Das Neutrum im Lateinischen

Zwischen Altgriechisch und Lateinisch besteht eine enge Beziehung –
Ich halte letzteres nur für eine verkürzte Übernahme, vielleicht gar eine Art Dialekt des Altgriechischen, wobei sie lateinischen Schriftzeichen über Herkunft und Aussage hinwegtäuschen.
Es ist ersichtlich, dass vieles vereinfacht wurde, manches – besonders
Alltägliches, Hausgötter und jahreszeitliche Traditionen, Riten und Feste, die archaische Charakterzüge haben – von den Ureinwohnern, den italischen Stämmen, übernommen wurde.

Das Neutrum, das im Lateinischen gar nichts zu tun hat mit „sächliches Geschlecht“, bedeutet
übersetzt „keins von beiden – ne utrum“. Das klingt in der Tat etwas unbedeutend, jedenfalls
so, als wüsste man nicht so recht, was man damit anstellen soll. Es sind aber keineswegs unbedeutende Bezeichnungen, allerdings dem natürlichen Geschlecht auch nicht eindeutig zuzuordnen.

Die Neutra sind auch deutlich in der Minderzahl, wobei das natürliche Geschlecht, das Maskulinum und Femininum bereichert, diese Minderzahl begünstigt. Nur bei den Pronomina scheinen sie gleichgestellt zu sein.

Die folgenden scheinen mir die gängigsten zu sein:
oppidum, die Stadt; templum, der Tempel; donum, das Geschenk; os, der Knochen; mare, das Meer; cornus, das Horn; caput, der Kopf; tempus, die Zeit; genus, das Geschlecht; ius, das Recht; rus, das Land; flumen, der Fluss; numen, der göttliche Wille; nomen, der Name.

Jedenfalls könnte man jeder diese Bezeichnungen etwas Geschlechtsunabhängiges, Übergeordnetes zuordnen, was allerdings umgekehrt auf allerlei andere Bezeichnungen ebenso zutrifft – z. B. Blume, Blatt, Baum, Haus. Warum ist Erde aber weiblich? Weil sie wie eine Mutter immer wieder etwas Neues hervorbringt? Dieses Bild scheint in die meisten Sprachen hineinzureichen.

Neutra enden im Nominativ und Akkusativ immer gleich und im Nominativ Plural immer auf -a. Ein sicheres Erknennungsmerkmal!

Kindchenschema und Anpassung

Fossil of Sciurumimus

Fossil of Sciurumimus
photo: Ghedoghedo
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Von Konrad Lorenz, dem legendären Verhaltensbiologen, der ein gerade aus dem Ei geschlüpftes Gänseküken zum Objekt kindlicher Prägung gemacht hatte, stammt der Begriff des Kindchenschemas. Darunter versteht man den Schlüsselreiz, der bei brutpflegenden Wirbeltieren Brutpflegeverhalten auslöst. Das tatsächlich noch hilflose Geschöpf bestimmt das erwachsene zu Fütterung, Schutz und Pflege. Solche Schlüsselreize werden ausgelöst durch ein bestimmtes äußeres Bild. Es beseht darin, dass das Junge bestimmte Körperformen und -proportionen aufweist, die das erwachsene Tier als Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit interpretiert. Unmittelbar wirkt dieser Reiz auf die Mutter des Kleinen. Aber das Besondere an diesem Reiz-Reaktionsschema ist, dass es auch andere Mitglieder des Clans, der Art, ja, sogar ganz Artfremde wie den Menschen zu solchem Fürsorgeverhalten anregt. Sogar ein Krokodilbaby oder Raubsaurierbaby kann, wie man aus Versteinerungen weiß, auf diese Weise niedlich wirken.

Bestandteile des Reizes „Kindchenschema“ sind vorrangig die Gesichtsform und die Körproportionen. Babyhafte Gesichtsformen sind gekennzeichnet durch große, runde Augen, eine gerundete Stirn- und Wangenpartie, eine kleine Nasen- und Kinnpartie. Dazu gehört eine Körperproportion, die bei Nestlingen durch rundliche, kurze Extremitäten und einen weichen runden Leib gekennzeichet ist.

Bei Mitgliedern des eignen Clans, der eigenen Art, bewirkt dieses Schema eine Pflegereaktion, jedenfalls am ehesten Beißhemmung. Dazu gehört eine Stimmlage, die bei Säugetieren Milchfluss bei anderen einen Fütterungstrieb auslösen.

Kleinkind

Kleinkind
photo: Heather Katsoulis
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Die Bewegungen sind tapsig und unbeholfen – Ausdruck von Hilfs-, Fütterungs- und Tragebedürftigkeit. Nestflüchter unter den Pfleglingen dagegen haben andere, aber gleichermaßen „niedliche“ Körperproportionen – langbeinig und staksig bei Weidetieren, flaumig bei Laufvögeln, dazu mit den typischen Kopfproportionen des Babys, da sie ja schon mit der Herde oder der Vogelgroßfamilie laufen müssen. Das sind Rehkitze, Elefanten-, Giraffen- oder Rinderkälber, die ihren Müttern bei der Futtersuche nachlaufen oder inmitten der Herde von den Erwachsenen wie in einem Schutzmantel umschlossen werden. Am deutlichsten und anrührendsten ist diese Herdenwachsamkeit bei Elefanten, wo sich die weibliche Verwandtschaft, die Tanten, mitverantwortlich für die Aufzucht der Jungen fühlen. Jungtiere sind bei Angriffen durch Großkatzen besonders gefährdet, weil die Angreifer die Silhouetten der Jungtiere instinktiv wahrnehmen.

Viel weniger geschützt sind die Jungtiere der Löwen, die zwar ebenfalls in sozialen Verbänden leben, deren Sozialsystem aber anders geregelt ist. Bei den Löwen gibt es einen Clanchef, dem eine Gruppe von Löwinnen unterstellt ist. Die Löwinnen jagen gemeinsam, versorgen ihn und sorgen für Nachwuchs, den sie auch im Jagen schulen. Wird nun der Clanführer, weil er einem Angreifer unterlegen ist, abgelöst, so vertreibt der neue, stärkere, den alten und beißt seine Jungen tot. Das geschieht, um die Weibchen schnellstmöglich wieder paarungsbereit zu machen, damit seine eigenen Gene fortzupflanzen.

Setzt man voraus, dass jede Art in der Natur Strategien sucht, um erfolgreich zu sein – ihre Jungen großzuziehen und als Art zu überleben – so ist jede Form des Zusammenlebens, der Nahrungssuche, der Aufzucht des Nachwuchses, unter dem Gesichtspunkt der Anpassung an den Lebensraum zu betrachten. Die einen schützen sich durch Menge, die anderen durch besondere Füsorge. Die einen schützen sich selbst durch Tarnung, Gift oder Schnelligkeit, die anderen opfern sich für ihren Nachwuchs auf.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet ist auch das Kindchenschema eine Anpassungsleistung, die ddas Überleben der Art schützen soll.

Motten auf der Spur

Schmetterling im Herbst

Schmetterling im Herbst
photo: Chrisi1964
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Schmetterlinge sind ein Symbol von Anmut und Zartheit. Ihre Flügel – so fein geädert, so bewundernswert gefärbt – bringen uns zum Entzücken. Aber man kennt sie auch, die dunkle Seite: Den Tagfaltern stehen die Nachtfalter gegenüber. Sie scheinen Unheil zu verheißen, wenn sie mit schwerem, trägen Flügelschlag ins sommerlich geöffnete Fenster flattern, der Leselampe entgegen. Wenn sie anderntags verschwunden sind, macht sich seufzend Erleichterung breit.

