Author Archives: Gunhild Simon

Triage – Wiederbelebung eines Modells aus der Katastrophenmedizin der 80er Jahre

Triage-Station

Triage-Station
Quelle: Otis Historical Archives Nat’l Museum of Health & Medicine
Creative Commons

Triage war ein fast vergessener Begriff aus der Katastrophenmedizin, aus den Überlegungen, die im im 1. Weltkreig bereits behandlungsleitend für die Sanitäts – und Lazarettmedizin waren. Jetzt, angesichts der Corona-Krise, wird er wiederbelebt und zu einer existentiellen Frage.

In dem französischen Fremdwort Triage erkennt man unschwer die Zahl drei, tri- wie in Triangel, Trisomie, Trio. Dann folgt eine substantivische Endung -age, wie in Garage, Montage, Vernissage, d.h. etwa -ung – „Dreiung“ oder Dreiteilung, Priorisierung. Darin zeigt sich ein Gedanke, wie man ihn praktischerweise beim Aussortieren des Kleiderschranks entwickelt. Man stellt drei Kategorien zusammen, vielleicht drei Kartons auf, in die man die alten Sachen verteilt: Ja. Vielleicht. Nein.

Eine vergleichbare Einteilung stellte die Katastophenmedizin auf:
Ja – heilbar, nutzbar und jung.
Vielleicht – möglicherweise heilbar und wieder einsetzbar.
Nein – geringe Überlebenschance, zu alt, gesellschaftlich und medizinisch zu kostspielig.

Diese Priorisierung wird in Zeiten der Corona-Krise wieder aktuell, weil die Krankenhausversorgung aus materiellem und personellem Mangel Züge von Notfallmedizin bekommt.

Menschen, die eingeliefert werden mit Symptomen von Atemnot, müssen nach Gesichtspunkten dieses Verfahrens beurteilt werden. Menschen, deren Prognose ungünstg ist, werden eher mit Schmerzmittlen statt intensivmedizinisch versorgt. Demokratisch etablierte Grundsätze der Gleichbehandung, die dadurch nichtig werden, werfen moralische, medizinethische Fragen auf.

Im Katastrophenfall einer Pandemie folgen Leben und Sterben hinter Plastik, auf Fluren, ohne menschlichen – vielleicht verwandtstchaftlichen – Beistand. Das ruft Beunruhigung hervor.

Es werden auch Erinnerungen an Selektion geweckt, wie sie in Konzentrationslagern üblich war, Befürchtungen von Aussonderungen nach Kosten-Nutzen-Aspekten.

Die Bedrohung durch einen Atomkrieg, wie sie noch in den Ausgängen des Kalten Krieges in den siebziger Jahren spürbar waren, wurde in den frühen 80er Jahren abgelöst durch die Angst vor dem Versagen eines Atomkraftwerks, durch die Vorstellung einer Katastrophe, die sich an ihren sichtbaren und unabsehbaren Folgen wie in Hiroshima und Nagasaki orientierte. Dort hatten am Ende des 2. Weltkriegs als Antwort auf den Angriff Japans auf den US-Flottenstützpunkt Pearl Harbour im Südpazifik zwei Atombomben das Leben fast vollständig ausgelöscht und Überlebende zum Siechtum bis in kommende Generationen verurteilt. Mit dem Einsatz von Atomwaffen hatte Krieg eine neue Dimension. Verletzung war nunmehr kein Einzelschicksal, sondern ein generatives. Kriegswunden mussten nicht mehr konventionell versorgt – verbunden und operiert – werden, sondern eine genetische Beschädigung würde unabsehbare Konsequenzen zeitigen.

Was sollte geschehen mit den Opfern, eine Frage, die Mediziner vor ungeahnte Probleme stellen würde?

Deshalb ging es zunächst darum, die Frage der Vorrangigkeit zu beantworten. Daraus entstand der katastrophenmedizinische Begriff der Triage.

