„Das Täublein fleucht aus seiner Gruft …“ – Stadttauben, die Überlebenskünstler

Kopulierende Ringeltauben

Kopulierende Ringeltauben – Bild: 4028mdk09 – Lizenz: Creative Commons

Stadttauben erscheinen uns trotz ihres schillernden Federkleides nicht gerade als die ansehnlichsten Vögel. Früher hatten diese Rolle die Spatzen, die man oft „Dreckspatzen“ nannte, weil die harmlosen Finken ihre Nahrung in der Nähe menschlichen Konsums fanden.

Spatzen sind selten geworden. Sie erscheinen wie ein Relikt der 50er und 60er Jahre. Manchmal noch tschilpen sie unermüdlich in dichtem Buschwerk – in der Nähe eines kuchenkrümelreichen Cafés, wo sie sich sogar noch sprichwörtlich frech bis an den Tellerrand vorwagen.

Tauben waren damals noch in Taubenschlägen zu Hause. Taubenzüchter überboten einander bei der Zucht besonders dekorativer oder ausnehnmend intelligenter Exemplare, die bei Brieftaubenwettbewerben verschickt wurden und ihren Heimweg instinktiv finden mußten. Das Interesse an diesem Sport ist verloren gegnagen. Taubenschläge gehören der Verangenheit an. Die Tauben, die uns jetzt begegnen, sind verwilderte Felsentauben, Stadttauben. Die anderen, schwereren und an ihrem weißen Halsring erkennbaren sind Ringeltauben oder Waldtauben.

Beide Arten sind zu Kulturfolgern geworden, also Tieren, die sich menschlichen Lebensgewohnheiten angepasst und in dieser Lebensgemeinschaft optimale Überlebensstrategien entwickelt haben. Wohnblocks sind für sie Felsen, Balkone und Mauernischen Brutplätze für ohnedies kurze Lebensphasen.

Während Waldtauben ihr Revier auf ungestörte Hintergärten mit Baumbeständen aus unempfindlichen, der Stadtluft trotzenden Alleebäumen verlegt haben, haben die ehedem in Felsspalten brütenden Felsentauben als Stadttauben eine neue Existenzgrundlage gefunden.

So findet man Stadttauben in belebten Gegenden, die für ihre Nahrungssuche vielversprechend sind. Sie sind gelehrige Vögel, die optisch und akustisch fein wahrnehmen. Erst im letzten Moment lassen sie von ihren Fundstücken ab, bevor sie von einem Auto erfasst würden. Sieht man sie in perfekter Formation aufbrechen, fliegen, wenden oder landen, drängt sich die Frage auf, wie eine Verständigung über diese Gegebenheiten wohl zustande komme. Sie haben offenbar Verständigungsformen, eine Art Schwarmintelligenz, in ihren Gruppen entwickelt, die in Zeiten zurückreichen, die sich unserer Beobachtung entziehen. Wer gibt das Ziel vor, wie wird eine Wendung des Schwarms veranlasst, wie lässt sich ein idealer Gruppenlandeplatz bestimmen, wie werden Jungvögel in dieses komplizierte Geflecht einbezogen?

Vielen Balkonbesitzern ist es lästig, ihre Balkons mit gurrenden, werbenden Tauben zu teilen: Exkrementen, Geräuschen, gar Nestern versucht man durch Netze, flatternde Aluminiumgirlanden, glitzernde Glühbirnen oder vogelscheuchenähnlichen Raben auf Geländern zu begegnen. Eine neue Methode sind dornenbesetzte KLebestreifen, die ihnen eine Landung verwehren. Die Tauben aber sind gelehrig und finden Wege, das menschliche Terrain trotzdem zu erobern.

Dazu braucht es nicht viel, denn sie sind genügsam. Ihr Nest besteht nur aus wenigen, kaum erkennbaren Zweigen. Diese unwirtliche Umgebung genügt für eine kurze Kinderstube, der schon bald neue folgen. Im Gegensatz zu den meisten brütenden und Brutpflege treibenden Tieren, sind Taubenküken alles andere als ansprechend – hervorquellende Augen und nackt bis auf einige Federstummel, die sie wie ein gerupftes Huhn aussehen lassen. Trotzdem werden sie so gut versorgt, dass sie sich binnen kurzem gefiedert und flügge den Clans der Erwachsenen anschließen – in einer Welt, die nicht mal ihre eigene, sondern eine neuerschlossene ist.

Welches Überlebensgen macht sie so erfolgreich?

Wichtig ist wohl in erster Linie ihre Anpassungsfähigkeit, die eine große Zahl von Aufenthaltsorten und Nistplätzen bereithält, ihre fast beliebigen Futterquellen, die sie zu städtischen Allesfressern werden ließ, und ihre bescheidenen Ansprüche an die Ausstattung ihrer Gelege.

Hinzu kommt eine Besonderheit, die sie von anderen Vögeln abhebt und fast in die Nähe von vergleichsweise hochentwickelten Säugetieren rückt, deren Muttermilch die Jungen eine Zeitlang gegen Krankheiten schützt, indem sie eine optimale – verträgliche, abwehrstärkende, umweltgiftarme – Versorgung gewährleistet.

Tauben verfügen in einer Halsfalte über eine Drüse, die dieses Lebenselixier bereithält. Mit dem Schnabel von der Mutter daraus entnommen, wird es den Küken in den aufgesperrten Rachen injiziert. Vielleicht ist dieser Entwicklungsvorsprung das Geheimnis ihrer Überlebensfähigkeit bei ihrem kurzen Weg ins Erwachsensein.

Roms Wurzeln im Griechenland der Antike

Die antiken Städte Latiums, die zusammen die Lateinische Liga bildeten

Die antiken Städte Latiums, die zusammen die Lateinische Liga bildeten – Autor: Cassius Ahenobarbus – Lizenz: Creative Commons

Die lateinische Sprache war ursprünglich die Sprache eines italischen Volksstamms, der Latiner, die nach der Region Latium, deren Zentrum Rom war, benannt war. Lateinisch ist dennoch weniger eine italische, sondern eine Hochsprache, der griechische Wurzeln zugrunde liegen. Aus der Geschichte Roms lassen sich diese sprachlichen, politischen und kulturellen Bindungen und Zusammenhänge herleiten.

Im Gegensatz zu den italischen Völkern waren die Römer griechische Eindringlinge in Italien. Italien ist von Griechenland aus auf dem Seewege leicht erreichbar. Der in nächster Nähe zu Griechenland liegende ostitalische Hafen Brundisium, das heutige kalabrische Brindisi, war zunächst für sie Anlaufpunkt, wie später für die Römer Ausgangspunkt, um Griechenland und Italien schnellstwegig zu verbinden.

Der Sage nach landete der aus Troja geflüchtete Held Aeneas mit Vater und Sohn an der Westküste Italiens, dem Siedlungsland der Latiner, dem Latium. Er wurde zum Gründungsvater Roms. Auch Odysseus, ein griechischer Held, der, aus dem zerstörten Troja entkommen, mit einigen Getreuen auf der Suche nach heimatlichen Gewässern das Mittelmeer durchkreuzte, kam an der Halbinsel Italien nicht vorbei. An der Küste Italiens erlebten Odysseus und sein Gefolge Abenteuer zwischen Leben und Tod, die oft genug erst durch die Klugheit und Erfahrung des listenreichen Helden einen glimpflichen Ausgang fanden. Hier, an der Küste Italiens, stießen sie auf die Zauberin Kirke, die Sirenen, die loreleyhaft die Schiffer in den Tod trieben; hier vergriffen sie sich an den heiligen Rinderherden des Sonnengottes, der ihnen fortan feindlich gesinnt war. Auch die wildbewegte Meerenge zwischen Sizilien und der italischen Halbinsel, die erfahrene Seeleute schon immer wegen ihrer nautischen Unwägbarkeiten mieden, blieb ihnen nicht erspart. Sie beherbergte der antiken Sage nach die alles verschlingenden Seeungeheuer Skylla und Charybdis, denen Odysseus nur unter dem Verlust vieler Getreuer entkam.

Die italische Halbinsel liegt als Überbleibsel eines vulkanischen Gebirgsrückens ferner Erdepochen inmitten einer vorzeitlichen Ebene, dem heutigen Mittelmeer. So langgestreckt wie die Halbinsel in das Mittelmeer ragt – von den Alpen bis in die Sichtweite Nordafrikas – beherbergte sie eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Volksstämme. Während Sizilien zur Blütezeit der griechischen Antike eine nahegelegene Kolonie war, also von Griechen besiedelt und landwirtschaftlich zum Korn-, Oliven- und Weinanbau genutzt wurde ,- davon zeugt auch der römische Name „Magna Graecia“ -, ist Norditalien zunächst für Rom nur eine von Kelten bewohnte gallische Provinz, „Gallia cisalpina„, die neben dem heutigen Oberitalien Venetien und Ligurien, sowie die Provinzen Toscana, Emilia Romagnia und Umbrien einschloss.