Nachtfalter unterscheiden sich von Tagfaltern durch ihre „nächtliche“ Dunkelfärbung, ihre großen Köpfe und Fühler und durch ihre Dämmerungsaktivität. Wenn man sie ruhen sieht, sind ihre Flügel parallel zusammengelegt – anders als bei den Tagfaltern, deren Flügel, die farbigen Oberseiten verbergend, im Ruhezustand hoch zusammengeklappt verharren. (1)

Auch Kleidermotten sind Nachtfalter, die sich erst bei einbrechender Nacht zeigen. Wie ihre großen Verwandten suchen sie nach Partnern.

Echte Kleidermotte (Tineola bisselliella)

Echte Kleidermotte (Tineola bisselliella)
photo: Olaf Leillinger
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Kleidermotten werden je nach Lichteinfall plötzlich unsichtbar, deshalb kommt man ihnen so schwer auf die Spur. Zudem sind sie klein und unscheinbar. Sichtbar werden sie nur, wenn sie tagsüber als kleines, schmales Trapez in Augenhöhe an weißen Wänden schlafend verharren.

Das sind immer Männchen. Sie warten auf ihre Dämmerstunde, um die durch Pheromone auf sich aufmerksam machenden, in Wollsachen verborgenen Weibchen aufzuspüren.

Pheromone sind für unsere Nasen nicht wahrnehmbare Sexuallockstoffe. Wolle und Seide sind tierische Eiweiße. Eiweiß brauchen die Weibchen, um Eier zu produzieren, die Männchen für die Spermaproduktion. Kaum hat das Männchen seine Begattungsarbeit vollzogen, begibt sich das Weibchen ans Fressen der eiweißreichen Kost, unsere kaschmir-wollenen und zartseidenen Lieblingsstücke. Wenn man sich wundert, dass gerade die sichtbarsten Stellen heimgesucht werden, so muss man sich vergegenwärtigen, dass durch Husten, Niesen oder Kleckern Zutaten auf den Stoff gelangen, die ihnen als leichtverdauliche Kost entgegenkommen.

Im naturhistorischen Museum wird das Exponat eines Stoffstücks gezeigt, auf dem löchrig zu lesen zu lesen steht: „Sauce“. Das ist ein Hinweis, dass Saucenflecke primär und bevorzugt von Motten heimgesucht werden.

In einem abgelegenen Schrankwinkel der verwaisten elterlichen Wohnung fand ich einmal eine durchsichtige Plastiktüte mit Pferdehaar. Darin waren Hunderte toter Motten, die, aus einem gut versorgten Mottennest stammten, aber den Weg hinaus in ein erfülltes Mottenleben nicht hatten finden können.

Ähnliches beobachten konnte ich bei Mehlmotten, Lebensmittelmotten, die Kleidermotten ähnlich sehen , jedoch auf den Flügeln dunkel gefleckt sind. Sie waren in einen porzellanenen Behälter für Haferflocken hineingekrochen, um ihre gespinstversehenen Mottennester anzulegen.
Aber der Weg zurück war ihnen und den Nachkommen versperrt.Lebensmittelmotten machen auch vor Wolle und Ähnlichem nicht halt.

Fragt man sich, warum die Motten nicht eher bei den Schafen zur Untermiete einziehen, stößt mn tatsächlich auf eine derartige Symbiose. Es gibt nämlich eine Faultierart, in deren algengrünem Fell Motten hausen. Vielleicht kommt diesen Mitbewohnern ja der träge Lebensstil des Dreizehenfaultiers entgegen, das tagelang an einem Ast hängend döst.

Bei den Motten ist es wie bei den Ratten: Während man nur eine einzige mülltonneninspizierende sieht, bleiben hunderte andere unsichtbar.

Was hilft gegen diese Verwüstung?

In der Bibel steht: Legt keine Vorräte kostbarer Kleider an, sie werden ja doch nur von den Motten gefressen. Das Problem ist also uralt.(2)

Weiter ist es hilfreich, seine Sachen nur frisch gewaschen wegzulegen, um keine attraktiven Nahrungsquellen zu schaffen.

Motten mögen, wie die meisten Insekten, nicht die ätherischen Öle, die Lavendel verströmt. Seifen könnte man als für Motten abschreckende, jedoch für uns Menschen angenehme Duftquellen zwischen Pullover legen. Lavendelspray hilft – aber nur kurzfristig. Zwar verlassen die Motten fluchtartig ihr Quartier, suchen sich aber schnell eine neue ungestörte Bleibe in Mützenkörben, Pelzkragen oder Strumpfladen. Hier sollte man auch Vorsorge treffen.

Etwas länger hilft Mottenpapier. Es empfiehlt sich zu überlegen, durch welche Öffnungen oder Holzspalten die kriechenden Weibchen eindringen. Danach sollte man das Papier plazieren.
Man muss zuerst Fächer und Schubladen ausräumen, sie sodann mit dem Staubsauger bearbeiten und mit Essig – besonders die Ecken – auswischen.

Und man muss achtsam bleiben, weil im April leider weitere hungrige und paarungswillige Motten zum Fenster hereinflattern und alsbald folgen ihre Liebhaber.

(1) http://texte.gsimon.de/2019/09/
(2) Mt 6,19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Motten und Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen.

Namen – und wie man ihnen gerecht wird

Ich habe kürzlich einen Film gesehen. Da wollte jemand nicht beim Vornamen genannt werden. Die Hippie-Eltern hätten sich etwas so Unaussprechliches für ihr Kind damals ausgedacht, dass es dem Träger des Namens unausweichlich erschien, stattdessen seinen Nachnamen zum Rufnamen zu machen. Der Mann hieß Sörensen. Der – übrigens sehenswerte – Film hieß „Sörensen hat Angst“. (1)

Er hatte aber nicht wegen seines Namens Angst, sondern wegen einer Angststörung. Das hört sich ungewöhnlch an für einen Kriminalhauptkommissar. Er selbst ist auch ungewöhnlich. Bjarne Mädel, Regisseur und Hauptdarsteller, sieht etwas zerzaust aus mit sehr unkonventionellem Äußeren, ungeschnittenem, windzerzausten Haar und klapprigem Kombi. Aber das ganze Ambiente ist etwas zerzaust – vom Wind im Jahrsezeitenvakuum nahe der Nordsee und weil das Leben trostloser ist, als der stadtmüde Polizist sich das gemütvolle Landleben vorgestellt hat. Verregnete Landschaft, unzugängliche Menschen, unwirtliche Behausungen. Trostlose Kneipe mit Resopaltischen, ehemaliger Landgasthof. Höhepunkt der Trostlosigkeit ist ein abgehalfterter Kurdirektor, dem Alkohol verfallen. Nur mit Mühe erkennt man in ihm – vielleicht an der Brandt-Stimme – den Schauspieler, der sich ja ungern auf einen wiedererkennbaren Typus festlegt. Fluchtimpulse weckt auch der verwahrloste Bauernhof, zu dem die namenlose Kreatur des zugelaufenen Hundes gehört, wo eine mürrische und murrende – unsäglich an Körper und Seele zerzauste – Alte mit der Mistforke ein abschreckendes Regiment führt. Der Hund verzieht sich mit eingezogenem Schwanz vor seiner unflätigen Herrin. Vergeblich wünscht man sich, er möge doch zu seinem neuen Freund zurückkehren.

