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Roms Wurzeln im Griechenland der Antike

Die antiken Städte Latiums, die zusammen die Lateinische Liga bildeten

Die antiken Städte Latiums, die zusammen die Lateinische Liga bildeten – Autor: Cassius Ahenobarbus – Lizenz: Creative Commons

Die lateinische Sprache war ursprünglich die Sprache eines italischen Volksstamms, der Latiner, die nach der Region Latium, deren Zentrum Rom war, benannt war. Lateinisch ist dennoch weniger eine italische, sondern eine Hochsprache, der griechische Wurzeln zugrunde liegen. Aus der Geschichte Roms lassen sich diese sprachlichen, politischen und kulturellen Bindungen und Zusammenhänge herleiten.

Im Gegensatz zu den italischen Völkern waren die Römer griechische Eindringlinge in Italien. Italien ist von Griechenland aus auf dem Seewege leicht erreichbar. Der in nächster Nähe zu Griechenland liegende ostitalische Hafen Brundisium, das heutige kalabrische Brindisi, war zunächst für sie Anlaufpunkt, wie später für die Römer Ausgangspunkt, um Griechenland und Italien schnellstwegig zu verbinden.

Der Sage nach landete der aus Troja geflüchtete Held Aeneas mit Vater und Sohn an der Westküste Italiens, dem Siedlungsland der Latiner, dem Latium. Er wurde zum Gründungsvater Roms. Auch Odysseus, ein griechischer Held, der, aus dem zerstörten Troja entkommen, mit einigen Getreuen auf der Suche nach heimatlichen Gewässern das Mittelmeer durchkreuzte, kam an der Halbinsel Italien nicht vorbei. An der Küste Italiens erlebten Odysseus und sein Gefolge Abenteuer zwischen Leben und Tod, die oft genug erst durch die Klugheit und Erfahrung des listenreichen Helden einen glimpflichen Ausgang fanden. Hier, an der Küste Italiens, stießen sie auf die Zauberin Kirke, die Sirenen, die loreleyhaft die Schiffer in den Tod trieben; hier vergriffen sie sich an den heiligen Rinderherden des Sonnengottes, der ihnen fortan feindlich gesinnt war. Auch die wildbewegte Meerenge zwischen Sizilien und der italischen Halbinsel, die erfahrene Seeleute schon immer wegen ihrer nautischen Unwägbarkeiten mieden, blieb ihnen nicht erspart. Sie beherbergte der antiken Sage nach die alles verschlingenden Seeungeheuer Skylla und Charybdis, denen Odysseus nur unter dem Verlust vieler Getreuer entkam.

Die italische Halbinsel liegt als Überbleibsel eines vulkanischen Gebirgsrückens ferner Erdepochen inmitten einer vorzeitlichen Ebene, dem heutigen Mittelmeer. So langgestreckt wie die Halbinsel in das Mittelmeer ragt – von den Alpen bis in die Sichtweite Nordafrikas – beherbergte sie eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Volksstämme. Während Sizilien zur Blütezeit der griechischen Antike eine nahegelegene Kolonie war, also von Griechen besiedelt und landwirtschaftlich zum Korn-, Oliven- und Weinanbau genutzt wurde ,- davon zeugt auch der römische Name „Magna Graecia“ -, ist Norditalien zunächst für Rom nur eine von Kelten bewohnte gallische Provinz, „Gallia cisalpina„, die neben dem heutigen Oberitalien Venetien und Ligurien, sowie die Provinzen Toscana, Emilia Romagnia und Umbrien einschloss.

Als Rom zur Weltmacht seiner Zeit aufgestiegen war, betrachteten sich die Römer als angestammte Herren des Mittelmeeres und gaben ihm stolz den Namen „mare nostrum„, unser Meer. Hervorgegangen aus griechischer Kultur und Geschichte, die sich einerseits aus mythologischen Irrfahrten und andererseits aus kulturellen und kolonialen Vermischungen und räumlicher Nähe speiste, zeigt sich auch in der lateinischen Sprache eine deutliche Bezogenheit auf die griechische. Gerade die begriffliche Abbildbarkeit von Rhetorik, daneben besonders Philosophie, Religion, Poetik, Architektur und Kunst sind vom Griechischen geprägt. So ist das olympische Göttersystem des offiziellen klassischen Roms von den Griechen übernommen und mit römischen Namen versehen worden. Dagegen sind die weniger bedeutsamen Gottheiten, die Hausgötter, die mit Hausaltären versehenen Penaten, die der familiären Privatheit ihren Segen gaben, und Gottheiten traditioneller altrömischer Feste, neben den griechisch-olympischen erhalten geblieben. Gegenüber den bildungsnahen griechischen Überlieferungen bediente man sich im Alltäglichen, Familiären und Militärischen einer nüchternen Sprache. Das wird besonders deutlich an den Namen, die oft eine Abbildung der familiären Herkunft, sogar oft nur eine Nummerierung in der Geschwisterfolge sind.