Als Rom zur Weltmacht seiner Zeit aufgestiegen war, betrachteten sich die Römer als angestammte Herren des Mittelmeeres und gaben ihm stolz den Namen „mare nostrum„, unser Meer. Hervorgegangen aus griechischer Kultur und Geschichte, die sich einerseits aus mythologischen Irrfahrten und andererseits aus kulturellen und kolonialen Vermischungen und räumlicher Nähe speiste, zeigt sich auch in der lateinischen Sprache eine deutliche Bezogenheit auf die griechische. Gerade die begriffliche Abbildbarkeit von Rhetorik, daneben besonders Philosophie, Religion, Poetik, Architektur und Kunst sind vom Griechischen geprägt. So ist das olympische Göttersystem des offiziellen klassischen Roms von den Griechen übernommen und mit römischen Namen versehen worden. Dagegen sind die weniger bedeutsamen Gottheiten, die Hausgötter, die mit Hausaltären versehenen Penaten, die der familiären Privatheit ihren Segen gaben, und Gottheiten traditioneller altrömischer Feste, neben den griechisch-olympischen erhalten geblieben. Gegenüber den bildungsnahen griechischen Überlieferungen bediente man sich im Alltäglichen, Familiären und Militärischen einer nüchternen Sprache. Das wird besonders deutlich an den Namen, die oft eine Abbildung der familiären Herkunft, sogar oft nur eine Nummerierung in der Geschwisterfolge sind.

Rom war eine Sklavenhaltergesellschaft. Militärische Erfolge wurden von den Männern errungen. Damit die Arbeit zu Hause erfüllt werden konnte, war Sklavenarbeit unerlässlich. Auch in der Kriegsführung wurden Sklaven eingesetzt, etwa als Galeerensklaven, die festgekettet waren, um sie kontrollierbar zu machen.

Sklaven aus dem gebildeten Griechenland waren qualifizierte Haushalter – „Philostratos, des Hauses redlicher Hüter“, der treue Haushalter, den Schiller seinen Herrn warnen lässt umzukehren – griechische Intellektuelle waren die Hauslehrer begüterter Römer, zuständig für die klassische Bildung der Söhne, die sich erst im Alter von etwa 10 Jahren den intellektuellen Wegen der Väter anschlossen. Söhne schlichterer Abstammung folgten ihren Vätern dagegen als Lehrlinge des Kriegshandwerks im Tross auf ausgedehnten Eroberungszügen.

Mit dem Aufstieg Roms zur Weltmacht und zum Beherrscher des Mittelmeers verloren auch die früheren kulturellen und politischen Zentren wie Athen, Alexandria und Carthago an Bedeutung. Die lateinische Sprache wurde Kirchensprache und lingua franca, der Weltsprache früherer weitgereister Kaufleute, während Griechisch nur noch für die neutestamentarische christliche Theologie von Bedeutung blieb.

Die griechische Schrift unterscheidet sich im formaen Buchstabenbestand und deren Aussprache von der römischen, die als lateinische Schrift im sich formenden Europa und damit bis in die Neue Welt, Amerika, Weltgeltung errang. Der Name der römischen Sprache war Lateinisch.

Dieser Name leitet sich ab von Latium, jener flachen, sumpfigen und seenreichen, zugleich fruchtbaren Landschaft nördlich von Rom. Latium bedeutet „das Weite, Ausgebreitete“, aus latus, ‚weit, breit‘ Die Ureinwohner nannten sich Latiner. Das Latium ist die Landschaft mit dem späteren Zentrum Rom. Hier an der Tibermündung nahe dem Hafen Ostia ließen sich die griechischen Migranten nieder, von dort breiteten sie sich aus, indem sie sich mit den italischen Stämmen vermischten, wie es die Sage vom Raub der Sabinerinnen schildert, die den Frauenmangel der Einwanderer illustriert.

So brachten griechische Migranten und Kolonisatoren Grundzüge ihrer Sprache – besonders der Grammatik und der Elemente der Bildungssprache – nach Rom, während Anteile der Sprachen, die von den italischen Ureinwohnern gesprochen wurden, die Alltagssprache in Haus, Handwerk und Militär bestimmte.

Gendern oder generisches Maskulinum?

Das Römische Weltreich um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr.

Das Römische Weltreich um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. – Quelle: Meyers Konversations-Lexikon – public domain

Gerade das Englische spiegelt in seinem großen Bestand an Lehn- und Fremdwörtern den kulturellen Einfluss der römischen Vorherrschaft in Europa wider. Das hat sich auf die englische Hochsprache ausgewirkt, während die Alltagssprache von sächsischen Sprachelementen geprägt blieb. Später war die Nähe zu den nordfranzösischen Normannen, die England kulturell und politisch nahestanden, prägend. Deshalb gibt es im Englischen so viele Vokabeln, die dem Lateinischen und sogar dem Griechischen entlehnt sind.

to gender“ ist das englische Verb, das gendern zugrunde liegt. Es bedeutet, ein personenbezogenes Wort mit einer femininen Nachsilbe zu versehen, um es als Femininum explizit zu kennzeichnen. Es kommt aus dem Lateinischen. Darin enthalten ist zunächst gens, Volksstamm, schließlich genus, Geschlecht, Herkunft.

Auch im Deutschen gibt es Fremdwörter, die darauf Bezug nehmen: z. B. Genus – (grammatisches) Geschlecht, Gen – Erbgutträger, generisch – beide Geschlechter umfassend, weiter von Generikum – dem Original vergleichbares Medikament, bis Gentrifizierung – Aufwertung und Verteuerung eines Stadtteils – wobei das darin enthaltene Wort gentry, niederer Adel, eine noch zu deutende, historische Spur legt.

Heute gendert man, um eine Zurücksetzung von Frauen auszuschließen. Verstand man früher unter einem Wort mit männlicher Nachsilbe , z. B. der Einwohner, deren männliches grammatisches Geschlecht, durch die Nachsilbe -er gekennzeichnet war, sowohl männliche als auch weibliche Bewohner, so sieht man heute die Notwendigkeit zu differenzieren, um Frauen nicht hinter Männern zurückzusetzen. Die Verständigung darüber betrifft nur das grammatische, nicht aber das sexuelle Geschlecht. Das generische Maskulinum beansprucht beide Geschlechter zu umfassen, während ihm neuerdings unterstellt wird, Frauen nur mitzumeinen . Aus diesem Missverständnis hat sich das Verständnis einer Herabsetzung von Frauen ergeben. Deshalb spricht man heutzutage gendergerecht von „Einwohnerinnen und Einwohnern, Einwohnenden, EinwohnerInnen oder Einwohner*innen“, oder gendergerecht gesprochen Einwohner-Innen, Schüler-Innen,
Lehrer-Innen.

Im Indogermanischen, dem Urspung vieler eurpäischer Sprachen, ist es üblich, keinen grammatischen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Wesen zu machen. Die Trennungslinie verlief also nur zwischen Lebewesen und Dingen. Im Lateinischen, das dem Griechischen nahe verwandt ist, ist das daran erkennbar, dass Wörter, die auf -s-endeten, sowohl männliche als auch weibliche Bedeutung haben konnten. Erst als im späten Indogermanischen, das -a als weibliche Genusmarkierung entstand, konnte man durch ein adjektivisches Attribut Geschlechtsunterschiede verdeutlichen. dux bonus versus dux bona. Ähnlich mag es sich mit rex, König, verhalten haben, bevor regina – Königin, mit einer Zunahme internationaler Poltik Roms notwendig wurde. Denn in Rom bestimmten Männer Politik und Militär. Mit zweiendigen Adjektiven und Präsenspartzipien, die der gemischten Deklination folgen, verhält es sich ähnlich. Unterschieden wird nur das sächliche Geschlecht.

Dagegen soll jedes maskuline Wort im Deutschen, mit einer femininen Endung versehen, zu einer Differenzierung in Männer und Frauen führen. Diese Sichtweise sieht es nicht als selbstverständlich an, dass die Mitglieder einer Gemeinschaft, nämlich eines Gemeinwesens aus Männern und Frauen, aus Mitgliedern beiderlei Geschlecht bestehen. Sie beansprucht eine bewusste Nennung femininer Begriffe neben den maskulinen.

Sprache ist eigen, dass sie, statt etwas mitzumeinen, die kürzere Form als Standardgenus verwendet. Das nennt man fachsprachlich Ikonisierung und bedeutet übergreifendes Zeichen oder Kürzel, eine Art icon, Symbolbild, Piktogramm. Das Wort ist aus dem Griechischen entlehnt, wo εἰκών, Bild heißt. In diesem Sinne ist unter Ikoniserung zu verstehen, dass ein männliches – naturgemäß kürzeres – Wort als Verbildlichung der ihm entlehnten weiteren Genera fungiert. (1)

Heute versucht man, feminine Mitgemeintheiten durch sprachliche Neuschöpfungen zu ersetzen. Üblicherweise spricht man demgemäß also in offiziellen Zusammenhängen von Richterinnen und Richtern oder von Richter*innen, von RichterInnen oder Richtenden. Abgesehen davon, dass die Lesefreundlichkeit und der gute Stil dafür geopfert werden, ist zu spüren, dass -innen und -er bereits zu Automatismen geführt haben, denen bisweilen widersinnige Wortbildungen entspringen. Hässlicher noch ist, wenn es, dem Übereifer des Genderns geschuldet, zum gesprochenen Binnen-I kommt, wie in vorauseilendem Gehorsam im Hörfunk praktiziert.

