Archiv nach Monaten: August 2021

Kindchenschema und Anpassung

Fossil of Sciurumimus

Fossil of Sciurumimus
photo: Ghedoghedo
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Von Konrad Lorenz, dem legendären Verhaltensbiologen, der ein gerade aus dem Ei geschlüpftes Gänseküken zum Objekt kindlicher Prägung gemacht hatte, stammt der Begriff des Kindchenschemas. Darunter versteht man den Schlüsselreiz, der bei brutpflegenden Wirbeltieren Brutpflegeverhalten auslöst. Das tatsächlich noch hilflose Geschöpf bestimmt das erwachsene zu Fütterung, Schutz und Pflege. Solche Schlüsselreize werden ausgelöst durch ein bestimmtes äußeres Bild. Es beseht darin, dass das Junge bestimmte Körperformen und -proportionen aufweist, die das erwachsene Tier als Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit interpretiert. Unmittelbar wirkt dieser Reiz auf die Mutter des Kleinen. Aber das Besondere an diesem Reiz-Reaktionsschema ist, dass es auch andere Mitglieder des Clans, der Art, ja, sogar ganz Artfremde wie den Menschen zu solchem Fürsorgeverhalten anregt. Sogar ein Krokodilbaby oder Raubsaurierbaby kann, wie man aus Versteinerungen weiß, auf diese Weise niedlich wirken.

Bestandteile des Reizes „Kindchenschema“ sind vorrangig die Gesichtsform und die Körproportionen. Babyhafte Gesichtsformen sind gekennzeichnet durch große, runde Augen, eine gerundete Stirn- und Wangenpartie, eine kleine Nasen- und Kinnpartie. Dazu gehört eine Körperproportion, die bei Nestlingen durch rundliche, kurze Extremitäten und einen weichen runden Leib gekennzeichet ist.

Bei Mitgliedern des eignen Clans, der eigenen Art, bewirkt dieses Schema eine Pflegereaktion, jedenfalls am ehesten Beißhemmung. Dazu gehört eine Stimmlage, die bei Säugetieren Milchfluss bei anderen einen Fütterungstrieb auslösen.

Kleinkind

Kleinkind
photo: Heather Katsoulis
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Die Bewegungen sind tapsig und unbeholfen – Ausdruck von Hilfs-, Fütterungs- und Tragebedürftigkeit. Nestflüchter unter den Pfleglingen dagegen haben andere, aber gleichermaßen „niedliche“ Körperproportionen – langbeinig und staksig bei Weidetieren, flaumig bei Laufvögeln, dazu mit den typischen Kopfproportionen des Babys, da sie ja schon mit der Herde oder der Vogelgroßfamilie laufen müssen. Das sind Rehkitze, Elefanten-, Giraffen- oder Rinderkälber, die ihren Müttern bei der Futtersuche nachlaufen oder inmitten der Herde von den Erwachsenen wie in einem Schutzmantel umschlossen werden. Am deutlichsten und anrührendsten ist diese Herdenwachsamkeit bei Elefanten, wo sich die weibliche Verwandtschaft, die Tanten, mitverantwortlich für die Aufzucht der Jungen fühlen. Jungtiere sind bei Angriffen durch Großkatzen besonders gefährdet, weil die Angreifer die Silhouetten der Jungtiere instinktiv wahrnehmen.

Viel weniger geschützt sind die Jungtiere der Löwen, die zwar ebenfalls in sozialen Verbänden leben, deren Sozialsystem aber anders geregelt ist. Bei den Löwen gibt es einen Clanchef, dem eine Gruppe von Löwinnen unterstellt ist. Die Löwinnen jagen gemeinsam, versorgen ihn und sorgen für Nachwuchs, den sie auch im Jagen schulen. Wird nun der Clanführer, weil er einem Angreifer unterlegen ist, abgelöst, so vertreibt der neue, stärkere, den alten und beißt seine Jungen tot. Das geschieht, um die Weibchen schnellstmöglich wieder paarungsbereit zu machen, damit seine eigenen Gene fortzupflanzen.

Setzt man voraus, dass jede Art in der Natur Strategien sucht, um erfolgreich zu sein – ihre Jungen großzuziehen und als Art zu überleben – so ist jede Form des Zusammenlebens, der Nahrungssuche, der Aufzucht des Nachwuchses, unter dem Gesichtspunkt der Anpassung an den Lebensraum zu betrachten. Die einen schützen sich durch Menge, die anderen durch besondere Füsorge. Die einen schützen sich selbst durch Tarnung, Gift oder Schnelligkeit, die anderen opfern sich für ihren Nachwuchs auf.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet ist auch das Kindchenschema eine Anpassungsleistung, die ddas Überleben der Art schützen soll.

Motten auf der Spur

Schmetterling im Herbst

Schmetterling im Herbst
photo: Chrisi1964
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Schmetterlinge sind ein Symbol von Anmut und Zartheit. Ihre Flügel – so fein geädert, so bewundernswert gefärbt – bringen uns zum Entzücken. Aber man kennt sie auch, die dunkle Seite: Den Tagfaltern stehen die Nachtfalter gegenüber. Sie scheinen Unheil zu verheißen, wenn sie mit schwerem, trägen Flügelschlag ins sommerlich geöffnete Fenster flattern, der Leselampe entgegen. Wenn sie anderntags verschwunden sind, macht sich seufzend Erleichterung breit.