Rom war eine Sklavenhaltergesellschaft. Militärische Erfolge wurden von den Männern errungen. Damit die Arbeit zu Hause erfüllt werden konnte, war Sklavenarbeit unerlässlich. Auch in der Kriegsführung wurden Sklaven eingesetzt, etwa als Galeerensklaven, die festgekettet waren, um sie kontrollierbar zu machen.

Sklaven aus dem gebildeten Griechenland waren qualifizierte Haushalter – „Philostratos, des Hauses redlicher Hüter“, der treue Haushalter, den Schiller seinen Herrn warnen lässt umzukehren – griechische Intellektuelle waren die Hauslehrer begüterter Römer, zuständig für die klassische Bildung der Söhne, die sich erst im Alter von etwa 10 Jahren den intellektuellen Wegen der Väter anschlossen. Söhne schlichterer Abstammung folgten ihren Vätern dagegen als Lehrlinge des Kriegshandwerks im Tross auf ausgedehnten Eroberungszügen.

Mit dem Aufstieg Roms zur Weltmacht und zum Beherrscher des Mittelmeers verloren auch die früheren kulturellen und politischen Zentren wie Athen, Alexandria und Carthago an Bedeutung. Die lateinische Sprache wurde Kirchensprache und lingua franca, der Weltsprache früherer weitgereister Kaufleute, während Griechisch nur noch für die neutestamentarische christliche Theologie von Bedeutung blieb.

Die griechische Schrift unterscheidet sich im formaen Buchstabenbestand und deren Aussprache von der römischen, die als lateinische Schrift im sich formenden Europa und damit bis in die Neue Welt, Amerika, Weltgeltung errang. Der Name der römischen Sprache war Lateinisch.

Dieser Name leitet sich ab von Latium, jener flachen, sumpfigen und seenreichen, zugleich fruchtbaren Landschaft südlich von Rom. Latium bedeutet „das Weite, Ausgebreitete“, aus latus, ‚weit, breit‘ Die Ureinwohner nannten sich Latiner. Das Latium ist die Landschaft mit dem späteren Zentrum Rom. Hier an der Tibermündung nahe dem Hafen Ostia ließen sich die griechischen Migranten nieder, von dort breiteten sie sich aus, indem sie sich mit den italischen Stämmen vermischten, wie es die Sage vom Raub der Sabinerinnen schildert, die den Frauenmangel der Einwanderer illustriert.

So brachten griechische Migranten und Kolonisatoren Grundzüge ihrer Sprache – besonders der Grammatik und der Elemente der Bildungssprache – nach Rom, während Anteile der Sprachen, die von den italischen Ureinwohnern gesprochen wurden, die Alltagssprache in Haus, Handwerk und Militär bestimmte.

Gendern oder generisches Maskulinum?

Das Römische Weltreich um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr.

Das Römische Weltreich um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. – Quelle: Meyers Konversations-Lexikon – public domain

Gerade das Englische spiegelt in seinem großen Bestand an Lehn- und Fremdwörtern den kulturellen Einfluss der römischen Vorherrschaft in Europa wider. Das hat sich auf die englische Hochsprache ausgewirkt, während die Alltagssprache durch sächsische Sprachelemente gekennzeichnet war. Später war die Nähe zu den nordfranzösischen Normannen, die England auch kulturell und politisch nahestanden, prägend. Deshalb gibt es im Englischen so viele Wörter, die dem Lateinischen und sogar dem Griechischen entlehnt sind.

to gender“ ist das englische Verb, das gendern zugrunde liegt. Es bedeutet, ein personenbezogenes maskulines Wort mit einer femininen Nachsilbe zu versehen, um es als Femininum explizit zu kennzeichnen. Es kommt aus dem Lateinischen. Darin enthalten ist zunächst gens, Volksstamm, schließlich genus, Geschlecht, Herkunft.

Auch im Deutschen gibt es Fremdwörter, die darauf Bezug nehmen: z. B. Genus – grammatisches Geschlecht, Gen – Erbgutträger, generisch – beide Geschlechter umfassend, weiter von Generikum – dem Original vergleichbares Medikament, bis Gentrifizierung – Aufwertung und Verteuerung eines Stadtteils. Das darin enthaltene Wort gentry, niederer Adel, ist von dem altfranzösischen genterie, Adel, abgeleitet.

