jagd auf alles, dessen sie habhaft werden.

Erst nach der Verpuppung der nach menschlichen Vorstellungen hässlichen, graubraunen Larve, die im schlammigen Uferbereich auf Beute lauert, erscheint das fertige Fluginsekt in seiner ganzen Schönheit. Der energiezehrende Lebensabschnitt als Imago ist nur von kurzer Dauer. Er dient der Vermehrung – der Kopulation und Eiablage. Damit hat das Insekt seine Bestimmung erfüllt und stirbt mit dem Ausgang des Sommers.

Libellen sind zwar in ihrer Jagdtechnik hochspezialisierte Raubinsekten. Entgegen aller Befürchtungen sind sie für Menschen ungefährlich. Sie haben keinen Giftstachel und ihre Beißwerkzeuge können nur ihren Beutetieren etwas anhaben.

Corona – die existentielle Beunruhigung durch ein neues Virus

3D-Grafik des SARS-CoV-2-Virions

3D-Grafik des SARS-CoV-2-Virions
Urheber: CDC/ Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAM
gemeinfrei

Ein Gespenst geht um die Welt. Gerade noch schien es weit weg, im fernen China. Nun ist China gar nicht mehr so fern wie noch vor ein paar Jahren. Es ist nicht mehr das Entwicklungsland, nein, es ist im Begriff, alles bisher Dagewesene technisch, wissenschaftlich und ökonomisch hinter sich zu lassen.

Das Gespenst hat den wohlklingenden Namen Corona, lateinisch Kranz, Krone. Diesen Namen teilt das Virus nicht nur mit einem Mädchennamen, sondern auch mit einer Erdbeersorte, deren runder Fruchtkörper – erdbeerspezifisch – von Samen umgeben ist. Der Name verbildlicht das Aussehen des kugeligen Viruskörpers, umgeben von stachelförmigen Ausstülpungen, die ihn wie die Strahlen einer Sonne umgeben. Auch die Sonnenstrahlen werden Corona genannt. Daraus leitet sich der Name des Corona-Virus ab.

Mithilfe der Stacheln dockt das Virus an eine lebende Zelle an. Ein virusgebundenes Enzym verschafft dem fremden Organismus Zugang zu ihr. Ein Enzym ist ein Steuerungselement für die biochemischen Prozesse der Zelle. Der Begriff Enzym ist aus altgriechisch ἐν- en-, in-, und ζύμη zýmē, Hefe, abgeleitet. Damit ist gemeint, daß ein Enzym wie ein Gärstoff einen Umwandlungsvorgang auslöst. Das Protein im Stachel des Virus öffnet die Zelle und bewirkt deren Verschmelzung mit der Virushülle. So gelangt die Erbgutinformation des Virus in den inneren Kern der Zelle, in der sich nun ein gigantischer Umpolungungsprozess in Gang setzt. Indessen geht die Zelle, sobald sie ihre Funktion als Vermehrungskörper erfüllt hat, wie ein geplatzter Luftballon zugrunde und setzt die frisch erbrüteten Viren frei, die nun ihrerseits gesunde Zellen befallen, um sie effektiv, zu ihren eigenen Gunsten, zu steuern. Und abermals vollzieht sich der gleiche Kontrollmechanismus, der die Zahl gekaperter Zellen ständig erweitert.

Das Virus erreicht so in seiner exponentiellen infektiösen Tragweite eine unbekannte Dimension.

Das liegt daran, dass eine exponentielle Entwicklung im Gegensatz zu einer linearen für das menschliche Gehirn schwer vorstellbar ist. In einer linearen Funktion erhöht sich ein Wert stetig, in einer exponentiellen steigend. Es findet ein Vermehrungsprozess statt, der sich selbst beschleunigt. Er beginnt gemächlich, dann vollzieht er sich immer schneller, bis er schließlich einen fast senkrechten Anstieg der Infektionsrate erreicht, weil beim exponentiellen Wachstum in einem festen Zeitraum jeweis eine Verdoppelung der Fallzahl stattfndet.