Meine Eltern haben sich mit meinem Namen etwas ausgedacht, das mich mein Leben lang begleiten sollte. Sie hatten an Kühnheit und Stärke gedacht: kriegerische Kämpferin. Nunja, das ist wirklich doppelt. Gunda, Kämpferin, oder Gundula, kleine Kämpferin, hätten schonenderweise auch genügt. Mein Vater hatte allerdings wenig Freude an meinem Kampfgeist, der sich meistens gegen ihn, den Vater, richtete. Wie hatte ich mir gewünscht, dass er in seiner ganzen Macht mal meinen Lehrern entgegengetreten wäre. Aber das war nur das Ressort meiner zartbesaiteten Mutter.

Ja, man will seinem Kind mit dem Namen etwas mit auf den Lebensweg geben. Namensgeber sind für die Eltern, Helden oder Tugenden, an die sich das Kind anlehnen und die ihm nach außen Geltung verschaffen sollen. Dass einem mehere Vornamen mitgegeben werden, hat den Vorteil, dass man eine gewisse Auswahl in Anspruch nehmen kann. Die fiel mir allerdings schwer. Die Wahl war auf Gunhild Gisela Irmgard gefallen. Meinen Schwestern ging es da nicht viel besser: Gerlind Gisela Hildegrad, Gisela Ingeborg Ottilie, Gertraut Ulrike Elfriede. Mit Ulrike lässt es sich ja noch leben, sagte sich schließlich die Jüngste. Aber das kostete en kleines Sümmchen beim Standesamt, bis es offiziell war.

(1)- (ARD-Mediahek oder https://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/videos/soerensen-hat-angst-video-100.html).
– https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%B6rensen_hat_Angst

Kommunikation als Beitrag zur Evolution

Beim Zusammenfinden einer Gruppe sind Individuen auf Verständigung angewiesen. Das archaische Zusammenleben basiert auf einem verlässlichen Zusammenhalt, um das Überleben der Gruppe zu gewährleisten.

Die Überlebensstrategie, die sich zuerst auf Fütterung des Nachwuchses bezieht, wird durch Schlüsselreize ausgelöst. Diese Reize zur Futterversorgung – angefangen von orangeroter Markierung aufgesperrter Schnäbel bei Nestlingen von Vögeln bis zum Betteln von Säuglingen mit hochfrequentierten Tönen, die als unwiderstehliche Reize Milchfluss bewirken – sind mächtige vegetative Auslöser, die jenseits von bewussten Entscheidungen liegen.

Ein solches Reiz-Reaktionsschema bildet den Beginn von Kommunikation. Ihre Anfänge sind in der engen körperlichen Verbundenheit verwurzelt, wie in Gemeinschaften zu beobachten ist, die Brutpflege betreiben, um als Art erfolgreich zu sein. Eine sprachlich rudimentäre, aber gestisch und modulatorisch höher entwickelte Kommunikationsform besteht zwischen Mutter und Kind in der ersten Lebensphase – eine Verständigung, die sich beim Menschen bereits in der Schwangerschaft entwickelt. Mutter und Kind nehmen einander dabei in allen Lebensäußerungen wahr. Hormone, speziell auf die kindlichen Bedürfnisse abgestimmte Botenstoffe, und Pheromone, Duftstoffe, die unterhalb einer bewussten Wahrnehmung agieren, determieren das Verhalten von Mutter und Säugling. Dadurch verstärkt sich die Bindung zwischen Mutter und Kind, sobald die Nabelschnur durchtrennt und das neue Menschenkind der Welt ausgesetzt ist. Um diesen neuerlichen Anforderungen gewachsen zu sein, braucht der Säugling zunächst die Kommunikation mit der Mutter, die säugt, (den Hunger) stillt; sie macht das Kind still. Die Mutter befindet sich in nahezu permanenter Bereitschaft, ihr Negueborenes zu umsorgen. Diese Sorge ist für das heranwachsende Leben, aber in letzter Konsequenz für die in gleichem Maße alternde soziale Gemeinschaft, in die das Kind hineingeboren wird und in die es hineinwächst, ein Überlebensdiktat. Dieses ist im Sozialstaat verblasst, weil große Lebensgemeinschaften, in denen Alt und Jung füreinander einstehen, der Vergangenheit angehören.

Kaum dem „Traglings“-Alter entwachsen, musste das heranwachsende Mitglied mit der Gruppe laufen. Dabei wurde es nach und nach in die lebensnotwendigen Kenntnisse, Fertigkeiten und Techniken eingeführt, die in den jeweilgen Gesellschaften erforderlich sind. Dieses Lernen basiert auf der Kommunikation, die zuerst zwischen Mutter und Kind angelegt, in der Familie weiterentwickelt und in der gesellschaftlichen Gruppe in Richtung der jeweilgen Bedürfnisse und Begabungen vervollkommnet wird mit dem Ziel, ein brauchbares Mitglied der Gesellschaft heranzubilden.

Was sich hier im Kleinen vollzieht, ist auf die weiterentwickelte Gesellschaft übertragbar. Der Mensch als gesellschaftlches Wesen ist auf Akzeptanz und Verständigung in seiner Gruppe angewiesen. In diesem Mikrokosmos erfährt und lernt er, was lebensnotwendige Normen bedeuten – was richtig und angemessen, was falsch und verfehlt ist. Diese Normen, Maßstäbe und Vorschriften vermittelt die gesellschaftliche Gruppe, die ihn umgibt und schützt, solange er ihre Regeln beachtet. Dagegen straft sie ihn, wenn er gegen ihre Normen verstößt, weil die Gesellschaft dadurch Schaden nimmt. Diesen gesellschaftlichen Normen bleibt er im Heranwachsen verpflichtet, um sie später als die Grundlage sozialen Zusammenlebens an seine Nachkommen weiterzugeben.

Alle diese Normen bedürfen mit zunehmend komplexeren Inhalten des Zusamemnlebens einer Revision der Vereinbarungen. Das führt zu differenzierterer Sprache. Sprache ist das Mittel der Kommunikation, des Sprachkontakts zwischen Individuen, die sich in erlernten Sprachmustern verständigen. Sprache bot zunächst kaum Spielraum zur Selbstentfaltung. Sie wird erst mit zunehmender Kultur bewirkt, die durch mehr Freizeit ermöglicht wird. Weniger Arbeitsdruck durch steigende Effektivität in der Gruppe erzeugt auch einen liberaleren Umgang miteinander. Diese Liberalität lässt andere Tätikeiten zu als die, die das bloße Überleben sichern. Dadurch lösen liberalere Einstellungen zur Erziehung autoritär geprägte Methoden ab. Sie werden als überholt empfunden und weitgehend verworfen. Indem sich die Gesellschaft durch Arbeitsteilung neu schichtet, ensteht ein anderes Sozialgefüge, dessen Schichten sich durch Sprache, Auftreten und Mode voneinander abzuheben suchen. Daneben entsteht auch ein neues Wertesystem. All dies bildet Sprache ab, indem sie Kommunikationsformen ermöglicht, die gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln.