Nachtfalter unterscheiden sich von Tagfaltern durch ihre „nächtliche“ Dunkelfärbung, ihre großen Köpfe und Fühler und durch ihre Dämmerungsaktivität. Wenn man sie ruhen sieht, sind ihre Flügel parallel zusammengelegt – anders als bei den Tagfaltern, deren Flügel, die farbigen Oberseiten verbergend, im Ruhezustand hoch zusammengeklappt verharren. (1)

Auch Kleidermotten sind Nachtfalter, die sich erst bei einbrechender Nacht zeigen. Wie ihre großen Verwandten suchen sie nach Partnern.

Echte Kleidermotte (Tineola bisselliella)

Echte Kleidermotte (Tineola bisselliella)
photo: Olaf Leillinger
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Kleidermotten werden je nach Lichteinfall plötzlich unsichtbar, deshalb kommt man ihnen so schwer auf die Spur. Zudem sind sie klein und unscheinbar. Sichtbar werden sie nur, wenn sie tagsüber als kleines, schmales Trapez in Augenhöhe an weißen Wänden schlafend verharren.

Das sind immer Männchen. Sie warten auf ihre Dämmerstunde, um die durch Pheromone auf sich aufmerksam machenden, in Wollsachen verborgenen Weibchen aufzuspüren.

Pheromone sind für unsere Nasen nicht wahrnehmbare Sexuallockstoffe. Wolle und Seide sind tierische Eiweiße. Eiweiß brauchen die Weibchen, um Eier zu produzieren, die Männchen für die Spermaproduktion. Kaum hat das Männchen seine Begattungsarbeit vollzogen, begibt sich das Weibchen ans Fressen der eiweißreichen Kost, unsere kaschmir-wollenen und zartseidenen Lieblingsstücke. Wenn man sich wundert, dass gerade die sichtbarsten Stellen heimgesucht werden, so muss man sich vergegenwärtigen, dass durch Husten, Niesen oder Kleckern Zutaten auf den Stoff gelangen, die ihnen als leichtverdauliche Kost entgegenkommen.

Im naturhistorischen Museum wird das Exponat eines Stoffstücks gezeigt, auf dem löchrig zu lesen zu lesen steht: „Sauce“. Das ist ein Hinweis, dass Saucenflecke primär und bevorzugt von Motten heimgesucht werden.

In einem abgelegenen Schrankwinkel der verwaisten elterlichen Wohnung fand ich einmal eine durchsichtige Plastiktüte mit Pferdehaar. Darin waren Hunderte toter Motten, die, aus einem gut versorgten Mottennest stammten, aber den Weg hinaus in ein erfülltes Mottenleben nicht hatten finden können.

Ähnliches beobachten konnte ich bei Mehlmotten, Lebensmittelmotten, die Kleidermotten ähnlich sehen , jedoch auf den Flügeln dunkel gefleckt sind. Sie waren in einen porzellanenen Behälter für Haferflocken hineingekrochen, um ihre gespinstversehenen Mottennester anzulegen.
Aber der Weg zurück war ihnen und den Nachkommen versperrt.Lebensmittelmotten machen auch vor Wolle und Ähnlichem nicht halt.

Fragt man sich, warum die Motten nicht eher bei den Schafen zur Untermiete einziehen, stößt mn tatsächlich auf eine derartige Symbiose. Es gibt nämlich eine Faultierart, in deren algengrünem Fell Motten hausen. Vielleicht kommt diesen Mitbewohnern ja der träge Lebensstil des Dreizehenfaultiers entgegen, das tagelang an einem Ast hängend döst.

Bei den Motten ist es wie bei den Ratten: Während man nur eine einzige mülltonneninspizierende sieht, bleiben hunderte andere unsichtbar.

Was hilft gegen diese Verwüstung?

In der Bibel steht: Legt keine Vorräte kostbarer Kleider an, sie werden ja doch nur von den Motten gefressen. Das Problem ist also uralt.(2)

Weiter ist es hilfreich, seine Sachen nur frisch gewaschen wegzulegen, um keine attraktiven Nahrungsquellen zu schaffen.

Motten mögen, wie die meisten Insekten, nicht die ätherischen Öle, die Lavendel verströmt. Seifen könnte man als für Motten abschreckende, jedoch für uns Menschen angenehme Duftquellen zwischen Pullover legen. Lavendelspray hilft – aber nur kurzfristig. Zwar verlassen die Motten fluchtartig ihr Quartier, suchen sich aber schnell eine neue ungestörte Bleibe in Mützenkörben, Pelzkragen oder Strumpfladen. Hier sollte man auch Vorsorge treffen.

Etwas länger hilft Mottenpapier. Es empfiehlt sich zu überlegen, durch welche Öffnungen oder Holzspalten die kriechenden Weibchen eindringen. Danach sollte man das Papier plazieren.
Man muss zuerst Fächer und Schubladen ausräumen, sie sodann mit dem Staubsauger bearbeiten und mit Essig – besonders die Ecken – auswischen.

Und man muss achtsam bleiben, weil im April leider weitere hungrige und paarungswillige Motten zum Fenster hereinflattern und alsbald folgen ihre Liebhaber.

(1) http://texte.gsimon.de/2019/09/
(2) Mt 6,19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo Motten und Rost sie fressen und wo Diebe einbrechen und stehlen.