Das Virus SARS-CoV-2 ist eine Mutation bekannter Influenza-Viren, die schon MERS und SARS (1) verursacht haben, grippale Viruserkrankungen der Lunge, die offenbar von Wildtieren ausgehen, jedoch, um übertragen zu werden, eines Zwischenwirts bedürfen, der seinerseits eine Übertragung auf einen anderen ermöglicht. Dieser Krankheitsüberträger ist bisher noch unbekannt, sodass die vollständige Infektionskette noch im Dunkel liegt. Es gibt Vermutungen, dass es sich um ein Schuppentier handelt, das streng geschützte Pangolin, ein exotisches, archaisch anmutendes Säugetier, dessen Fleisch als Delikatesse, dessen Schuppen als Potenz- und aphrodisierendes Arzneimittel der traditonellen chinesischen Medizin illegal gehandelt werden.

Wurden SARS und MERS noch als fernöstliche Erscheinungen wahrgenommen, versetzt das neuartige Corona-Virus CoV-2 die Welt nun in Alarmstimmung.

Influenza Virus

Influenza Virus
public domain

Viren sind Erreger, die uns aus unkomlizierten Krankheitsverläufen wie einem Schnupfen bekannt sind. Schwerer wiegt dagegen schon das Grippe-Virus, das Influenza-Virus. Sein klangvoller Name, der aus lateinisch influere, einfließen, abgeleitet ist und Begriffe wie Einfluss, Beeinflussung umfasst, lässt schon eher an Gefahr denken. Und tatsächlich, Influenza, die „echte“ Grippe – also alles andere als ein grippaler Infekt, eine harmlose Erkältung – ist eine ernste Infektion, hervorgerufen durch Viren aus einer äußerst vielfältigen Familie.

Ein Virus ist ein Organismus, den als Krankheitserreger zu eliminieren, deshalb so schwierig ist, weil man noch kein Mittel zu seiner Bekämpfung kennt. Man kann sich das Virus vorstellen als eine Art Parasit, der eine Zelle kapert und am Leben eines lebendigen Organismus „saugt“, indem er sie für seine eigenen Bedürfnisse umprogrammiert, sie also entgegen ihrem ureigenen Lebenszweck für die eigenen Überlebensstrategien steuert. So erfüllt sich ihm, dem sexuellen und existentiellen Nicht-Wesen, sein Verlangen nach Überleben und Vervielfältigung.(2)

Das ist bei Bakterien, die zu den Lebewesen zählen, anders, weil sie mit biologischen Mitteln, Antibiotika, bekämpft werden können. Ein Antibiotikum ist ein Medikament, das lebendige Organismen angreift, indem es aus Stoffwechselprodukten von Mikroorganismen gewonnene Substanzen gegen bakterielle Krankheitserreger einsetzt. Das nämlich sagt der Name Antibiotikum aus. Darin steckt anti, αντί,, gegen, und βíος, bios, Leben.

Antibiotika können also nur gegen lebendige Organismen wirken. Dagegen weiß man über Viren noch nicht genug, um sie in ihrer Zwischenexistenz in den Gegensätzen Leben und Material einzuordnen. Ein Virus ist der kleinste Krankheitserreger, der einen lebenden Organismus befällt. Das Virus selbst ist kein Lebewesen: Es fehlt ihm das entscheidende Merkmal des Lebens, der Stoffwechsel. Auch die Art seiner Vermehrung ist tendenziell ungeklärt. Dabei ist die Tatsache seiner Fähigkeit der Reproduktion unstrittig. Ein Virus veranlasst seine Wirtszelle zur Reproduktion, einer Art Manipulation zu seinem eigenen Vorteil und zum Nachteil der parasitär besetzten Zelle, des „Wirts“. Dadurch kommt es zu einem Prozess vehementer Vermehrung der Viren innerhalb der Wirtzelle, bis diese an Überbeanspuchung stirbt und die neu produzierten Viren weitere gesunde Zellen besetzen können. Allerdings – und hier setzt eine kollektiv vermittelte Raffinesse dieses Organismus ein – geschieht das nur bis zu dem Punkt, der den Wirt, dessen vitale Funktion er schmarotzend nutzt, noch möglichst lange am Leben lässt, um sich nicht durch dessen Tod die Lebensgrundlage zu entziehen.

Man kennt seine Zerstörungskraft, seine Überlebens- und Anpassungsfähigkeit. Das macht ihn Lebendigem zwar ähnlich, jedoch umso schwieriger zu bekämpfen. Es wird davon ausgegangen, dass befallene Lebewesen Viren nur durch körpereigene Immunabwehr eliminieren können.