Entwicklungen und Verwicklungen im Zweitspracherwerb

Vater mit Kind und dem Bild der Mutter

Vater mit Kind und dem Bild der Mutter
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Vater, Mutter und Kind sind Bezeichnungen, die Einordnung und Rang in der Familie kennzeichnen. Das Prinzip familiärer Organisation beruht auf emotionaler Zugewandtheit und verlässlicher Präsenz, auf Arbeitsteilung und Verantwortung füreinander. Die gesellschaftliche Umgebung, in der ein Kind aufwächst und sich entfaltet, umgeben von einer Großfamilie, bestehend aus Großeltern, Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen, hat sich grundlegend verändert; die gesellschaftliche Rolle der Familie ist neu definiert. Die Kleinfamilie hat sich den Erfordernissen der modernen Gesellschaft angepasst.

Inzwischen liegen Erziehung und Bildung zunehmend in außerfamiliären Händen. Doch das wird nicht nur als Fortschritt empfunden. Die Befürchtung vieler Eltern, das Heranwachsen ihres Kindes kaum noch verfolgen und gestalten zu können, sich dem Kind zu entfremden, das kann sich unüberschaubar verstärken, wenn kulturelle Hürden gepaart mit Sprachbarrieren die Transparenz pädagogischer Intentionen behindern.

Dem zunehmend solitär lebenden Menschen der postmodernen Industriegesellschaft sind viele soziale Fähigkeiten abhanden gekommen. Dieser Prozess der Vereinzelung, mit dem ein verantwortungsbereites Sozialgefüge kaum mehr verbunden ist, traf besonders außereuropäische Arbeitsmigranten in ihren Grundfesten, weil sie, abrupt aus bäuerlich organisierten Familienverbänden gerissen, auf eine fremde, ganz anders strukturierte Gesellschaft trafen. Dieser Verlust eines familiären Zusammenhalts traf sie deshalb so spürbar, weil die religiös begründeten, patriarchalischen Gesetze in Frage gestellt wurden, die ihre Werte und ihren Glauben begründeten. Das Mutterland war fern und der Fernsprecher teuer.

Die Verwerfungen, die der Anpassungsdruck und die Abgeschiedenheit von der Heimat mit sich brachten, bewirkten einen Realitätsverlust, der sie daran hinderte, die dortigen wie hiesigen gesellschaftlichen Entwicklungen nachzuvollziehen. Diese gebrochene Sicht betraf auch die nachgeholte Familie. Sie ließ elterliches Traditionsbewusstsein und kindliche Neugier aufeinanderprallen, ein Konflikt, der unbeherrschbar wurde, wenn sich Sprachebene und Wortschatz der Generationen einander entfremdeten. Dieser Riss ging bis in die Community selbst, die sich als Bewahrer heimatlicher Werte verstand. Der wechselvolle Einfluss auf die Väter und die heranwachsenden Söhne vollzog sich auch in Freizeiteinrichtungen wie Kulturvereinen, die in vertrauter Atmosphäre ihren Besuchern Zerstreuung, Unterhaltung und Meinungsaustausch bei Treffen und Versammlungen in der Muttersprache boten. Kulturvereine betrachten sich als Vermittler zwischen kulturellen Gegensätzen zu dem Gastland Deutschland. Sie wollen auch für Kinder, Jugendliche und Frauen unterhaltsame, sowohl erneuernde als auch traditionelle Angebote wie Volkstanz und Sprachkurse anbieten.

Namen sind grundlegend für sprachliche Kommunikation in menschlichen Beziehungen. Sie sind das Abbild einer Gruppenstruktur wie der der Familie. Ein Grundbedürfnis nach sprachlicher Kommunikation ist die Anrede, also der Name der Bezugspersonen. Im Namen bildet sich der soziale Bezug ab, die Verwandtschaftsbeziehung, die den sozialen Rang widerspiegelt. So ist in orientalisch geprägten Kulturen das Ansehen und die Autorität männlicher Familienmitglieder umso höher, je älter sie sind. Das älteste unter den Geschwistern wird nicht mit Namen, sondern wie Vater, Onkel, Großvater, die eine natürliche Autorität haben, mit seinem familiären Titel genannt. Diese Struktur ist noch lebendig in der traditionellen türkischen Familie, wo die ältesten Geschwister „Großer Bruder, abi“ oder „Große Schwester, abla“ genannt werden. Diese ehrerbietige Anrede kennzeichnet den Status in der Familienhierarchie.

Noch in den 70er Jahren kam die Mutter eines türkischen Kindes zu einer schulischen Veranstaltung nicht ohne die Begleitung eines möglichst höherrangigen männlichen Mitglieds der Familie. Dieser Vertreter war der Ansprechpartner, der der Mutter alle sprachlichen Inhalte vermittelte, und er war gleichzeitig ihre Stimme. Eine Frau, der man männliche Begleitung zu versagen schien, schadete dem Ruf der Familie. Umgekehrt fühlten sich Frauen in männlicher Begleitung sicherer, bewacht und beschützt, wenn sie in offiziellen Angelegenheiten außerhalb des Hauses zu tun hatten. Der Begleitschutz war gleichzeitig eine Form von Wertschätzung nach den Maßstäben der frühen türkischen Subgesellschaft in Deutschland.

Inzwischen haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert, in der Türkei selbst und in der türkischen Community, die sich teilweise schneller – freudiger und erleichtert – teilweise aber auch langsamer und schwerfälliger anpasst. Rückkehrer haben es so – oder so – schwer, weil Zweisprachigkeit nicht unbedingt auf der sprachlichen Höhe der Zeit zu sein bedeutet und weil man in beiden Heimatländern keinen eindeutigen, soliden Status hat.

Kommunikation und Grammatik

Heinrich Ehring - Kommunikation

Heinrich Ehring – Kommunikation
photo: Andreas-Michael Velten, artwork: Heinrich Ehring
Lizenz: Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)

Im Indogermanischen, dem etymologischen Urgrund der meisten europäischen Sprachen, bedeutet die Zahl drei tri. Das ist nur ein Beispiel für das Grundmuster, das diese Verwandtschaft durchzieht. Dabei stößt man auf ähnliche Anfangskonsonanten, t oder d, gefolgt von einem allen gemeinsanmen r und einem nachfolgenden Vokal, der zwischen ia, i, e, ei und oa changiert. Das wird dann jeweils zu tri, tria, tres, tre, trois, drei, three.

Das Bestimmen von Mengen wie 1, 2 oder 3 sowie die Bezeichnung des engsten Beziehungskreises wie ich und du, Vater und Mutter, Kind und Baby, Bruder und Schwester, Freund und Feind waren die ersten Begriffe, die versprachlicht wurden. Auch Vieh und Haustiere, Lebenswichtiges wie Feuer, Wasser und Salz, Geräte von Pflug bis Topf, Waffen von Messer bis Lanze oder gefährliche Tiere von Bär bis Löwe – all das sollte einen Namen haben, um es der Verständigung zu erschließen.

Der Auftrag eines Wortes ist, die spezifische Information, die seine grammatisch festglegte Form birgt, so weiterzugeben, dass der Empfänger der Nachricht zweifelsfrei unterrichtet wird. Grammatik hat also zum Ziel, eine Ansammlung von Wörtern sinnvoll miteinander zu verknüpfen, indem sie durch Endungen abgewandelt und sprachgerecht positioniert werden. Andernfalls hätte man es mit einem Konglomerat von Wörtern zu tun, denen man keine Information entnehmen könnte.