Als ähnlich missgebildet erscheint es, wenn Indefitpronomen – „der andere und die andere“, „keiner und keine“ oder „jeder und jede“ – diesem gezwungenen Gendern zum Opfer fallen.

Im Mittel- und Althochdeutschen war man eine Bezeichnung für ein denkendes und aufrecht gehendes Wesen. Es differenzierte also nicht Frau und Mann. Aus dem Substantiv Mann, männlicher Mensch, leitet sich das Indefinitpronomen man ab, und es ist ersichtlich, dass sein Bedeutungsursprung „denkendes, aufrecht gehendes Wesen“ nicht geschlechtsdifferenzierend ist.

Erst diesem Wesen, das sich wegen seiner Triebkontrolle und seiner Fähigkeit zu geistiger Unabhängigkeit zum Menschen entwickeln konnte, gab die Sprache den Namen man. Er bedeutet also menschliches Wesen. Damit sind Frau und Mann gemeint. Daraus entwickelte sich der Begriff Mann, der also ursprünglich gar keine erhöhende Abgrenzung zum weiblichen Begriff Frau enthält.

Im Englischen bedeutet man sowohl Mann als auch man. Das spiegelt der Begriff mankind wider. Es heißt Menschheit, und es ist selbstverständlich, dass damit „die menschliche Art“ gemeint ist.

Im Lateinischen heißt Mensch homo. In homo enthalten ist homilis, gleich, im Vergleich zu Göttern auch humilis, niedrig – und humus, Erde, das zusammengenommen „der Erdgemachte, der Erdenbürger, der Sterbliche“ versinnbildlicht. Es deutet darauf hin, dass man sich schon in der Antike über den Stoffekreislauf, der sich in der belebten Natur vollzieht, im Klaren war und dass himmlische und irdische Kräfte und Mächte als ein Überbau verstanden wurden, dessen Herrschaft durch die unsterblichen Götter, Moral und Sittlichkeit gewährleistet wurde.

Das lateinische Wort für Mann lautet vir. Es ist abgeleitet von virtus, männliche Tugend, einem Wort, das seinen Ursprung im Namen der Göttin Virtus hat, die für militärische Tapferkeit steht. Dem zugrunde liegt ein Ehrbegriff, der auf den vier Kardinaltugenden Platos gründet: Klugheit, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit. Ebenfalls davon abgeleitet ist virgo, Jungfrau, deren Zustand der „Unberührtheit“ man besondere Ehr- und Tugendhaftigkeit als Ausdruck von Widerstandskraft gegen sexuelle Gelüste und Verführungen zuschrieb.

Dagegen liegt die Herkunft des griechischen Wortes ἄνθρωπο, anthrōpos, Mensch, im Dunkel. Es wird angenommen, dass es, aus vorgriechischer Zeit stammend und ohne sprachlichen Bezug zu erkennbaren indogermanischen Wurzeln, eine Bedeutung repräsentiert, die sich möglicherweise aus der aufrechten Haltung und dem vorwärtsgerichteten Gesicht herleitet, Merkmale, die den Menschen vom Tier unterscheiden. So könnte man in anthropos anti, gegen, und tropos, Wendung, „der Vorwärtsgewendete“ erkennen.

Welches Menschenbild man dem Gendern auch zugrundelegt, in der Sprachgeschichte war schon immer der Mensch das entscheidende Differenzierungsmerkmal, sei es, dass es um die Unterscheidung des Menschen vom Tier ging, sei es, um dem Menschen seine Vergänglichkeit gegenüber den unsterblichen Göttern zu vergegenwärtigen. Der generische Widerspruch Mann-Frau ist neu.

Ist die Auflösung dieses Widerpruchs durch eine neue Markierung, wie die bewusste, eher bemühte hör- und sichtbare die Frauen jedwede Führungsposition zugesteht, zubilligt, ja nahelegt? Dennoch ist dieses scheinbar verschüttete Recht zu weiblicher Teilnahme erkärt worden.

Geschah dies nicht eher, um eine sexuelle Gleichstellung mit ikonisierten Symbolen zu untermauern? Ist das generische Maskulinum nämlich gar keine Frauen-diskriminierende Verkürzung, sondern ein Instrument, auf das sich zu berufen die deutsche Sprache Anlass gibt, vielfältige, unterschiedliche Genus-spezifische Endungen bereitstellt, die dem überall präsenten Englisch fehlen? Gibt die optisch oder akustisch anstrengende Doppelt-Nennung der grammatischen, überwiegend menschlichen Sub- oder Objekte, die leseunfreundliche Ikonisierung duch ‚Sternchen‘ und das Binnen-I, gibt deren mündliche Markierung durch sprachlogisch unerwartete Pausen der Sprache öes- oder Verständlichkeit? Denn ist nicht gerade sie das oberste Postulat an Sprache, das letztlich auf grammatischer Übereinstimmung, Kongruenz, basiert.

Daraus erst ergibt sich ein allgemeines Verständnis, dass ein grammatischer Plural weiblichen und männlichen Gliedern gilt. Ihre Ursprünge speisen sich aus indogermanischen Sprachquellen. Altehrwürdigen Vorfahren also, die auf sprachliche Modeerscheinungen halb weise lächelnd, halb kopfschüttelnd herabsehen würden, wissend, dass Mode (2) in der Sprache so vergänglich ist wie in allen anderen – menschengemachten – Moden.

(1) https://www.belleslettres.eu/content/sprache/ikonizitat-geistig-geistlich.php
(2) Das Wort Mode ist französisch für Art und Weise und ist aus dem gleichbedeutenden lateinischen Wort modus, Maß, entlehnt
In der Grammatik ist das Wort besonders geläufig. Hier bezeichnet Modus die Aussageweise eines Verbs

Ein Buntspecht mit neuen Lebensaufgaben

Buntspecht

Buntspecht
Sławomir Staszczuk (info [AT] photoss.net)
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Die Zeit der Werbung ist vorbei. Die Jungen sind flügge. Die meisten Singvögel haben sich auf den weiten Weg ins Winterquartier gemacht. Die anderen richten sich auf ungemütlichere Zeiten ein – immerhin solche, die nur im Zeichen eigener Versorgung stehen. Und dieses Daheimbleiben scheint immer attraktiver zu werden für Amsel, Buchfink und Rotkehlchen, weil die Winter milder werden und die Futterversorgung verlässlicher ist.

Zu den Stimmen der Waldtauben, Krähen und Elstern hat sich ein neues Vogelgeräusch hinzugesellt, das rhythmische Hämmern und Klopfen eines Buntspechtes. Er hat die Fassade des Nachbarhauses zu seiner „Werkstatt“ erkoren. Eine vorspringende Ecke gibt seinen kräftigen, den Körper abstützenden Schwanzfedern und den mit vier starken Krallen bewehrten Füßen Halt. Die Rückfront des Hauses ist von außen mit einer wärmedämmenden Styroporschicht umgeben. Dieses Isoliermaterial ist griffig für Vogelkrallen und klingt beim Picken wegen seiner Lufteinschlüsse nicht wie eine verputzte Steinfassade, sondern ähnlich wie morsches Holz. Die wärmespeichernde Wand ist zugleich Ruhefläche für fliegende Insekten. Den Specht lockt reiche Beute.

Der Buntspecht ist ein Allesfresser. Seine Lieblingsnahrung sind Insekten, deren Eier und Larven. Aber winters ist er wegen seines bunten Federkleides auch gerngesehener Gast an Futterhäuschen und Meisenknödeln. Weniger beliebt macht er sich als raffinierter Nesträuber von Meisennestern. Dort nämlich tritt er mitunter als ‚Wolf im Schafspelz‘ auf, indem er, wenn die Nestlnge allein zu Haus sind, versteckt lauert und mit Futter im Schnabel lockt. Ein unvorsichtiges Meisenküken, das sich am Höhleneingang zeigt, ist verloren.

Der lateinische Name für Spechte lautet picinae, der Specht heißt picus, Picker. Diesen Namen verdankt er einer Sage, wonach die Zauberin Kirke, einen Mann namens Picus, der ihre Liebe verschmäht hatte, in einen Specht verwandelt hatte. Der lateinische zoologische Name des Spechts ist picus, Schnabel, weil er in Form und Funktion dieser Aufgabe des fortgesetzten Hämmerns und Pickens angepasst ist. Auf Spanisch bedeutet el pico sowohl Schnabel als auch Bergspitze. Auch in der Spielkartenbezeichnung Pik steckt die Bedeutung von spitz. Ebenso in Pickelhaube und in Pickel, der Spitzhacke.