Heute gendert man, um eine Zurücksetzung von Frauen auszuschließen. Verstand man früher unter einem Wort mit männlicher Nachsilbe, z. B. der Einwohner, dessen männliches grammatisches Geschlecht, durch die Nachsilbe -er gekennzeichnet war, sowohl männliche als auch weibliche Menschen, so sieht man heute die Notwendigkeit zu differenzieren, um Frauen nicht hinter Männern zurückzusetzen. Die Verständigung darüber betrifft nur das grammatische, nicht aber das sexuelle Geschlecht. Das generische Maskulinum beansprucht, beide Geschlechter zu umfassen, während ihm neuerdings unterstellt wird, Frauen nur mitzumeinen . Aus diesem Missverständnis hat sich das Verständnis einer Herabsetzung von Frauen ergeben. Deshalb spricht man heutzutage ‚gendergerecht‘ von Einwohnerinnen und Einwohnern, Einwohnenden, EinwohnerInnen oder Einwohner*innen, oder gendergerecht gesprochen Einwohner_Innen. Auf diese Weise wird das ursprünglich wertfrei gebrauchte grammatische Geschlecht zum sexuellen Geschlecht umgedeutet. Dadurch erst entsteht eine Belastung, die dem unvoreingenommenen Sprecher aufgebürdet wird. Um nicht als frauenfeindlich zu gelten, unterwirft er sich grammatisch und semantisch fragwürdigen Regeln.

Im Indogermanischen, dem Urspung vieler europäischer Sprachen, ist es üblich, keinen grammatischen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Wesen zu machen. Die Trennungslinie verlief also nur zwischen Lebewesen und Dingen. Im Lateinischen, das dem Griechischen nahe verwandt ist, ist das daran erkennbar, dass Wörter, die auf -s-endeten, sowohl männliche als auch weibliche Bedeutung haben konnten. Erst als im späten Indogermanischen, das -a als weibliche Genusmarkierung entstand, konnte man durch ein adjektivisches Attribut Geschlechtsunterschiede verdeutlichen: dux bonus versus dux bona. Ähnlich mag es sich mit rex, König, verhalten haben, bevor regina – Königin, mit der Zunahme internationaler Politik Roms notwendig wurde. Denn in Rom bestimmten Männer Politik und Militär. Mit zweiendigen Adjektiven und Präsenspartzipien, die der gemischten Deklination folgen, verhält es sich ähnlich. Unterschieden wird nur das sächliche Geschlecht.

Dagegen soll jedes maskuline Wort im Deutschen, mit einer femininen Endung versehen, zu einer Differenzierung in Männer und Frauen führen. Diese Sichtweise sieht es nicht als selbstverständlich an, dass die Mitglieder eines Gemeinwesens aus Männern und Frauen, also aus Mitgliedern beiderlei Geschlechts, bestehen. Sie beansprucht eine bewusste Nennung femininer Begriffe neben den maskulinen.

Sprache ist eigen, dass sie, statt etwas mitzumeinen, die kürzere Form als Standardgenus verwendet. Das nennt man fachsprachlich Ikonisierung und bedeutet übergreifendes Zeichen oder Kürzel, eine Art icon, Symbolbild oder Piktogramm. Das Wort ist aus dem Griechischen entlehnt, wo εἰκών, Bild heißt. In diesem Sinne ist unter Ikoniserung zu verstehen, dass ein männliches – naturgemäß kürzeres – Wort als Verbildlichung der ihm entlehnten weiteren Genera fungiert. (1)

Heute versucht man, feminine Mitgemeintheiten durch sprachliche Neuschöpfungen zu ersetzen. Üblicherweise spricht man demgemäß also in offiziellen Zusammenhängen von Richterinnen und Richtern oder von Richter*innen, von RichterInnen oder Richtenden. Abgesehen davon, dass die Lesefreundlichkeit und der gute Stil dafür geopfert werden, ist zu spüren, dass -innen und entsprechende Zeichen bereits zu Automatismen geführt haben, denen bisweilen widersinnige Wortbildungen entspringen. Das übernimmt man neuerdings im Mündlichen, um deutlich zu machen, dass man das weibliche Geschlecht mitbezeichnet, indem das beim Sprechen durch eine kleine Pause angedeutet wird: Das klingt etwa wie „Lehrer…Innen“. Differenziert wird dann allerdings im moralischen Kontext: Geht es um Vergewaltigung oder Raub und Mord, verzichtet man eher auf das Gendern.

Als ähnlich angestrengt erscheint es, wenn Indefinitpronomen – „der andere und die andere“, „keiner und keine“ oder „jeder und jede“ – dem erzwungenen Gendern zum Opfer fallen. Indefinitpronomen sagt ja bereits aus, dass die Person (2) nicht genauer bezeichnet werden muss.