Die Entwicklung von Sprache erlaubte einer Gruppe von Jägern, körperlich überlegenen Tieren nachzustellen, weil sie ihr arbeitsteiliges Vorgehen sprachlich umsetzen konnten. Sie erlaubte Sammlern, sich über Wege, Gefahren und Fundorte zu verständigen. In Phasen des Sesshaftwerdens erlaubte sie den anderen, die Haus, Garten und Feld bestellten, sich nach Kräften und Erfahrung zu organsieren.

Sprache ist also ein Instrument der Kommunikation. Je höher entwickelt eine soziale Art ist, desto vielfältiger ist ihr sprachlicher Ausdruck, desto stärker wird das Bedürfnis nach einer zuordnenden Grammatik. Triebfeder sprachlicher Kommunikation war, dass Individuen einen überlebensnotwendigen Zusammenhalt suchten und eine differenzierte lautliche Verständigung für gemeinamsame Projekte unabdingbar wurde. Am Ende bedurfte das anfängliche Gemenge inhaltlich tragender Worte und Begriffe einer Struktur, um Beziehungen zwischen Personen, Zeiten, Orten und Verhältnissen zu beschreiben. Zunehmend komplexe Inhalte machten eine ordnende Satzstruktur notwendig und führten zu einer Differenzierungen in Satzbau und Bezehungen im Satz.

Das ist Gegenstand von Syntax und Morphologie.

Syntax , aus altgriechisch σύνταξις syntaxis, setzt sich zusammen aus σύν syn‚ zusammen, und τάξις taxis‚ Ordnung. Die Grammatik versteht darunter die Satzordnung, die Personen, Tätigkiten und Objekte, zueinander in Beziehung setzt. Syntax bedeutet also Satzstruktur, Satzbau..

Ihr gegenüber steht die Morphologie, aus griech μορφολογία. Darin erkennt man μορφή morphé, Form und λόγος, lógos, Wort. Aufgabe der Morphologie ist es, durch Einsatz von Endsilben, Ab- und Umlautungen, die Tempus- und Modus-Beziehungen zwischen den handelnden Personen zu untersuchen. Morphologie bezeichnet also die Veränderung infniter, unbeendeter, Formen. Sie beschreibt Wortveränderungen, die Bezüge verdeutlichen wie Personalendungen von Verben, Kasusendungen von Substantiven, Adjektiven und Partzipien.

Syntax und Morphologie sind also eng miteinander verknüpft. Sie verzahnen grammatische Personen, Zeiten und Handlungen. Sie machen eine Aussage über den Modus, ob sich das Geschehen in der Realität, dem Indikativ, oder im Konjunktiv, dem wiedergebenden oder irrealen Zusammenhang, abspielt und ob es sich um Wunsch oder Wirklichkeit handelt. Zum anderen gibt das Genus verbi, Auskunft darüber, ob das Geschehen aktiv herbeigeführt, im Aktiv steht, oder sich passivisch ereignet, im Passiv, abspielt. Im Imperativ schließlich wird eine Person zum Objekt eines Aufrufs. All das zeigt sich in der Morphologie, die den syntaktischen Strukturen innewohnt.

Syntax und Morphologie sind es, die aus Wörtern einen Satz machen, dem eine Information zu entnehmen ist. Weil sie sinngebend sind, bewirken sie sinnerfassendes Hören und Lesen. Verstehen ergibt sich erst aus einem ordnenden Zusammenhang und aus einer zusammenhängenden Ordnung.

„Das Täublein fleucht aus seiner Gruft …“ – Tauben, die Überlebenskünstler

Kopulierende Ringeltauben

Kopulierende Ringeltauben – Bild: 4028mdk09 – Lizenz: Creative Commons

Stadttauben erscheinen uns trotz ihres schillernden Federkleides nicht gerade als die ansehnlichsten Vögel. Früher hatten diese Rolle die Spatzen, die man oft „Dreckspatzen“ nannte, weil die harmlosen Finken ihre Nahrung in der Nähe menschlichen Konsums fanden.

Spatzen sind selten geworden. Sie erscheinen wie ein Relikt der 50er und 60er Jahre. Manchmal noch tschilpen sie unermüdlich in dichtem Buschwerk – in der Nähe eines kuchenkrümelreichen Cafés, wo sie sich sogar noch sprichwörtlich frech bis an den Tellerrand vorwagen.

Tauben waren damals noch in Taubenschlägen zu Hause. Taubenzüchter überboten einander bei der Zucht besonders dekorativer oder ausnehnmend intelligenter Exemplare, die bei Brieftaubenwettbewerben verschickt wurden und ihren Heimweg instinktiv finden mußten. Das Interesse an diesem Sport ist verloren gegnagen. Taubenschläge gehören der Verangenheit an. Die Tauben, die uns jetzt begegnen, sind verwilderte Felsentauben, Stadttauben. Die anderen, schwereren und an ihrem weißen Halsring erkennbaren sind Ringeltauben, ehemals Waldtauben.

Beide Arten sind zu Kulturfolgern geworden, also Tieren, die sich menschlichen Lebensgewohnheiten angepasst und in dieser Lebensgemeinschaft optimale Überlebensstrategien entwickelt haben. Wohnblocks sind für sie Felsen, Balkone und Mauernischen sind Brutplätze für ohnedies kurze Lebensphasen.

Während Waldtauben ihr Revier auf ungestörte Hintergärten mit Baumbeständen aus unempfindlichen, der Stadtluft trotzenden Alleebäumen verlegt haben, haben die ehedem in Felsspalten brütenden Felsentauben als Stadttauben eine neue Existenzgrundlage gefunden.

So findet man Stadttauben in belebten Gegenden, die für ihre Nahrungssuche vielversprechend sind. Sie sind gelehrige Vögel, die optisch und akustisch fein wahrnehmen. Erst im letzten Moment lassen sie gelassen von ihren Fundstücken ab, bevor sie von einem Auto erfasst würden. Sieht man sie in perfekter Formation aufbrechen, fliegen, wenden oder landen, drängt sich die Frage auf, wie eine Verständigung über diese Gegebenheiten wohl zustande komme. Sie haben offenbar Verständigungsformen, eine Art Schwarmintelligenz, in ihren Gruppen entwickelt, die in Zeiten zurückreichen, die sich unserer Beobachtung entziehen. Wer gibt das Ziel vor, wie wird eine Wendung des Schwarms veranlasst, wie lässt sich ein idealer Gruppenlandeplatz bestimmen, wie werden Jungvögel in dieses komplizierte Geflecht einbezogen?

Vielen Balkonbesitzern ist es lästig, ihre Balkons mit gurrenden, werbenden Tauben zu teilen: Exkrementen, Geräuschen, gar Nestern versucht man durch Netze, flatternde Aluminiumgirlanden, glitzernde Glühbirnen oder vogelscheuchenähnlichen Raben auf Geländern zu begegnen. Eine neue Methode sind dornenbesetzte KLebestreifen, die ihnen eine Landung verwehren. Die Tauben aber sind gelehrig und finden Wege, das menschliche Terrain trotzdem zu erobern.