Schaut man einem Specht so aus nächster Nähe beim Meißeln zu, so kann man sich der Frage nicht erwehren, warum der Vogel, der mit solcher Wucht seinen Kopf für sein kraftraubendes Werk einsetzt, keine Kopfschmerzen bekommt. Das Geheimnis der Dämpfung des heftigen und schnellen Aufschlags des Schnabels liegt in seiner darauf abgestimmten Konstruktion. Einerseits umgibt das Gehirn sehr wenig Hirnwasser, sodass es beim Hämmern nicht an die Schädeldecke geschleudert wird. Andererseits liegt zwischen Schnabel und Kopf ein Zwischenraum, der den Druck des Schnabels auf den Kopf absorbiert. Die Augen sind geschützt durch einen nur Millisekunden währenden Schluss der Augenlider im Moment des Lösens von Holzspänen.

Spechtschmieden zeigen das Bauen einer Bruthöhle an oder das Aufspüren von Insekten und Larven unter losen Rinden und in morschem Holz. Zum Glück für seine wohnungsuchenden Nachbarn ist es die Lebensaufgabe des Spechts, unablässig von neuem zu hämmern und zu zimmern.

Mehrmals am Tage kehrt der Bauherr, der früher noch „Zimmermann des Waldes“ hieß, aber inzwischen zu einem veritablen Kulturfolger avanciert ist, zu seiner zivilisatorischen „Baustelle“ zurück und hackt unablässig auf sein favorisiertes Styroporloch ein. Nur manchmal hält er inne und schaut mit beweglichem Kopf wie sein spechtlicher Verwandter, der Wendehals, weit in die Runde, als suchte er Zustimmung und Beifall.

Zustimmung und Beifall – Meisen und Käuze suchen einen Schutz für ihre Nester und Gelege. Natürlicher Unterschlupf, wie Asthöhlen und -gabeln in verwittertem Holz sind schwer zu finden in den schnellwüchsigen Bäumen der Hintergärten, wo alte Obstbäume dem Wetter zum Opfer fielen und selbstausgesäte Alleebäume an ihre Stelle traten. Da sind die Höhlenbauarbeiten des Buntspechts hochwillkommen.

Nur Hausbesitzer, die in bester Absicht ihren Altbau nachträglich isolieren wollten, sind machtlos gegen diese schon in die Fachsprache eingegangenen „Spechtschäden“. Mithilfe eines aufwändigen Gerüsts gelangte einst ein Maler bis an die am höchsten gelegenen Scharten im Gemäuer. Bald waren alle Spuren beseitigt, die Wand übertüncht. Aber schon im folgenden Frühjahr nahm der Zimmermann der Hintergärten unverdrossen seine Arbeit wieder auf.

Die Hausecke ist wieder zerklüftet. Die Vögel aber, deren Bedürfnisse nach Brutplätzen der Buntspecht erfüllt, werden im Verborgenen der beengten ökologischen Nische mit Rückzugsorten versorgt. So hat – wenigstens im Hinterhof – alles seine gute Ordnung.

Schnecken – Meeresbewohner auf dem Trocknen

Ehemalige Märchenhain-Figur des Bildhauers Ernst Heilmann

Ehemalige Märchenhain-Figur des Bildhauers Ernst Heilmann
Bild: Marion Halft
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Lieblingsbuch aller Kinder, die noch ohne Sesamstraße den Tag beschlossen, war das Märchenbuch der Brüder Grimm. Ein bisschen Grusel vor der kinderfressenden Hexe, ein bisschen Angst vor der bösen Stiefmutter, ein bisschen Respekt vor den dunklen Mächten des Schicksals. Zaubersprüche, schwirrende Schwanenschwingen, Höllenfeuer aus Drachenrachen, das waren die Bilder, mit denen man dennoch beruhigt einschlief, weil man wusste, dass das Böse niemals den Sieg über das Gute davontragen würde.

Solch ein Protagonist des Guten ist Daumesdick, Wunschkind kinderloser Eltern, die gelobt hatten, jedes, wie auch immer geratene, Kind in Liebe und Dankbarkeit anzunehmen. Beschieden war ihnen schließlich ein Söhnlein, das über die Größe eines Daumens nicht hinauswuchs. Dennoch war es in seiner Anstelligkeit und Arglosigkeit den Eltern eine Quelle von häuslichem Glück und Wohlstand. Eine Illustration zeigt ihn aus einem Schneckenhaus lugend, vergnügt den Tag im sommerlichen Wiesengrün verträumend.

Helix pomatia

Helix pomatia
Bild: H. Zell
Lizenz: Creative Commons

Die Weinbergschnecke, helix pomatia, „lungenatmendes Schraubgewinde“, ist eine gehäusetragende Landschnecke. Das Gehäuse, das sich schraubenartig windet, wird helix, ἕλιξ, Schraubgewinde, genannt. Landschnecken sind Lungenatmer. Ein Atemloch befindet sich sichtbar vorn rechts am Kopf. Das Gehäuse beherbergt in einem eigens dafür bestimmten Eingeweidesack die inneren Organe. Durch die Windung des Gehäuses, die Torsion, nehmen die darin befindlichen Organe eine Position ein, die der Lage in normal gegliederten Körpern entspricht, das heißt, Lunge und Herz nehmen eine vorwärtsgerichtete Position ein, während Magen und Darmtrakt weiter hinten gelagert sind. Die muskulöse Sohle trägt an ihrer Spitze den „Kopf“, also ausgelagerte Teile des im Körperinneren befindlichen Steuerungszentrums, des Gehirns. Vier Fühler, die die Sinnesorgane der Schnecke beherbergen, geben die Ortungsergebnisse zu einem Organsack, in dem sich das Gehirn befindet, weiter. Die oberen, längeren und sensibel als Stielaugen ausfahrbaren, beherbergen die optischen und olfaktorischen Sinne, während die kürzeren unteren Tastorgane sind, um die Beschaffenheit des Weges zu sondieren. Daraus leitet das vegetative System die Menge und Qualität des für die Leichtgängigkeit der Sohle notwendigen Schleims ab. Im vorderen Teil des Körpers wird der Schleim abgesondert, auf dem die Sohle im Anschluss gleitet. Die Schnecke hinterlässt so eine charakteristisch schimmernde, getrocknete Schleimspur.

Fachsprachlich heißt der Oberbegriff für Schnecken Gastropoden. Darin stecken griechisch γαστῆρ gaster, Magen, Bauch, und πούς, ποδός, pos, podos, Fuß, übersetzt Bauchfüßler. Außer bei den Schnecken kommt dieser – für Landbewohner ungewöhnliche – Körperbau der Weichtiere nur bei Meeresbewohnern, Mollusken, vor. Darin steckt altgriechisch μαλακός, malakós, und ähnlich lateinisch mollis, molluscum, weich, also Weichtiere wie Schnecken, Quallen und Muscheln.

Anatomy of a common snail

Anatomy of a common snail – Lizenz: Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Gehäuse,  Leber, 3  Lunge, 4  Darm­ausgang, 5  Atem­öffnung, 6  Auge, 7  Fühler, 8  Schlund­ganglion, 9  Speichel­drüse, 10  Mund, 11  Kropf, 12  Speichel­drüse, 13  Geschlechts­öffnung, 14  Penis, 15  Vagina, 16  Schleim­drüse, 17  Eileiter, 18  Pfeil­beutel, 19  Fuß, 20  Magen, 21  Niere, 22  Mantel, 23  Herz, 24  Samen­leiter

Ursprünglich sind Schnecken Wasserbewohner. Anhand von Fossilien lassen sich landlebende Lungenschnecken bis zum Jura zurückverfolgen. Im Salzwasser gibt es heute noch riesige Schnecken, deren Sohlenlänge einen Meter erreichen kann. Dort gibt es auch giftige Kegelschnecken, die als Fleischfresser Beutetiere überwältigen, ohne schnelle und geschickte Jäger zu sein. Sie verfügen über eine Art Harpunensytem, das Giftpfeile aussendet, um ein Beutetobjekt zur Strecke zu bringen, während der Jäger hernach in aller Ruhe zu seinem Verzehr heranschreitet.

Landlebende Schnecken sind Pflanzenfresser. Sie haben eine zahnbesetzte Raspelzunge, die Radula, mit der sie junge, grüne Sprosse und Blätter rasenmäherhaft wegraspeln. Diese zahnbesetzte Raspelzunge ist außerhalb der Mollusken in der übrigen Tierwelt nicht bekannt. Der Weinbergschnecke ähnlich sind die kleineren gehäusetragenden Zirpelschnecken. Sie als fäulnisverzehrende Nützlinge zu erhalten ist ratsam.