Diese Vorrangigkeit, also die Frage der Priorität der Opfer und ihrer Behandlung, glaubt man nun abermals durch das priorisierende Verfahren einer Triage feststellen zu können.

Triage vor dem Pentagon am 11. September 2001

Triage vor dem Pentagon am 11. September 2001 – Foto: JO1 MARK D. FARAM, USN – public domain

Jetzt ist plötzlich eine medizinische Katastrophe in unmittelbarer, bisher kaum vorstellbarer und fühlbarer Nähe. Im hochentwickelten, reichen Norden Italiens, der Lombardei, fehlen Beatmungsgeräte. Ärzte und Pflegepersonal sind menschlich, medizinisch und berufsethisch überfordert. Experten, aus China zu Hilfe gerufen, sind ratlos ob der unzureichenden Vorbereitung und des unprofessionellen Umgangs mit einer Epidemie, wie sie die heutige wirtschaftliche Verflechtung schon längst nahelegte.
Dennoch hielt sich die westlche Welt für überlegen, für unverwundbar.

Jetzt fühlen sich die Alten überflüssig und ungewollt. Soziale Nähe gibt es nur medial, Medien aber sind der älteren Generation nicht so vertraut und leicht zugänglich. Ärmere Menschen sind materiell und technisch weniger gut versorgt. Abseits großer Städte ist der Empfang weniger breit und gut. Kinder werden zum Abstandhalten abgerichtet. Fremdes wird gemieden. Suizide nehmen zu. Haustiere werden ausgesetzt. Reiche schaffen sich vorsorglich ein eigenes Beatmungsgerät an. Dann könnte ein Luxusgut ihr Leben retten.

Dies ist nicht nur eine Frage der Medizinethik, sondern auch der Rechtsethik, eine moralphilosophische Überlegung mit hoch praktischem Geschehensvorstellungen. Es sind Fragen, die sich heute neu stellen, jenseits von Krieg und erlebtem und wieder denkbarem Faschismus.

Das Grundgesetz stellt fest: Alle Menschenleben genießen vor dem Gesetz gleichen Schutz. Es wird schwierig im Konkreten: Wessen Leben geht im Fall der Konkurrenz vor. Ich führe das Beispiel an, wenn zwei Leben gegeneinander abgewogen werden müssen. Man denke an den Konflikt, wenn das Leben der Mutter – erst recht, wenn es noch weitere Knder gibt – und das des ungeborenen Kindes kollidieren. Nach der Rechtsprechung entscheidet man für die Mutter, die Person, die im Leben steht, Veranwtortung trägt für eine Familie, das Leben eines Kindes begleitet und besorgt. Das Ungeborene zwar hat das ganze Leben vor sich, aber es ist noch nicht eingebettet in den sozialen Kontext. Es ist wie ein unbeschriebenes Blatt, ein offener Ausgang. Ohne Schutz und Versorgung durch die Mutter würde man es vielfachen Gefährdungen aussetzen.

Ist das gerecht? Sollte man nicht das perspektivische Leben des ungeborenen Kindes gleich bewerten wie das – vielleicht nur vorgestellte – Leid der Mutter?

Wie gewichtet man das? Kann man einem menschlichen Leben die Priorität, den Vorzug vor dem anderen geben? Kann der Mensch über Leben oder Tod nach Gesichtspunkten von Kosten, Nutzen und zugeteilten Chancen entscheiden?

Schuppentiere – Opfer einer irrationalen Panik

Weißbauch-Schuppentier (Manis tricuspis)

Weißbauch-Schuppentier (Manis tricuspis)
Urheber: Николай Усик / http://paradoxusik.livejournal.com/
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Bis vor gar nicht langer Zeit wusste kaum einer von ihrer Existenz. Schuppentiere, Pangolins , sind archaische Säugetiere mit ungewöhnlicher körperlicher Ausstattung, einer für Säuger ungewöhnlichen Anpassungsleistung, Überbleibsel aus einer vorgeschichtlichen Welt.