Dazu braucht es nicht viel, denn sie sind genügsam. Ihr Nest besteht nur aus wenigen, kaum als solches erkennbaren Zweigen. Diese unwirtliche Umgebung genügt für eine kurze Kinderstube, der schon bald eine neue folgen wird. Im Gegensatz zu den meisten brütenden oder Brutpflege treibenden Tieren, sind Taubenküken wenig ansprechend und Beschützerinstinkte erweckend – hervorquellende Augen und nackt bis auf einige Federstummel lassen sie wie ein gerupftes Huhn aussehen. Trotzdem werden sie so gut versorgt, dass sie sich binnen kurzem gefiedert und flügge den Clans der Erwachsenen anschließen – in einer Welt, die nicht mal ihre eigene, sondern eine aus Elementen fremder – menschlicher – Existenz neuerschlossene ist.

Welches Überlebensgen macht sie so erfolgreich?

Wichtig ist wohl in erster Linie ihre Anpassungsfähigkeit, die eine große Zahl von Aufenthaltsorten und Nistplätzen bereithält, ihre fast beliebigen Futterquellen, die sie zu städtischen Allesfressern werden ließ, und ihre bescheidenen Ansprüche an die Ausstattung ihrer Gelege.

Hinzu kommt eine Besonderheit, die sie von anderen Vögeln abhebt und fast in die Nähe von vergleichsweise hochentwickelten Säugetieren rückt, deren Muttermilch die Jungen eine Zeitlang gegen Krankheiten schützt, indem sie eine optimale – verträgliche, abwehrstärkende, umweltgiftarme – Versorgung gewährleistet.

Tauben verfügen in einer Halsfalte über eine Drüse, die dieses Lebenselixier bereithält. Mit dem Schnabel von der Mutter daraus entnommen, wird es den Küken in den aufgesperrten Rachen injiziert. Vielleicht ist dieser Entwicklungsvorsprung das Geheimnis ihrer Überlebensfähigkeit bei ihrem kurzen Weg ins Erwachsensein.

Roms Wurzeln im Griechenland der Antike

Die antiken Städte Latiums, die zusammen die Lateinische Liga bildeten

Die antiken Städte Latiums, die zusammen die Lateinische Liga bildeten – Autor: Cassius Ahenobarbus – Lizenz: Creative Commons

Die lateinische Sprache war ursprünglich die Sprache eines italischen Volksstamms, der Latiner, die nach der Region Latium, deren Zentrum Rom war, benannt war. Lateinisch ist dennoch weniger eine italische als eine Hochsprache, der griechische Wurzeln zugrunde liegen. Aus der Geschichte Roms lassen sich diese sprachlichen, politischen und kulturellen Bindungen und Zusammenhänge herleiten.

Im Gegensatz zu den italischen Völkern waren die Römer Migranten, Eindringlinge aus Griechenland in Italien. Italien ist von Griechenland aus auf dem Seewege leicht erreichbar. Der in nächster Nähe zu Griechenland liegende ostitalische Hafen Brundisium, das heutige kalabrische Brindisi, war zunächst für die Griechen der damaligen Welt Anlaufpunkt, wie später für die Römer Ausgangspunkt, um Griechenland und Italien schnellstwegig zu verbinden.

Der Sage nach landete der aus Troja geflüchtete Held Aeneas mit Vater und Sohn an der Westküste Italiens, im Latium, dem Siedlungsland der Latiner. Er wurde zum Gründungsvater Roms. Auch Odysseus, ein griechischer Held, der, aus dem zerstörten Troja entkommen, mit einigen Getreuen auf der Suche nach heimatlichen Gewässern das Mittelmeer durchkreuzte, kam an der weit ins das Binnenmeer ragenden Halbinsel Italien nicht vorbei. An der Küste Italiens erlebten Odysseus und sein Gefolge Abenteuer zwischen Leben und Tod, die erst durch die Klugheit und Erfahrung des listenreichen Helden einen glimpflichen Ausgang fanden. Hier stießen sie auf die bezaubernde Kirke, die die Gefährten des Odysseus so zu bezirzen vermochte, dass sie allen lebensbedrohenden Umständen zum Trotz die Insel des Schreckens nicht verlassen wollten. Hier fielen sie fast den Sirenen zm Opfer, die loreleyhaft die Schiffer in den Tod zwischen gefährlichen Klippen lockten. Hier vergriffen sie sich an den heiligen Rinderherden des Sonnengottes, der ihnen fortan feindlich gesinnt war. Hier entgingen sie nur knapp dem einäugigen Hirten Polyphem, den Odysseus mit einem Holzspeer geblendet hatte. Der Menschenfresser war ein Sohn Poseidons, dessen Zorn die entwurzelten Seefahrer fortan gnadenlos verfolgte. Auch die wildbewegte Meerenge zwischen Sizilien und der italischen Halbinsel, die erfahrene Seeleute schon immer wegen ihrer nautischen Unwägbarkeiten mieden, blieb den Heimatsuchenden nicht erspart. Sie beherbergte die alles verschlingenden Seeungeheuer Skylla und Charybdis, denen Odysseus nur unter dem Verlust vieler Getreuer entkam.

Griechische Heldenfiguren des Klasssichen Altertums, deren Protagonist Odysseus war, wurden zwischen widerstreitenden Mächten hin und her geworfen, die von leidenchaftlichen Göttern repräsentiert wurden. Denn auch die Götter des Olymp standen sich untereinander in imnmerwährender Fehde oder treuer Verbundenheit gegenüber, wofür sie die Irdischen entweder unter ihr Patronat stellten oder sie erbittert verfolgten: Odysseus hatte die Zeus-Tochter Pallas Athene zur Seite, während ihn der Meeresgott Poseidon mit Macht bedrängte. Gab die dem Kopfe des mächtigen Göttervaters Zeus entsprungene Athene dem heldenhaften Irrfahrenden ideenreiche Intelligenz ein, so bedrohte ihn der Beherrscher der Meere mit ungezähmter Wut.

Die italische Halbinsel liegt als Überbleibsel eines vulkanischen Gebirgsrückens ferner Erdepochen inmitten einer vorzeitlichen Ebene, dem heutigen Mittelmeer. So langgestreckt wie die Halbinsel in das Mittelmeer ragt – von den Alpen bis in die Sichtweite Nordafrikas – beherbergte sie eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Volksstämme. Während Sizilien zur Blütezeit der griechischen Antike eine nahegelegene Kolonie war, also von Griechen besiedelt und landwirtschaftlich zum Korn-, Oliven- und Weinanbau genutzt wurde ,- davon zeugt auch der römische Name „Magna Graecia“ -, ist Norditalien zunächst für Rom nur eine von Kelten bewohnte gallische Provinz, „Gallia cisalpina„, die neben dem heutigen Oberitalien Venetien und Ligurien, sowie die Provinzen Toscana, Emilia Romagnia und Umbrien einschloss.