Um sprießende Pflanzen vor Schneckeninvasionen zu schützen, empfiehlt es sich, wie einer Hobbygärtnersendung zu entnehmen war, einen großen Plastikblumentopf mit einer kräftigen Schere rundum von seinem Boden zu befreien und umgekehrt über die schutzbedürftige Pflanze zu stülpen und den Rand fest in den Boden zu drücken. An der umgekehrten Schräge des Topfes dürften selbst die auf zähester Schleimspur kriechenden Zartgrünvernichter scheitern wie die Prinzen, die gläserne Berge zu bezwingen versuchten.

Nacktschnecken, wie die rote und die schwarze Wegschnecke und die teils eine beachtliche Größe erreichenden Schnegel haben im Zuge einer langen Entwicklung ihr Gehäuse zurückgebildet. Ihr Name geht zurück auf althochdeutsch snahhan, Schnecke, worin sich auch Schnegel widerspiegelt. Reste in Form einer Kalkplatte, die auf ein rudimentäres Gehäuse hindeuten, finden sich noch als eine Art Kalkschild im Inneren der Nacktschnecken, während Schnegel sogar ein deutlich erkennbares gratförmiges Rückenschild aufweisen.

Die Deutung von trivial: Drei Wege mussten zusammenfinden

Der einfachste nicht-triviale Knoten

Der einfachste nicht-triviale Knoten
Bild: Baserinia
Lizenz: GNU Free Documentation License

Gerade im alltäglichen Sprachgebrauch ist trivial üblich. Es bedeutet ursprünglich „allgemein zugänglich“, mittlerweile „platt, abgedroschen“, im wissenschaftlichen Diskurs „unbedeutend, negligeabel“. Das Wort ist prägnant, enthält keine schwer zu merkenden griechischen Lautfolgen, die überdies schwierig zu schreiben sind. Es ist deshalb unkompliziert auszusprechen. Es stammt aus dem Lateinischen.

Das steht uns näher als das Griechische, das in fremder Schrift geschrieben wird. Die Römer haben bereits viele griechische Wörter in ihre Sprache übernommen. Das sind besonders die, die aus Wissenschaft und Kultur stammen. Sie sind als griechische Lehnwörter zu Anteilen romanischer Sprachen geworden.

Romanische Sprachen prägten die europäische Kultur. Daher sind Fremdsprachen, die traditionell neben Englisch gelehrt werden, Französisch und Spanisch. Doch auch die englische Hochsprache ist historisch von romanischer und griechischer Sprachtradition geprägt. Italienisch und Portugiesisch sind uns als zutiefst romanische Sprachen selbstverständlich. Nur Rumänisch ist eine Ausnahme. Auch das ist eine romanische Sprache. Der Name Rumänien weist auf seine Geschichte als römische Provinz hin.

Trivialer Knoten

Trivialer Knoten
Bild: YAMASHITA Makoto
Lizenz: GNU Free Documentation License

Alle europäischen Länder, in denen romanische Sprachen gesprochen werden, waren einmal römische Provinzen, in einer Zeit, als das Imperium Romanum mit dem Zentrum Rom nach damaliger Wahrnehmung ein Weltreich rund um das Mittelmeer – das mare nostrum – war. Das Römische Reich war so groß, dass es zunehmend unüberschaubarer wurde. Eine abgelegene Povinz wie Lusitanien (1), das heutige Portugal, wurde Veteranenkolonie. Thrakien, das heutige Rumänien, war in seiner Abgeschiedenheit vom kulturellen und politischen Machtzentrum Rom für Verbannungszwecke geeignet (2).

Diese allseitige Verflechtung bewirkt, dass drei, zu dem lateinischen Präfix tri- wird. Er ist aus dem Griechischen, tria, entlehnt. In vielen Wörtern, die man kaum noch als Kompositum oder als präfigiert erkennt, kommt es als Vorsilbe vor (3).

Wie kommt es nun zu zweiten Wortbestandteil -vial?

Ein komplexer Knoten wird in einen trivialen Knoten verwandelt

Ein komplexer Knoten wird in einen trivialen Knoten verwandelt
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Auch hier ist ein lateinischer Ursprung unübersehbar. „via“ heißt Weg, Straße – ein Wort, das uns als Adverb mit der lokalen Bedeutung „über“ gebräuchlich ist. Die Zusammensetzung „tri-via“ lautet also etwa „Dreiweg“, aus trivium, „da, wo drei Wege zusammentreffen“. Dieses Trivium war im mittelalterlichen Universitätswesen ein Propädeutikum, ein vorbereitendes Studium, von dessen Basis aus man in die höheren Sphären anerkannter Wissenschaft vorzudringen vermochte. Das Trivium umfasste die Studienfächer Grammatik, Dialektik und Rhetorik Ihnen erst folgte das Quadrivium, der „Vierweg“. Dieser bestand aus den klassischen Fächern Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie. Als deren Grundvoraussetzung betrachtete man die Beherrschung der trivialen Kenntnisse von Dialektik, Rhetorik und Grammatik, also intellektuelle, rhetorische und sprachlogische Durchdringung der bevorstehenden Studien. Die Kenntnis der alten Sprachen – Latein und Griechisch – war für ein klassisches mittelalterliches Studium unabdingbar.

trivial“ war also ursprünglich das Adjektiv, das die hermeneutischen Grundlagen als Voraussetzung für ein wissenschaftliches Studium beschrieb.

(1) Die Etymologie des Namens Lusitania ist unklar. Sie geht wohl auf keltisch lus und tanus, „Stamm von Lusus“ zurück. Die Römer neigten zu einer Umdeutung und erkannten in lus lux, Licht, und bezogen dies auf die untergehende Sonne hinter der lusitanischen Atlantikküste.

(2) Der Dichter Ovid, der Verfasser unsterblicher römischer Liebeslyrik, die schon im damaligen Rom viel Beachtung erfuhr, wurde von dem sittenstrengen Kaiser Augustus nach Tomi, dem heutigen rumänischen Constanzja verbannt. Der erste römische Kaiser nämlich wollte Rom zu den konservativen Idealen von Gesellschaft und Familie zurückführen. Dazu passten die freizügigen Verse des Dichters nicht. Trotz vieler Eingaben – sogar an Tiberius, seinen Nachfolger, gelang ihm nie wieder eine Rückberufung nach Rom.

(3) tri-, aus lat. trēs, griech. tré͞is τρεῖς, τρία tría, bis aind. tráyaḥn, abgeleitet, ist enthalten in: Triumvirat, etwa „Drei-Männer-Verbindung“, was eine Drei-Konsuln-Regierung zur Sicherung vor einer Diktatur bezeichnet. Andere Beispiele sind Tribus, Tribun, Tribunal, Tribut, Tribüne, wobei ein Drittel des römischen Volkes zugrunde liegt. Auch in fachsprachlich findet man den Wortbestandteil tri- häufig, wenn eine Dreiwertigkeit – etwa bei chemischen Beriffen – vorliegt.

Ein komischer Kauz im Hinterhof

Tengmalm Eule (Aegolius Funereus)

Tengmalm Eule (Aegolius Funereus)
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Hier sind die Hinterhöfe fast unzugängliche Gevierte, die sommers mit Gärten üppig begrünt sind und winters in vergessenen Laubhaufen unter Holunder- und Rhododendronbüschen allerlei verschwiegene Rückzugsorte bieten. Das Astwerk schnellwüchsiger Bäume – Ahorn, Birke und Robinie – ist für Vögel Raum für Kommunikation und Ruhe. Efeubewachsene Mauern und Zäune und mit Storchschnabel, Weidenröschen und Fingerhut geschmücktes, brombeerberanktes Ödland sind für Kleintiere und Vögel Schutz vor Störenfrieden und Raum für Werbung und Kinderstube.

Bei Tagesanbruch erfüllen die zwitschernden Stimmen der kleinen Singvögel die Luft – während der Zeit von Revieranspruch und Paarung: Amsel, Rotkehlchen, Kohl- und Blaumeise. Schon bald übertönen sie die gurrenden Laute der Ringeltaube. Dann übernehmen die heiser lärmenden von Elster, Eichelhäher und Krähe das Regiment bis hinüber zur Straße.

Wenn es Nacht wird, schweigen die Vögel. Dann dürfen samtpfotige Stubentiger durch die Büsche streifen, Igel verlassen ihren Unterschlupf und gehen rückhaltlos schnüffelnd auf Futtersuche: von Menschen dargereichte Apfelstücke, aber auch Selbsterbeutetes wie Käfer, Raupen, Regenwürmer – selten einmal eine unvorsichtige Maus.

Es ist nämlich auch die Zeit der Mäuse, die sich unterwegs – für unsere Ohren unhörbar – wispernd verständigen und ihre Wege für ihre Artgenossen mit winzigen Duftmarken versehen.

Diese kaum merklichen Zeichen ihres Treibens bleiben nicht unbemerkt bei jenen, die sie schon erwarten – den nachtaktiven Jägern.