An diesen Gedanken knüpft die Idee von Impfung an. Eine aktive Impfung setzt den Körper einer unbedenklichen Infektion aus und versetzt ihn in die Lage, Abwehrstoffe gegen den Erreger aus eigener Kraft zu bilden und sich des nunmehr identifizierbaren Angreifers in einer Art Körpergedächtnis zu erinnern. Im Falle einer Neuinfektion soll der Körper dadurch befähigt werden, sich gegen einen neuerlichen Angriff zu behaupten, immun zu sein. Die passive Impfung dagegen versorgt den Körper mit bereits entwickeltem Immunmaterial und muss, um wirksam zu bleiben, erneuert werden.

Offenbar helfen nur diese fertigen Impfstoffe bei dieser Art Infektion. Aus diesem Grund arbeiten Sachverständige derzeit an einem entsprechenden Impfstoff.

Was hat es nun mit dem Begriff Virus auf sich? Lateinisch bedeutet virus Saft, Schleim, schließlich gar Gift. Es ist ursprünglich ein Neutrum: das Virus, Genitiv viri, Plural vira.. In der Umgangssprache setzt sich zunehmend statt des neutralen Fachterminus die maskuline Form der Virus durch. Virulenz, aus lateinisch virulentia bedeutet ursprünglich Giftigkeit, schließlich übertragen schädliche Aktivität, Ansteckung; entsprechend bedeutet das Adjektiv virulent „im negativen Sinne aktiv, ansteckend, giftig“. Die neuerdings gebräuchlichen Wörter viral, Viralität besagen „der rasanten Verbreitung eines Virus vergleichbar“.

Die neuartige Corona-Virus-Erkrankung Covid-19, ausgelöst duch das mutierte Virus SARS-CoV-2 ist eine Abkürzung von englisch Corona virus disease, Corona-Virus-Erkrankung, des Jahres 2019, die andere von South-East-Respiratory-Syndrome-Corona-Virus-2.

Die Krankheit begann als Epidemie. Das ist eine Krankheit, die gleichzeitig und kurzfristig eine Vielzahl von Infizierten in einem abgeschlossenen Gebiet befallen hat. Das sagt die Vorsilbe epi-, ἐπί- mit einer räumlich und zeitlich begrenzenden Bedeutung – etwa bei und bis – aus.

Der Epidemie gegenüber steht die Endemie, wobei der Akzent auf der Begrenzung, innerhalb, liegt: ἐν, en, in. Auch die Betonung der Zeitlichkeit ist anders gelagert. Eine Endemie hat eher eine räumliche Betonung, sie betrifft also eine in einem bestimmten, prädestinierten Gebiet auftretende Krankheit, wie etwa Ebola oder Malaria.

Pandemie schließlich geht auf die griechische Vorsilbe παν-, pan-, ganz- zurück. So kommt die Bedeutung umfassende, globale, sich potenziell auf der ganzen Welt verbreitende Krankheit zustande. Die Voraussetzung einer Pandemie ist die Übertragung von Mensch zu Mensch, die erst nach der Übertragung durch den Zwischenwirt stattfindet, sodass sie schließlich per Flugzeug Kontinente überwinden kann. Sie bedarf also keiner exotischen Berührungen mehr, wie sie der Wildtiermarkt in Wuhan nahelegte. Das ist einerseits das besorgniserregende Merkmal der Ausbreitung des neuen Corona-Virus, das längst Grenzen übersprungen hat, andererseits aber auch hier, wie in seinem ursprünglichen Ausbreitungsgebiet, unauffällige Verläufe, unerkannte, symptomarme Fälle, zeitigt, die eine realistische Einschätzung seiner Ausbreitung erschweren.
(1) SARS bedeutet: Severe Acute Respiratory Syndrome /South East Respiratory Syndrome, ausgehend von Fledertieren
MERS bedeutet: Middle East Respiratory Syndrome, ausgehend von Dromedaren
Das neuartige Virus, das die Krankheit bewirkt, heißt SARS-CoV-2.Dabei bedeutet 2, dass ein andersgeartetes – ein neuartiges – Virus vorliegt, als bei bei SARS-CoviD(-1)
Die Krankheit – D = Disease – in ihrem gesamten Verlauf heißt SARS-CoviD-19. Dabei bedeutet 19, daß die Krankheit im Jahre 2019 erstmals auftrat.
(2) – Hier eine leichtverständliche grafisch unterlegte Darstellung über Wirkung und Funktion des Virus:
https://www.nytimes.com/interactive/2020/03/11/science/how-coronavirus-hijacks-your-cells.html
– Hier eine weitere, neuere, gut verständliche Darstellung über die Wege, die das Virus nimmt, um den menschlichen Körper tödlich zu schädigen:
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-05/sars-cov-2-coronavirus-verlauf-lungenkrankheit-herz-blut-rachen