Als Rom zur Weltmacht seiner Zeit aufgestiegen war, betrachteten sich die Römer als angestammte Herren des Mittelmeeres und gaben ihm stolz den Namen „mare nostrum„, unser Meer. Hervorgegangen aus griechischer Kultur und Geschichte, die sich einerseits aus mythologischen Irrfahrten und andererseits aus kulturellen und kolonialen Vermischungen und räumlicher Nähe speiste, zeigt sich auch in der lateinischen Sprache eine deutliche Bezogenheit auf die griechische. Gerade die begriffliche Abbildbarkeit von Rhetorik, daneben besonders Philosophie, Religion, Poetik, Architektur und Kunst sind vom Griechischen geprägt. So ist das olympische Göttersystem des offiziellen klassischen Roms von den Griechen übernommen und mit römischen Namen versehen worden. Dagegen sind die weniger bedeutsamen Gottheiten, die Hausgötter, die mit Hausaltären versehenen Penaten, die der familiären Privatheit ihren Segen gaben, und Gottheiten traditioneller altrömischer Feste, neben den griechisch-olympischen erhalten geblieben. Gegenüber den bildungsnahen griechischen Überlieferungen bediente man sich im Alltäglichen, Familiären und Militärischen einer nüchternen Sprache. Das wird besonders deutlich an den Namen, die oft eine Abbildung der familiären Herkunft, sogar oft nur eine Nummerierung in der Geschwisterfolge sind.

Rom war eine Sklavenhaltergesellschaft. Militärische Erfolge wurden von den Männern errungen. Damit die Arbeit zu Hause erfüllt werden konnte, war Sklavenarbeit unerlässlich. Auch in der Kriegsführung wurden Sklaven eingesetzt, etwa als Galeerensklaven, die festgekettet waren, um sie kontrollierbar zu machen.

Sklaven aus dem gebildeten Griechenland waren qualifizierte Haushalter – „Philostratos, des Hauses redlicher Hüter“, der treue Haushalter, den Schiller seinen Herrn warnen lässt umzukehren,bevor ihn das grausame Urteil der Kreuzigung erreichte, – griechische Intellektuelle waren die Hauslehrer begüterter Römer, zuständig für die klassische Bildung der Söhne, die sich erst im Alter von etwa 10 Jahren den intellektuellen Wegen der Väter anschlossen. Söhne schlichterer Abstammung folgten ihren Vätern dagegen als Lehrlinge des Kriegshandwerks im Tross auf ausgedehnten Eroberungszügen.

Mit dem Aufstieg Roms zur Weltmacht und zum Beherrscher des Mittelmeers verloren auch die früheren kulturellen und politischen Zentren wie Athen, Alexandria und Carthago an Bedeutung. Die lateinische Sprache wurde Kirchensprache und lingua franca, der Weltsprache früherer weitgereister Kaufleute, während Griechisch nur noch für die neutestamentarische christliche Theologie von Bedeutung blieb.

Die griechische Schrift unterscheidet sich im formalen Buchstabenbestand und deren Aussprache von der römischen, die als lateinische Schrift im sich formenden Europa und damit bis in die Neue Welt, Amerika, Weltgeltung errang. Der Name der römischen Sprache war Lateinisch.

Dieser Name leitet sich ab von Latium, jener flachen, sumpfigen und seenreichen, zugleich fruchtbaren Landschaft südlich von Rom. Latium bedeutet „das Weite, Ausgebreitete“, aus latus, ‚weit, breit‘ Die Ureinwohner nannten sich Latiner. Das Latium ist die Landschaft mit dem späteren Zentrum Rom. Hier an der Tibermündung nahe dem Hafen Ostia ließen sich die griechischen Migranten nieder, von dort breiteten sie sich aus, indem sie sich mit den italischen Stämmen vermischten, wie es die Sage vom Raub der Sabinerinnen schildert, die den Frauenmangel der Einwanderer illustriert.

So brachten griechische Migranten und Kolonisatoren Grundzüge ihrer Sprache – besonders der Grammatik und der Elemente der Bildungssprache – nach Rom, während Anteile der Sprachen, die von den italischen Ureinwohnern gesprochen wurden, die Alltagssprache in Haus, Handwerk und Militär bestimmten.

Gendern oder generisches Maskulinum?

Das Römische Weltreich um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr.

Das Römische Weltreich um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. – Quelle: Meyers Konversations-Lexikon – public domain

Gerade das Englische spiegelt in seinem großen Bestand an Lehn- und Fremdwörtern den kulturellen Einfluss der römischen Vorherrschaft in Europa wider. Das hat sich auf die englische Hochsprache ausgewirkt, während die Alltagssprache durch sächsische Sprachelemente gekennzeichnet war. Später war die Nähe zu den nordfranzösischen Normannen, die England auch kulturell und politisch nahestanden, prägend. Deshalb gibt es im Englischen so viele Wörter, die dem Lateinischen und sogar dem Griechischen entlehnt sind.

to gender“ ist das englische Verb, das gendern zugrunde liegt. Es bedeutet, ein personenbezogenes maskulines Wort mit einer femininen Nachsilbe zu versehen, um es als Femininum explizit zu kennzeichnen. Es kommt aus dem Lateinischen. Darin enthalten ist zunächst gens, Volksstamm, schließlich genus, Geschlecht, Herkunft.

Auch im Deutschen gibt es Fremdwörter, die darauf Bezug nehmen: z. B. Genus – grammatisches Geschlecht, Gen – Erbgutträger, generisch – beide Geschlechter umfassend, weiter von Generikum – dem Original vergleichbares Medikament, bis Gentrifizierung – Aufwertung und Verteuerung eines Stadtteils. Das darin enthaltene Wort gentry, niederer Adel, ist von dem altfranzösischen genterie, Adel, abgeleitet.

Heute gendert man, um eine Zurücksetzung von Frauen auszuschließen. Verstand man früher unter einem Wort mit männlicher Nachsilbe, z. B. der Einwohner, dessen männliches grammatisches Geschlecht, durch die Nachsilbe -er gekennzeichnet war, sowohl männliche als auch weibliche Menschen, so sieht man heute die Notwendigkeit zu differenzieren, um Frauen nicht hinter Männern zurückzusetzen. Die Verständigung darüber betrifft nur das grammatische, nicht aber das sexuelle Geschlecht. Das generische Maskulinum beansprucht, beide Geschlechter zu umfassen, während ihm neuerdings unterstellt wird, Frauen nur mitzumeinen . Aus diesem Missverständnis hat sich das Verständnis einer Herabsetzung von Frauen ergeben. Deshalb spricht man heutzutage ‚gendergerecht‘ von Einwohnerinnen und Einwohnern, Einwohnenden, EinwohnerInnen oder Einwohner*innen, oder gendergerecht gesprochen Einwohner_Innen. Auf diese Weise wird das ursprünglich wertfrei gebrauchte grammatische Geschlecht zum sexuellen Geschlecht umgedeutet. Dadurch erst entsteht eine Belastung, die dem unvoreingenommenen Sprecher aufgebürdet wird. Um nicht als frauenfeindlich zu gelten, unterwirft er sich grammatisch und semantisch fragwürdigen Regeln.

Im Indogermanischen, dem Urspung vieler europäischer Sprachen, ist es üblich, keinen grammatischen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Wesen zu machen. Die Trennungslinie verlief also nur zwischen Lebewesen und Dingen. Im Lateinischen, das dem Griechischen nahe verwandt ist, ist das daran erkennbar, dass Wörter, die auf -s endeten, sowohl männliche als auch weibliche Bedeutung haben konnten. Erst als im späten Indogermanischen, als das -a als weibliche Genusmarkierung entstand, konnte man durch ein adjektivisches Attribut Geschlechtsunterschiede verdeutlichen: dux bonus versus dux bona. Ähnlich mag es sich mit rex, König, verhalten haben, bevor regina – Königin, mit der Zunahme internationaler Politik Roms notwendig wurde. Denn in Rom bestimmten Männer Politik und Militär. Mit zweiendigen Adjektiven und Präsenspartzipien, die der gemischten Deklination folgen, verhält es sich ähnlich. Unterschieden wird nur das sächliche Geschlecht.