Zu ihnen hat sich neuerdings ein weiterer Kumpan gesellt. Kein Meister Reinicke, kein Isegrimm, kein wühlendes Wildschwein – wie bereits nächtens am Jungfernstieg bezeugt. Schon gar nicht ein mülltonnenprüfender Problembär oder ein kraxelnder Waschbär, die bekanntlich der menschlichen Zivilisation besonders aufgeschlossen begegnen.

Es ist eine Eule, Aegolius funereus, „Begräbniseule“. Denn ihr Ruf, der mal schrill, mal hohl durch die nächtlich flüsternden Gärten hallt, klingt wie „kiwitt – kiwitt … gu-gu, gu-gu“, im letzten Abendschein von unseren Altvorderen schaudernd als Ruf des Sensenmannes gedeutet als bedrohliches „Komm mit, komm mit! Zur Ruh‘, zur Ruh‘!“.

Das ist die Stimme des Waldkauzes.(1)

Waldkauz als Ästling

Waldkauz als Ästling
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Der Waldkauz (Strix aluco) ist die häufigste heimische Eule (Strigida). Ein Oberbegriff für Käuze und Eulen lautet γλαῦϰ, gaux, wodurch lautmalerisch auf ihren Ruf Bezug genommen wird. Der Waldkauz wirkt taubengroß durch sein aufgeplustertes Gefieder, in Wirklichkeit ist er aber verglichen mit ihr sehr leicht. Käuze unterscheiden sich nur durch das kompaktere Erscheinungsbild von den übrigen Eulen. Sie sind scheue Zeitgenossen. Nächtliche Jäger, Nachtgreife in der Ornithologenfachsprache. Eulen halten sich am Tag verborgen; nur selten gewahrt man sie, reglos auf einem Ast verharrend, mal die Augen von einer Nickhaut verschlossen, mal scheinbar blinzelnd, dabei stoisch geradeaus blickend. Nur Eulen haben ein für menschliche Wahrnehmung erkennbares „Gesicht“. Beide Augen sind nach vorn gerichtet. Das ermöglicht ein räumliches Sehen. Ihre Augen gleichen in ihrem Gelbton denen einer Katze. Und tatsächlich, auch die Funktion ihrer Augen – das Auffangen und Vervielfachen der Lichtstrahlen in einer durch eingelagerte kristallartige Sensoren hochempfindlichen Iris, das Öffnen und Schließen der Pupille als Einlass kleinster Impulse – sind Katzenaugen vergleichbar. Nichts entgeht ihren Blicken, weil sie, mit zusätzlichen Halswirbeln ausgestattet, ihren Kopf um 240° drehen können. Sie haben sehr funktionstüchtige Ohren, denen der Federkranz, der die Augen umgibt, als Schalltrichter dient. So können sie sich auch bei völliger Dunkelheit über das Gehör orientieren. Hinzu kommen Besonderheiten, die den Flug eines Nachtvogels unhörbar, seine Gestalt kaum wahrnehmbar machen: ein samtartiges Gefieder, gezackte Flügelfedern, die das Fluggeräusch verschlucken, dazu ein unbeweglicher Ansitz und farblich der Umgebung angepasstes Gefieder.

Die Schreie der Eulen dienen der Kommunikation untereinander. Die Zeit ihrer Stimmaktivität liegt zwischen Mai und September. Der Ruf signalisiert den Revieranspruch des Männchens und ist gleichzeitig Lockruf mit dem Angebot eines Nistplatzes für ein Weibchen. Auf das Signal „schu-hu“ antwortet das Weibchen mit einem scharfen „kjewik“. Auch Warnrufe des Männchens an das brütende Weibchen oder die Jungen und deren Bettelrufe gehören zum Lautrepertoire.

Bemerkenswert ist der weithin hörbare Ruf des Männchens. Dabei bedient es sich eines unter seiner Kehle befindlichen aufblähbaren Schallkörpers, der eine Resonanz der Schwingungen seiner Stimmbänder erzeugt.(2) Dabei bleibt der Schnabel geschlossen, und die Halsfedern geraten in heftige Bewegung – vergleichbar dem vibrierenden Gefieder gurrender Tauben.

Das Nahrungsangebot auf kleiner werdenden Naturflächen wird geringer. Das mag der Grund sein, dass selbst Eulen den menschlichen Kontakt immer weniger scheuen. Inzwischen findet man den Waldkauz in Parks und Gärten mit altem Baumbestand. Die tagsüber im Verborgenen abwartenden Tiere finden hier das Lebensnotwendige: Mäuse, Käfer, Nachtfalter, Regenwürmer, Schnecken. Dazu im Schutze menschlicher Habitate sichere Brutplätze. Die nächtliche Aktivität bewahrt sie vor den berüchtigten tagaktiven Nesträubern, den Elstern und Krähen.

Die Aufzucht ihrer Brut wird mit jeder sich an die Umgebungsgeräusche und -aktivitäten gewöhnenden Generation selbstverständlicher. Tiere, die diesen Anpassungsprozess bewältigen, weil sie daraus Vorteile für das Überleben ihrer Art ziehen – Obdach, Schutz vor Fressfeinden und Nahrungskonkurrenz -, heißen Kulturfolger.

(1)
2)
(2)
Die Vögel erzeugen die Laute in einem eigenen Organ (Syrinx), einer Art von unterem Kehlkopf am unteren Ende der Luftröhre, an dem die beiden Hauptbronchien zusammenkommen.
http://www.kaiseradler.de/html/greifvogel_eulen_6b.html

Seelenbegabtheit – Verpflichtung und Auftrag

Kuppelbild Gott Vater

Kuppelbild Gott Vater
Foto: Martin Geisler
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Der Mensch ist erfüllt von dem trügerischen Bewusstsein, in Gottes Kreatur hervorgehoben zu sein. Er lebt in der Arroganz eines gottesebenbildlichen Wesens.

Was, wenn nicht das Alte Testament in seiner farbigen Sprache, könnte das hervorbringen! Und – wie verführerisch ist der Gedanke: von Gott geformt nach seinem Ebenbild, von Gottes Atemhauch beseelt!

Wie schnöde erscheinen dagegen Evolutionsgedanken: Menschen, deren Urahnen als ungeschlachte, glubschäugige Quastenflosser ans feste Land krochen; rattenartige Säugetiere, die zwischen gewaltigen Riesenechsenbeinen wimmelten und von ihren Überbleibseln profitierten; Vorgänger, die in ihrer noch offenen Anpassungsfähigkeit Erdkatastrophen überlebten, Existenznischen fanden. Sollten sie sich zu zweibeinigen, vernunftbegabten, beseeltäugigen Beherrschern des Planeten Erde aufschwingen?

Eine andere Idee ist das Bewusstsein als entscheidende Ebene der Abgrenzung zur Tierwelt.

Das Bewusstsein ist ein Ausdruck des Wissens um die eigene Vergänglichkeit. Die eigene Zeitlichkeit ist die Zeit, die einem Lebewesen für sein Leben zugeteilt ist. Und wie wird Zeit dann empfunden, wenn sie Lebenszeit ist? Ist die Lebenszeitempfindung einer Eintagsfliege eine andere als die einer Riesenschildkröte, deren Zeiterleben sich in Jahrhunderten misst? Dieser Zeitbegriff ist menschengemacht. Er ist ein Hilfsmittel, um Vergangenes, Erfahrenes, Widerfahrenes, Vernommenes, Geplantes und Unvorhersehbares zu ordnen.

Im Labor der Zeit, 2018, Aquarell, Tusche, Farbstift

Im Labor der Zeit, 2018, Aquarell, Tusche, Farbstift
Bild: Hjuthke
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Das Bewusstsein macht sich auch ein Bild der Zeit an sich. Es hat einen Begriff und eine Vorstellung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.

Aber gibt es überhaupt eine Gegenwart? Ist nicht alles noch Gedachte und Vorgestellte Zukunft; befindet sich nicht alles Tun schon an der Schwelle zur Vergangenheit?

Gegenwart ist in diesem Denkschema nur eine subjektive Wahrnehmung, nur eine schmale – eher gedachte, denn darstellbare – Linie im Sein, die Vergangenheit und Zukunft voneinander scheidet. Vergangenheit ist eine weite Dehnung zwischen Erlebtem und Geschichte. Zukunft bleibt im Ungewissen. Denn wir können zwar vorausschauend denken und planen. Aber der Rest unseres Tuns und Seins, Orte, Begegnungen und viele andere Einflüsse liegen nicht in unserer Hand.

Resultiert daraus der Glaube an die Vorherbestimmtheit des Schicksals? Wo bleibt dann der Gedanke einer freien Entscheidung des Menschen, der ihn als einen Bewusstseinsbegabten kennzeichnet? Ist es wirklich Gott, der unsere Geschicke bestimmt und lenkt? Oder ist es nicht eher seinen Geschöpfen aufgegeben, nach seinen Geboten handelnd, das Gottgewollte zu schaffen?