Schmetterlinge – taumelnd zwischen Tag und Traum

Riesen-Nachtfalter in Buea - Kamerun

Riesen-Nachtfalter in Buea – Kamerun – Foto: Prispaman Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Das Nachtlicht hatte ein taumelndes Insekt durchs offene Fenster angelockt. Ein wahrhaft furchterregendes: dunkel gezeichnete Flügel, der Hitze einer Halogenlampe mit schwerem, staubigen Flügelschlag trotzend. Todgeweiht. Das war das unabwendbare Schicksal des Verirrten.

Portrait der Gammaeule

Portrait der Gammaeule
Foto: Walter Eberl
© Walter Eberl / pixelio.de

Düster anmutende Nachtfalter sind nachtaktiv. Sie erscheinen uns wie unheimliche Gestalten, lautlos flatternd, dem lichtgewohnten Auge verborgen. Im Volksmund heißen sie „Eulen“. Wie diese tragen sie ein Kleid, das sie tagsüber mit ihrer Umgebung verschmelzen lässt; „Motten“ sind es, deren Flügelpaare über dem Rücken zusammengekoppelt sind, deren Behaarung und feine Gefiederzacken ihren Flug unhörbar wie den einer Eule machen. Ihre Augen sind groß, ihre Fühlerpaare dick, gezahnt, gesägt oder geweihartig. Nachtgestirne leiten sie, künstliches Licht überfordert ihre instinktgebundene Wahrnehmung bis zum Suizid. Dennoch sind sie Schmetterlinge wie Tagfalter, die uns als bunte Begleiter heller Tage entzücken.

Der Name des Schmetterlings hängt etymologisch mit der deutschen Verb schmettern nicht zusammen. Es würde auch kaum passen auf dieses anmutige Geschöpf. Schmetterling geht zurück auf das alte deutsche Wort Schmetten, Schmand. Das slawische Wort smetana, Sahne, zeigt dies noch immer. Das wird erkennbar in vielen landschaftlichen Namen, die auf eine unliebsame Bedeutung schließen lassen: Buttervogel, Molkendieb, Molkenstehler, Schmandlecker, englisch butterfly, „Butterfliege“, dänisch dagegen sommerfugl, wie auch im Schweizerischen Sommervogel. Dass man ihm vielfach etwas Hexenhaftes zuschrieb, hatte mit dem Sauerwerden der Milch nach seiner Berührung zu tun. Schmetterlinge wurden durch die Flüssigkeit angelockt und infizierten Milch und Sahne mit Keimen, die ihre Haltbarkeit zunichte machte.

Der französische Name des Schmetterlings ist papillon. Er entspricht dem lateinischen papilio. So charmant er klingt, deutet er doch nur auf eine biologische Besonderheit hin. Der medizinische Begriff Papille – etwa Zungenpapille – bezeichnet eine kleine warzenförmige Erhebung. Die dachziegelartig angeordnetenen farbigen Schuppen der Schmetterlingsflügel sind wie Papillen, welche ihre Farbschicht bilden. Die Farbe aber ist in Wirklichkeit eine optische Täuschung. Nicht tatsächliche Farbpigmente, sondern Lichtbrechungen, erzeugt durch eingelagerte chemische Stoffe, die das Sonnenlicht reflektieren, bewirken den visuellen Effekt von farbigen Flügeln.
Auch der Name Falter täuscht. Er bezieht sich nicht auf die Auffaltung der Flügel, sondern ist verwandt mit papilio, papillon und farfalla, dem italienischen Wort für Schmetterling. Dagegen mutet der altgriechische Name des Schmetterlings eher mythologisch an: ψυχή, psyche, Seele, was auf seine schwer fassliche Flatterhaftigkeit und Verletzlichkeit weist. Die Deutung des Schmetterlings als Symbol der Auferstehung, die Befreiung aus dem dunklen, unterirdischen Gefängnis des Puppendaseins ins helle Licht fliegend, gehört zu diesem Verständnis.