Dagegen soll jedes maskuline Wort im Deutschen, mit einer femininen Endung versehen, zu einer Differenzierung in Männer und Frauen führen. Diese Sichtweise sieht es nicht als selbstverständlich an, dass die Mitglieder eines Gemeinwesens aus Männern und Frauen, also aus Mitgliedern beiderlei Geschlechts, bestehen. Sie beansprucht eine bewusste Nennung femininer Begriffe neben den maskulinen.

Sprache ist eigen, dass sie, statt etwas mitzumeinen, die kürzere Form als Standardgenus verwendet. Das nennt man fachsprachlich Ikonisierung und bedeutet übergreifendes Zeichen oder Kürzel, eine Art icon, Symbolbild oder Piktogramm. Das Wort ist aus dem Griechischen entlehnt, wo εἰκών, Bild heißt. In diesem Sinne ist unter Ikoniserung zu verstehen, dass ein männliches – naturgemäß kürzeres – Wort als Verbildlichung der ihm entlehnten weiteren Genera fungiert. (1)

Heute versucht man, feminine Mitgemeintheiten durch sprachliche Neuschöpfungen zu ersetzen. Üblicherweise spricht man demgemäß also in offiziellen Zusammenhängen von Richterinnen und Richtern oder von Richter*innen, von RichterInnen oder Richtenden. Abgesehen davon, dass die Lesefreundlichkeit und der gute Stil dafür geopfert werden, ist zu spüren, dass -innen und entsprechende Zeichen bereits zu Automatismen geführt haben, denen bisweilen widersinnige Wortbildungen entspringen. Das übernimmt man neuerdings im Mündlichen, um deutlich zu machen, dass man das weibliche Geschlecht mitbezeichnet, indem das beim Sprechen durch eine kleine Pause angedeutet wird: Das klingt etwa wie „Lehrer…Innen“. Differenziert wird dann allerdings im moralischen Kontext: Geht es um Vergewaltigung oder Raub und Mord, verzichtet man eher auf das Gendern.

Als ähnlich angestrengt erscheint es, wenn Indefinitpronomen – „der andere und die andere“, „keiner und keine“ oder „jeder und jede“ – dem erzwungenen Gendern zum Opfer fallen. Indefinitpronomen sagt ja bereits aus, dass die Person (2) nicht genauer bezeichnet werden muss.

Im Mittel- und Althochdeutschen war das Indefinitpronomen man eine Bezeichnung für ein denkendes und aufrecht gehendes Wesen. Es differenzierte also nicht zwischen Frau und Mann. Aus dem Substantiv Mann, männlicher Mensch, scheint sich das Indefinitpronomen man abzuleiten, und es ist ersichtlich, dass sein Bedeutungsursprung „denkendes, aufrecht gehendes Wesen“ nicht geschlechtsdifferenzierend ist.

Erst diesem Wesen, das sich wegen seiner Triebkontrolle und seiner Fähigkeit zu geistiger Unabhängigkeit zum Menschen entwickeln konnte, gab die Sprache den Namen man. Er bedeutet also menschliches Wesen. Damit sind Frau und Mann gemeint. Daraus entwickelte sich der Begriff Mann, der also ursprünglich gar keine erhöhende Abgrenzung zum weiblichen Begriff Frau enthält.

Im Englischen bedeutet man sowohl Mann, Mensch als auch man. Das spiegelt der Begriff mankind wider. Es heißt Menschheit, und es ist selbstverständlich, dass damit die menschliche Art gemeint ist.

Im Lateinischen heißt Mensch homo. In homo enthalten ist homilis, gleich, im Vergleich zu Göttern auch humilis, niedrig – und humus, Erde, das inhaltlich zusammengenommen „der Erdgemachte, der Erdenbürger, der Sterbliche“ versinnbildlicht. Es deutet darauf hin, dass man sich schon in der Antike über den Stoffekreislauf, der sich in der belebten Natur vollzieht, im Klaren war und dass himmlische und irdische Kräfte und Mächte als ein Überbau verstanden wurde, dessen Herrschaft durch die unsterblichen Götter, die Moral und Sittlichkeit vertraten, gewährleistet wurde.

Das lateinische Wort für Mann lautet vir. Es ist abgeleitet von virtus, männliche Tugend, einem Wort, das seinen Ursprung im Namen der Göttin Virtus hat, die für militärische Tapferkeit steht. Dem zugrunde liegt ein Ehrbegriff, der auf den vier Kardinaltugenden Platos gründet: Klugheit, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit. Ebenfalls davon abgeleitet ist virgo, Jungfrau, deren Zustand der „Unberührtheit“ man besondere Ehr- und Tugendhaftigkeit als Ausdruck von Widerstandskraft gegen sexuelle Gelüste und Verführungen zuschrieb.

Dagegen liegt die Herkunft des griechischen Wortes ἄνθρωπο, anthrōpos, Mensch, im Dunkel. Es wird angenommen, dass es, aus vorgriechischer Zeit stammend und ohne sprachlichen Bezug zu erkennbaren indogermanischen Wurzeln, eine Bedeutung repräsentiert, die sich möglicherweise aus der aufrechten Haltung und dem vorwärtsgerichteten Gesicht herleitet, Merkmalen, die den Menschen vom Tier unterscheiden. So könnte man in anthropos anti, gegen, und tropos, Wendung, „der Vorwärtsgewendete“ erkennen.

Welches Menschenbild man dem Gendern auch zugrundelegt, in der Sprachgeschichte war schon immer der Mensch das entscheidende Differenzierungsmerkmal, sei es, dass es um die Unterscheidung des Menschen vom Tier ging, sei es, um dem gottesbildähnlichen Menschen seine Vergänglichkeit gegenüber den unsterblichen Göttern, gegenüber Gott, zu vergegenwärtigen. Der generische Widerspruch Mann versus Frau ist darin nicht enthalten.

Ist das generische Maskulinum vielleicht gar keine Frauen-diskriminierende Verkürzung, indem sie vielfältige, unterschiedliche Genus-spezifische Endungen bereitstellt, die dem überall präsenten Englisch fehlen? Gibt die Doppelt-Nennung, die Ikonisierung duch ‚Sternchen‘ und das Binnen-I, gibt deren mündliche Markierung durch unerwartete Pausen der Sprache Verständlichkeit? Ist denn nicht gerade Verständlichkeit das oberste Postulat an Sprache?

Aus dieser Sicht ergibt sich die Schlussfolgerung, dass ein grammatischer Plural weiblichen und männlichen Gliedern gilt. Alle zusätzlichen Kennzeichnungen weiblicher Geschlechtszugehörigkeit hemmen den Sprechfluss hier, führen das Hörverständnis in die Irre dort und beeinträchtigen insgesamt das Textverständnis.

(1) https://www.belleslettres.eu/content/sprache/ikonizitat-geistig-geistlich
(2) „die Person“, „Mensch als Individuum, in seiner spezifischen Eigenart als Träger eines einheitlichen, bewussten Ichs“ (Duden) ist weiblichen Geschlechts, aus lateinsch per sona, durch den Klang (sona, ae f.) hindurch. In der Grammatik bedeutet Person ein grammatisches Merkmal.