Im Mittel- und Althochdeutschen war das Indefinitpronomen man eine Bezeichnung für ein denkendes und aufrecht gehendes Wesen. Es differenzierte also nicht zwischen Frau und Mann. Aus dem Substantiv Mann, männlicher Mensch, scheint sich das Indefinitpronomen man abzuleiten, und es ist ersichtlich, dass sein Bedeutungsursprung „denkendes, aufrecht gehendes Wesen“ nicht geschlechtsdifferenzierend ist.

Erst diesem Wesen, das sich wegen seiner Triebkontrolle und seiner Fähigkeit zu geistiger Unabhängigkeit zum Menschen entwickeln konnte, gab die Sprache den Namen man. Er bedeutet also menschliches Wesen. Damit sind Frau und Mann gemeint. Daraus entwickelte sich der Begriff Mann, der also ursprünglich gar keine erhöhende Abgrenzung zum weiblichen Begriff Frau enthält.

Im Englischen bedeutet man sowohl Mann, Mensch als auch man. Das spiegelt der Begriff mankind wider. Es heißt Menschheit, und es ist selbstverständlich, dass damit die menschliche Art gemeint ist.

Im Lateinischen heißt Mensch homo. In homo enthalten ist homilis, gleich, im Vergleich zu Göttern auch humilis, niedrig – und humus, Erde, das inhaltlich zusammengenommen „der Erdgemachte, der Erdenbürger, der Sterbliche“ versinnbildlicht. Es deutet darauf hin, dass man sich schon in der Antike über den Stoffekreislauf, der sich in der belebten Natur vollzieht, im Klaren war und dass himmlische und irdische Kräfte und Mächte als ein Überbau verstanden wurde, dessen Herrschaft durch die unsterblichen Götter, die Moral und Sittlichkeit vertraten, gewährleistet wurde.

Das lateinische Wort für Mann lautet vir. Es ist abgeleitet von virtus, männliche Tugend, einem Wort, das seinen Ursprung im Namen der Göttin Virtus hat, die für militärische Tapferkeit steht. Dem zugrunde liegt ein Ehrbegriff, der auf den vier Kardinaltugenden Platos gründet: Klugheit, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit. Ebenfalls davon abgeleitet ist virgo, Jungfrau, deren Zustand der „Unberührtheit“ man besondere Ehr- und Tugendhaftigkeit als Ausdruck von Widerstandskraft gegen sexuelle Gelüste und Verführungen zuschrieb.

Dagegen liegt die Herkunft des griechischen Wortes ἄνθρωπο, anthrōpos, Mensch, im Dunkel. Es wird angenommen, dass es, aus vorgriechischer Zeit stammend und ohne sprachlichen Bezug zu erkennbaren indogermanischen Wurzeln, eine Bedeutung repräsentiert, die sich möglicherweise aus der aufrechten Haltung und dem vorwärtsgerichteten Gesicht herleitet, Merkmalen, die den Menschen vom Tier unterscheiden. So könnte man in anthropos anti, gegen, und tropos, Wendung, „der Vorwärtsgewendete“ erkennen.

Welches Menschenbild man dem Gendern auch zugrundelegt, in der Sprachgeschichte war schon immer der Mensch das entscheidende Differenzierungsmerkmal, sei es, dass es um die Unterscheidung des Menschen vom Tier ging, sei es, um dem gottesbildähnlichen Menschen seine Vergänglichkeit gegenüber den unsterblichen Göttern, gegenüber GOtt, zu vergegenwärtigen. Der generische Widerspruch Mann versus Frau ist darin nicht enthalten.

Ist das generische Maskulinum vielleicht gar keine Frauen-diskriminierende Verkürzung, indem sie vielfältige, unterschiedliche Genus-spezifische Endungen bereitstellt, die dem überall präsenten Englisch fehlen? Gibt die Doppelt-Nennung, die Ikonisierung duch ‚Sternchen‘ und das Binnen-I, gibt deren mündliche Markierung durch unerwartete Pausen der Sprache Verständlichkeit? Ist denn nicht gerade Verständlichkeit das oberste Postulat an Sprache?

Aus dieser Sicht ergibt sich die Schlussfolgerung, dass ein grammatischer Plural weiblichen und männlichen Gliedern gilt. Alle zusätzlichen Kennzeichnungen weiblicher Geschlechtszugehörigkeit hemmen den Sprechfluss hier, führen das Hörverständnis in die Irre dort und beeinträchtigen insgesamt das Textverständnis.

(1) https://www.belleslettres.eu/content/sprache/ikonizitat-geistig-geistlich
(2) „die Person“, „Mensch als Individuum, in seiner spezifischen Eigenart als Träger eines einheitlichen, bewussten Ichs“ (Duden) ist weiblichen Geschlechts, aus lateinsch per sona, durch den Klang (sona, ae f.) hindurch. In der Grammatik bedeutet Person ein grammatisches Merkmal.