Allen nicht-menschlichen Wesen auf unserer Erde wird das Selbstverständnis, die Selbstwahrnehmung als Wesen in einem Gefüge, das man Welt nennt, und der Begriff der eigenen Existenz in den Grenzen eines Systems von Zeit und Raum abgesprochen.

Was wissen wir denn über andere Formen der Wahrnehmung? Wir sind verhaftet in unserer eigenen Vorstellungswelt.

Gibt es Bereiche, die uns verschlossen sind? Gibt es politische, soziale, emotionale Kategorien, die für uns nicht fassbar sind, weil über die Grenzen unserer Systeme hinaus zu denken für uns unmöglich ist?

Sind es ausschließlich menschliche Gesellschaften, die soziales Empfinden haben? Soziales Leben? Leben in einer Gemeinschaft, braucht eine Organisation. Diese Organisierung geschieht in einer Beziehung zueinander, um die Rolle, die man als Glied der Gemeinschaft hat, zu definieren. Aus diesem Bezug erwachsen Gefühle füreinander: Mitgefühl, Pflege, Fürsorglichkeit. Aber Gemeinschaft erzeugt auch Differenzen: Verantwortlichkeit und Gleichgültigkeit, Sympathie und Abneigung, Freundschaft und Feindschaft, Liebe und Ablehnung.

Emotion kommt zum Ausdruck in Pathos und Psyche, Empfindung und Seele, dem Ort innerer Bewegtheit.

Paul Klee: Das Pathos der Fruchtbarkeit

Paul Klee: Das Pathos der Fruchtbarkeit
The Berggruen Klee Collection, 1984
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Pathos, altgriechisch πάθος, bedeutet Leiden, Empfinden, übertragen eine feierliche Gestimmtheit, eine erhabene Bewegtheit. In der Rhetorik zielt es auf ein emotionales Echo des Hörers, auf seine Empfindungen, seine Identifikation, seine ungeteilte Aufmerksamkeit, seine seelische Teilnahme: seine Psyche.

Psyche, altgriechisch ψυχή‚ lateinisch anima, Hauch, Seele, besitzt auch den Nimbus des alttestamentarischen, den des einen unbelebten Lehmklumpen animierenden Gottesodems, der den Menschen zu einem besonderen Wesen vor allen anderen macht.

Haben Tiere Empfindungen, die Pathos und Psyche ausdrücken, haben sie wie Mitgefühl und Liebe?

Gerade von einem Tier, das in unsere Kommunikation eingebunden ist, von einem vertrauten Haustier, das als guter Freund des Menschen empfunden wird und an seiner Seite ist, präsent und spontan, erlebt der Mensch manchmal mehr Zuspruch und Trost als von einem Menschen.

Der rührende Augenaufschlag eines Hundes, sein Apportieren eines aufmunternden Gegenstandes. Oder das vertrauensvolle Schmiegen einer alten Katze an ihren Menschen. Selbst das konzentrierte Lauschen eines Zwergkaninchens auf die Stimme seines Menschen, Geräusche, Worte, die nur ihm gelten: Auch in der Tierwelt gibt es Emotionen, Mitgefühl, Vertrauen, Fürsorglichkeit, Dank. Man denke nur an die Selbstlosigkeit, mit der ein Elefantenjunges in seiner Herde versorgt wird. Delphine, die einen Menschen vor dem Ertrinken retten. Das alles sind Seelenäußerungen, Zeugnisse tierischer Anteilnahme, innerer Bewegtheit, kreatürlichen Engagements für andere.

Aber wie sonst, wenn nicht mit seiner von Gott gegebenen Überlegenheit, sollte der Mensch seinen Umgang mit der ihm anvertrauten Natur begründen? Und wie soll er vertreten, dass dabei so vieles misslingt und unwiederbringlich zerstört oder getötet wird?

Der Anspruch der Menschheit ist die alttestamentarische Untertanmachung der Erde, die Beherrschung der Natur. Ihr Auftrag ist aber auch Fürsorge, Verantwortung und Schutz der ihr anvertrauten Kreatur. Sind diese Aufträge überhaupt erfüllbar angesichts der Eruptionen, die den Menschen zu einem Spielball ungeahnter Kräfte machen können?

Demut ist das Gebot, wenn es einen Gott gibt, der ihm seine Schöpfung anvertraut.

Ein Menschenbild zwischen Vergänglichkeit und Naturbeherrschung

Wotan

Wotan
Bild: Hermann Hendrich, 1926
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Schon zu allen Zeiten glaubten Menschen an höhere Mächte, Mächte, die über ihnen standen, sie ermächtigten, schützten und bestraften, bestimmten und lenkten. Diese Götter stellten zwar beständig Forderungen, aber sie entließen den Menschen auch aus der Verantwortung seiner Lebensgestaltung, weil sie schicksalsbestimmend waren. Das Fatum, das Schicksal des irdischen Menschen, war vorherbestimmt; und es lag in der Hand der göttlichen Macht.

Ein Unterscheidungskriterium zwischen dem irdischen und dem göttlichen Wesen war zuerst sein Aufenthaltsort. Der Mensch hatte auf Erden seine Heimat, die Götter im Himmel. Für die Griechen des klassischen Altertums war das der Olymp, eine Sphäre, die nach menschlichen Vorstellungen gestaltet und aufgeteilt, jedoch den höchsten Göttern vorbehalten war. Dem Olymp gegenüber stand der Hades, Schattenreich und Unterwelt, das Reich der Toten. Kein Lebender hatte dort Zutritt, so wie kein Toter ihm je wieder entkommen konnte. Die dritte Sphäre war die Erde, χθών, chthṓn, Erde. Sie war überschaubarer. Aber alle Regionen und Bereiche des Lebens unterstanden einer besonderen Regentschaft einer Gottheit. Die bewohnte Erde gliederte sich in menschenfreundliche, bewohnbare Regionen aber auch in abweisende, unwirtliche. Der alles umgebende Himmel dagegen erschloss sich schwerer. Er war sichtbar grenzenlos, unerreichbar, unendlich. Deshalb war er in allen Mythologien schon immer die Wohnung der Götter.

Im Lateinischen heißt Mensch homo, von altgriechisch ὁμός. homós‚ gleich, homilis „gleichartig“. Das ist auch ein humanistischer Gleichheitsgedanke. Das Wort liegt sprachlich nahe an humus, Erde, und humilis, irdisch, niedrig. Tatsächlich bedeutet es wohl „der aus Erde Geschaffene“, Erdling, Irdischer, Vergänglicher. Dahinter stand die Vorstellung der nicht durch ihn selbst beeinflussbaren Vergänglichkeit und des Zeitpunkts seines Todes. Darin spiegelte sich die Gewissheit wider, dass Sterblichkeit Zeitlichkeit bedeutet, das Zurücksinken des Lebendigen in das Tote sein werde.

Der sterbende Mensch bewegt sich wieder zu seinen Ursprüngen, der Erde, dem Humus, der aus sterblicher, toter, dennoch ehemals lebendiger Substanz entstanden war und nun dem Prozess der Zersetzung und Neuzusammenfügung anheimgegeben war. Der Begriff der „Mutter Erde“ knüpft an diese Idee an. Es bestand auch ein Trost darin, als Verstorbener werde man wieder in die Erde eingehen, wieder zu Erde werden, aus der man hervorgegangen war.

Adam und Eva

Adam und Eva
Bild: Albrecht Dürer
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Nach christlicher Lehre war Adam, der Urvater aller Menschen, bei seiner Erschaffung von Gott aus einem Erdklumpen geformt worden.

Die christliche Bestattungsformel gemahnt denn auch: „Erde zu Erde. Asche zu Asche.“ Asche ist der Rest, Kohlenstoff, der übrig bleibt, wenn alle anderen Bestandteile gelöst und verbrannt sind. Der dritte Teil der Formel lautet folgerichtig: „Staub zu Staub.“ Staub ist das, was bleibt, wenn alles Wasser, die Unabdingbarkeit für Leben und Lebendigkeit, zerronnen und in neuen Organismen verstofflicht ist. Der Leichnam zerfällt dann zu Staub.

Obwohl sich die lateinische Sprache, die sich einerseits in mythologischen Übereinstimmungen und andererseits aus kulturell-kolonialen Vermischungen und räumlicher Nähe ergeben hatte, der griechischen Kultur immer verbunden war, zeigt sich im Bereich der philosophischen Auffassung des Begriffs Mensch keine sichtbare Übereinstimmung.