Schmetterlinge sind geflügelte Insekten. Der Name Insekt beruht auf dem lateinischen insectum, „das Eingeschnittene“. Entomologie, Insektenkunde, hat schließlich den gleichen Bedeutungshintergrund. Auf Griechisch heißt ἔντομον ,éntomon, „das Eingekerbte“. Beides sagt der deutsche Name Kerbtier aus. Damit gemeint ist die auffällige Teilung zwischen Brustteil und Hinterleib, was die „Wespentaille“ buchstäblich ausdrückt.

Schmetterlinge zieren sich mit ihrem geflügelten Paarungskleid, das sie nach einer oft lange währenden Larvenexistenz, dem Fressstadium, und nach einer Metamorphose in der nahrungslosen Enge des Puppenpanzers angelegt haben. Der Name Puppe entspringt dem lateinischen pupa, Neugeborenes. Die häufig an einem Gespinstfaden gürtelförmige Aufhängung des Kokons oder Chitinpanzers ist einem festgewickelt in einem Steckkissen aufbewahrten Baby vergleichbar. Daraus lässt sich auch ein etymologischer Zusammenhang zwischen pupa, Puppe, Baby und dem landschaftlichen „Bobbel(chen)“ herstellen.

Raupen des kleinen Fuchs

Raupen des kleinen Fuchs
Foto: Uschi Dreiucker
© uschi dreiucker / pixelio.de

Nach seiner Verpuppung, der organisch und optisch unglaublichen Umbildung der Larve zum fertigen Insekt, entpuppt es sich. Das Insekt beißt sich aus seiner Hülle und pumpt seine Flügel mit Flüssigkeit auf. Dieser Prozess der Entpuppung wird oft sprachlich übertragen verwendet. Metaphorisch ausgedrückt bedeutet „sich entpuppen“ sein wahres Gesicht zeigen, sich anders als erwartet verhalten, sich überraschend zu erkennen geben.

So „entfaltet“ durchstreift der Schmetterling seine Welt auf der Suche nach einem Geschlechtspartner, um seine Art zu sichern. Diese Existenzphase des Erwachsenseins heißt Imago – aus εἰκών , altgriechisch Bildnis, „Ikone“ -lateinisch Bild. Sie bildet den Gegensatz zum Stadium der Larve, lateinisch larva, Maske, Gespenst, und zu der schleierartigen Verhüllung der Puppe, altgriechisch νύμφη, Nymphe, Braut. Dieser Begriff weist auf die geschlechtliche Unfertigkeit und die baldige Erfüllung hin, bis sich der fertige Schmetterling seiner bräutlichen Hülle entledigt, um in neuer Gestalt sein Dasein zu vollenden.

Das Leben draußen in der Welt der Lüfte mit auffälligen Flügelpaaren ist gefährlicher noch als das der vielerseits begehrten eiweißreichen, mal mimikryhaft verborgenen, mal bunt gezeichneten, gehörnten, giftig oder widerborstig bewehrten Raupe.[1] Um Fressfeinden zu entkommen, fliegen Schmetterlinge in scheinbar ziellosem Taumelflug, Ihre obere Flügelzeichnung ist in aufgeklapptem Zustand oft eine schwer fassbare Mimikry.

Unter Mimikry versteht man in der Biologie eine Warn- oder Tarntracht, ein Äußeres, das Feinde abschrecken oder ihrem Auge unsichtbar machen soll.

Die meisten Nachtfalter sind mit einer Tarntracht ausgestattet kaum in ihrer Umgebung zu erkennen. So geschützt ruhen sie tagsüber – etwa an der farblich ähnlichen Rinde von Bäumen. Ihre nächtlichen Hauptfeinde sind Fledermäuse, die sich nicht optisch, sondern mit einer Ultraschallsensorik orientieren. Manche Nachtfalter sind dazu in der Lage, mit eigenen Störgeräuschen Ultraschall zu unterlaufen.
Eine typische Warntracht tragen Pfauenaugen, die, von oben betrachtet, mit ihren Augenflecken bedrohliche Gesichter nachahmen.