Es findet sich in der Etymologie des altgriechischen Wortes ἄνθρωπος, anthropos, Mensch, kein Hinweis auf eine Gemeinsamkeit mit dem lateinischen homo. Die Herkunft des griechischen Wortes liegt überwiegend im Dunkel; bedeutungsgebend scheinen eher Hinweise auf eine weiter zurückliegende, schwer zu überprüfende indogermanische Wurzel, die auf aufrechten Gang, die Benutzung des Arms, *an-, als spezifisch menschliches Merkmal weist. Denn dies ist eine Fähigkeit, die ihn zur Ausbildung der Hand als Greifinstrument – durch das in der Tierwelt bis dahin unerreichte Novum der Daumenopposition – und damit zum Gebrauch von Werkzeugen und von Waffen tauglich machte. Der Gebrauch des Arms war der Beginn körperlicher Überlegenheit gegenüber anderen Tieren. Als weitere denkbare etymologische Wurzel wird die Hinwendung des menschlichen Gesichts, πρόσωπον prósōpon, zu seinem Gegenüber in Betracht gezogen (1). Ist dieses Merkmal, sein Gesicht mit seinen Absichten, Emotionen, Stärken und Schwächen zu zeigen, nicht das zutiefst menschlichste bei der immerwährenden Konfrontation mit Freund und Feind?

(1) Eine etymologische Spur lautet ‚mit Mannesgesicht begabt’, aus *ἀνδρ-ωπ-ος ‘.Dazu πρόσωπον prósōpon, Gesicht, wobei eine Buchstabenfolge – θ für δ – ungeklärt bleibt.
http://ieed.ullet.net/friskL.html
(Stichwort ἄνθρωπος, Mensch)

Das Zusammenwirken von Mikroorganismen

Mikroorganismen (Bakterien) auf natürlichem Zeolith

Mikroorganismen (Bakterien) auf natürlichem Zeolith
Foto: Stefan Weiss
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In der Natur ist das Leben als Zusammenspiel der Organismen geregelt. Pflanzen dienen als Grundstoff für Nahrung. Aber auch Pflanzen müssen sich ernähren. Ihre Nährstoffe beziehen sie aus dem Boden, der seinerseits Nährstoffe aus abgestorbenem organischen Material gewinnt. Die Nährstoffe sind in Wasser gelöst, sodass die Pflanze sie über ihre Wurzeln aufnehmen kann. Das Wasser ist der Grundstoff, mit dem die Nährstoffe befördert werden. Blätter, Blüten, Früchte und Samen werden erst durch das darin enthaltene Wasser prall und farbig. Ohne Wasser gäbe es weder pflanzliches noch tierisches Leben auf der Erde. Woher kommen die Nährstoffe und wie gelangen sie in den Boden – also in die Erde?

Man muss sich vergegenwärtigen, woraus Erde besteht. Erde besteht nicht aus Sand, zerriebenem Gestein, sondern sie ist kompostiertes Material aus tierischen und pflanzlichen Rückständen. Fruchtbare, lockere Erde besteht überwiegend aus Humus, lateinisch humus. Erde ist also ursprünglich toter organischer Stoff, der durch einen Zersetzungsprozess zu anorganischem Material zerlegt und umgebaut wurde. Erst dadurch werden seine Ursprungsstoffe Pflanzen zugänglich gemacht. Denn nur Pflanzen können ausschließlch anorganische Stoffe aufnehmen. Die aus der Luft und dem Boden gewonnenen Bestandteile Kohlenstoff, Sauersoff und Wasserstoff werden photosynthetisch – mit Hilfe von Sonnenlicht – energetisch angereichert und zu Traubenzucker, einer Glukoseform, und nachfolgend aus weiteren Glukosen zu Stärke und Zellulose umgebaut. Erst so machen Pflanzen die in einem ständigen Kreislauf befindlichen Stoffe Tieren verwertbar. Nicht unmittelbar für Energie. also Bewegung, Stoffwechsel und Wärme gebrauchter Zucker wird seinerseits in tierischen Oganismen zu Fett verstoffwechselt und im Körper als energetische Reserve angelegt. Unter Anbindung von Stickstoff an die Zuckerverbindungen werden Proteine erzeugt, um tierische Körperzellen anzulegen. Daraus bestehen Muskeln, Organe, Teile des Knochen- und Hornmaterials. Proteine bilden die unverzichtbaren biochemischen Substanzen tierischen Lebens. Der Aufbau tierischen Gewebes ist pflanzlichen Grundstoffen zu verdanken.

Humus

Humus
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Wie aber geschieht diese Aufbereitung zu Humus, also fruchtbarer Erde, deren durch Pflanzen umgebaute Inhaltsstoffe tierisches Leben wieder ermöglicht?

Zuerst sind es saprophage, fäulnisverzehrende – aus altgriechisch σαπρός sapros faul, und φαγεῖν phageín, essen – sich also von faulendem Material ernährende biologische Organismen, die als Saprobionten – aus altgriechisch σαπρός sapros faul, und βίος bíos,Leben – auf abgestorbenem Naturmaterial leben.

An diesem Verwertungsprozess sind verschiedene Lebewesen beteiligt. Fäulniszerlegende Tiere wie Regenwürmer oder Mistkäfer beschleunigen diesen Vorgang, indem sie durch ihre Exkremente vergrößerte Abbauflächen schaffen, die den Zugriff der Mineralisierer erleichtern.

Die Mineralisierer als fäulniserregende Mikroorganismen übernehmen sodann diese Aufgabe, indem sie die organischen Nährstoffe unter Anbindung von Sauerstoff, Kalium, Natrium, Phosphor, Stickstoff zu anorganischen wie Kohlendioxyd und lebenswichtigen Salzen umbauen.

Bei dem Umbau organischen Materials zu anorganischen Stoffen kommen Destruenten zum Einsatz. Destruenten – aus lateinisch destruere, zerstören, abbauen – sind Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze. Sie nehmen organisches Material auf, verdauen es und zerlegen es wieder in ihre anorganischen Grundstoffe. Dadurch schließen sie es dem pflanzlichen Stoffwechsel auf. Diesen Prozess der Rückführung in den biogenen Stoffkreislauf nennt man Assimilation. Assimilation ist notwendig, weil Pflanzen nicht in der Lage sind, totes Material, das sich aus organischen Verbindungen zusammensetzt, aufzunehmen. Sie sind also darauf angewiesen, dass Mikroorganismen vorher diese chemische Zerlegung übernehmen, um ihnen elementare Nährstoffquellen zu erschließen. Danach sind es schließlich Pflanzen, die tierisches Leben ermöglichen, weil sie der Tierwelt Nahrung zur Verfügung stellen.

Daraus leitet sich die Verbildlichung der Nahrungspyramide ab. Dieses Modell verdeutlicht, wie eine große Menge von pflanzenfressenden Tieren einer kleiner werdenden Menge von Fleischfressern als Nahrunsgrundlage dient.

Leben ist nach dieser Definition und Vorstellung nur unter den Bedingungen möglich, die unser Planet Erde bietet: Gemäßigte Temperaturen durch einen günstigen Abstand zur Sonne und Sonnenlicht, das ausschließlich chlorophyllproduzierende grüne Organismen zu dem biochemischen Umwandlungsprozess der Photosynthese befähigt.
Photosyntese bedeutet, dass mithilfe des lichtabsorbierenden Farbstoffs Chlorophyll Lichtenergie in chemische Energie umgewandelt wird, die dann zum Aufbau energiereicher organischer Verbindungen verwendet wird. Diesen Vorgang der Synthese energiereicher organischer Stoffe, der als Nahrungsgrundlage für tierische Lebewesen dient, bezeichnet man als Assimilation.

Photosynthese betreiben neben dem den pflanzlichen Hauptproduzenten (1) auch grüne Algen, die nicht eindeutig in das Reich Pflanzen gehören, und einige grüne Bakterienarten, die man zu den Tieren zählt.

Diese Herstellung von energetischer Nahrung ist für tierisches Leben unverzichtbar. Dabei produzieren Pflanzen den für tierische Existenz unabdingbaren Sauerstoff, den sie als Abfallprodukt der Photosynthese abgeben. Das zeigt die Unabdingbarkeit „grüner Lungen“ – von Parkanlagen über Wälder bis zu Regenwäldern. Nur Pflanzen sind dazu in der Lage, Kohlendioxyd aufzunehmen, zu nährstoffreichen Kohlenstoffverbindunen zu verarbeiten und lebenswichtgen Sauerstoff zu erzeugen.

Mikroorganismen vervollständigen den Kreislauf der Stoffe, indem sie das fehlende Glied zur Rückführung in anorganische, für den pflanzlichen Organismus aufnehmbare Grundsubstanzen, bilden.

Auf diesem Zusammenwirken basiert alles Lebendige. Jede biologische Existenz ist in einem beständigen Kreislauf aufeinander angewiesen. Ohne die dem menschlichen Auge nahezu verborgenen Mikroorganismen würde die Erde, die immer neues Leben hervorbringt und untergehen lässt, die also fortgesetzter Erneuerung bedarf, um Leben zu ermöglichen, an einer unzersetzten Fäulnisflut ersticken.

(1) Schmarotzende, nicht Chlorophyll produzierende Pflanzen leben auf und von anderen. So bedienen sich chlorophyllfreie Pflanzen wie der Fichtenspargel in Gänze der Fähigkeit ihrer Wirtspflanze zur Nährstoffanreicherung. Blassgrüne dagegen zapfen ihre Wirtspflanzen für Nährstoffe und Chlorophyllgaben an.