Mimikry bedeutet englisch Tarnung. Sie ist ein Teil der Mimese, zum Schutz vor Feinden.
In Mimesis, Mimese und Mimikry ist mimen, vortäuschen, darstellen erkennbar. Das altgriechische Wort ist μίμησις, mímēsis,, Nachahmung. Die Mimese verschafft einem Lebewesen einen Selektionsvorteil für seine Existenz und Fortpflanzung.

Das Pfauenauge schützt sich durch Zoomimese, abgeleitet von griechisch ζῷον, zoon, Lebewesen. Darunter versteht man die Annahme der Gestalt abschreckender Tiere. Eine andere Form der Mimese ist die Phytomimese – griechisch φύτον, phyton, Pflanze. Das ist die Nachahmung der Gestalt einer Pflanze: Zusammengeklappt erscheinen manche Falterflügel unbelebt wie ein geädertes welkes Blatt. Ein Beispiel ist das „wandelnde Blatt“, der Indische Blattfalter, mit einer perfekten Tarnung.

Kleiner Fuchs (Aglais urticae)

Kleiner Fuchs (Aglais urticae)
Foto: Böhringer Friedrich
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Ein bunter Schmetterling, der Kleine Fuchs, flattert im Sonnenlicht. Plötzlich ist er verschwunden. Er sitzt, kaum zu entdecken, mit zusammengeklappten Flügeln an einer Pfütze am Boden. Die Unterseite seiner Flügel ist dunkel, sie macht ihn fast unsichtbar. Ein Blick in die Runde gibt Gewissheit: Hier, in der Nähe hoher Brennnesseln zwischen Rhododendron und Ilex, ist seine Heimat. Seine in einem Gespinst gesellig lebenden Raupen, die behaarten Larven, ernähren sich von den Nesseln. Hier legt er seine Eier ab. Von hier kommt er selbst. Brennnesseln schützen ihn und seine Brut, denn wer wagt sich schon in dieses unwirtliche Gestrüpp? Seine Flügel sind orange-rot, schwarz abgesetzt und fein gefeldert und mit einem blassblau geperlten Flügelrand. Sein Leib ist dunkel und behaart. Das erklärt wohl seinen deutschen Namen „Fuchs“; sein zoologischer Aglais urticae bedeutet „Nesselschönheit“, aus griechisch Ἀγλαΐα , die Strahlende, benannt nach einer der drei Chariten, der die Anmut verkörpernden Grazien; lateinisch urtica ist die Brennnessel. „Unkraut“ wie Distel und Brennnessel mag Gärten verunzieren, aber vielen Schmetterlingen, Schönheiten wie dem Tagpfauenauge, dem Schwalbenschwanz und dem Admiral, bietet es einen abgeschirmten Lebensraum.

Viele Schmetterlingsarten nehmen in ihrem sichtbaren Dasein als Imago kaum noch Nahrung zu sich. Sie sitzen an Wasserlachen, um Mineralien aufzunehmen. Sie nippen am zuckerhaltigen Nektar nur ihnen zugänglicher tiefkelchiger Blüten, um ihre Energiereserven aufzufrischen.

Unübersehbar ist der während seiner Blütezeit im Spätsommer von Schmetterlingen umgaukelte Sommerflieder, der „Schmetterlingsflieder“. Phlox, Dost, Geißblatt und Lavendel, sowie Kräuter wie Thymian, Majoran und Basilikum sind ebenfalls eine Schmetterlingsweide – sogar auf dem begrenzten Raum eines Stadtbalkons.[2]

Die Lebensaufgabe eines Schmetterlings erfüllt sich mit der Fortpflanzung und Vermehrung, der Eiablage an Orten, die der Existenz und dem Schutz der Brut dienen.

[1]Eine sehr ausführliche Darstellung der Entwicklung und Abwehr von Feinden ist hier zu finden: https://schmetterlinge.wiki/lebenszyklus/larve/
[2]Hierfinden sich Tips für die Integration schmetterlingsfreundlicher Pflanzen in jede Art gärtnerischer Gestaltung:
https://www.derkleinegarten.de/gartengestaltung/ideen-finden/gartenstile/naturgaerten-und-oekogaerten/schmetterlingsmagneten.html