Pangolin ist aus dem Malaiischen entlehnt, Peng-guling, üblich im englischen und französischen Sprachraum. Der zoologische Name lautet Manidae, „Totengottähnliche“. Das ist aus dem Lateinischen abgeleitet: manis, Plural manes sind römische Totengötter, ein Bezug, der auf ihre verborgene Lebensweise deutet. Die Ordnung nennt sich Pholidotae, altgriechisch etwa „Krummbeinige“. Entwicklungsgeschichtlich zählen sie zu den Carnivoren, Jägern, Fleischfressern.

Statt eines Haarkleides sind sie auf den Außenseiten ihres Körpers von einem Panzer aus dachziegelartig übereinander angeordneten Schuppen bedeckt, die an einen Tannenzapfen erinnern, ein Aussehen, das ihnen den Namen Tannenzapfentiere eingebracht hat. Dieses Äußere macht sie trotz ihrer bedächtigen Fortbewegungsweise unattraktiv für jeden Fressfeind, der am Ende ratlos vor einer abweisenden Schuppenkugel steht, wenn seine vermeintliche Beute, sein Junges in seinem eingerollten Körper schützend, einfach vor ihm liegen bleibt. Das erinnert an heimische Igel oder amerikanische Skunks, die sich bei Gefahr zusammenziehen und ihr Stachelkleid abweisend aufrichten. Dieses Verhalten ist eine vegetative, instinktgebundene Reaktion und rührt aus einer Zeit, als das Feind-Opfer-Verhältnis noch ein anderes war, eine Antwort auf Bedrohung, die dem menschengemachten Fortschritt nicht standhält.

Schuppentiere leben tagsüber schlafend in verborgenen Winkeln, Erdbauten unter umgestürzten Bäumen mit Gängen und Schlafkammer, deren Eingang mit Schlamm verschlossen wird, oder in unzugänglichen Baumhöhlen, die sich menschlichem Zugriff entziehen. Spürhunden, die auf ihren Geruch abgerichtet sind, sind diese Verstecke nicht gewachsen. Das erleichtert die Jagd auf die tagscheuen Tiere. Schuppentiere sind dämmerungs- und nachtaktiv, leben solitär, kümmern sich nur um ein einzelnes Junges, das sie in ihrer Höhle versorgen, bis es an den Rücken der Mutter geklammert die Welt erkunden kann. Sie klettern mit drei langen Grabkrallen umständlich sich auf- und abwärts hangelnd und gehen gemächlichen Schrittes ihrer Nahrungssuche nach. Sie ernähren sich von Ameisen und Termiten, brechen ohne Eile deren Baue auf und suchen mit der ausfahrbaren, klebrigen Zunge ihres zahnlosen Kiefers nach ihrer spezifischen Nahrung, Eiern und Larven staatenbildender Erdinsekten. Ihre Gelassenheit beziehen sie aus ihrer drachenhaften Unverwundbarkeit, fehlender Nahrungskonkurrenz und dem Schutz der Dunkelheit. Ihr einziger Feind ist der Mensch, aber das erkennt ihr Wahrnehmungs- und Nervensystem nicht, wenn es befiehlt, sich im Verborgenen zu halten, im Zustand des Aufgerolltseins die Schuppen aufzustellen und einen skunk-ähnlichen Stoff aus den Analdrüsen zu verbreiten.

Temminck's Schuppentier

Temminck’s Schuppentier – Quelle: Illustrierter Leitfaden der Naturgeschichte des Thierreiches, 1876 – public domain

Was macht sie aber jetzt plötzlich so berüchtigt, zu Hassobjekten, zu Wesen, deren Berührung man scheuen müsste, die wie Fledertiere zu todbringenden Geißeln der Menschheit werden?

Wie Fledermäuse werden sie als exotische Delikatessen auf den Wildtiermärkten Chinas und Afrikas gehandelt. Ihre Schuppen, sogar auch aus Westafrika eingeführt, gelten besonders in der traditionellen chinesischen Medizin als Aphrodisiakum und Mittel zur Potenzsteigerung. Daher ereilt Schuppentiere die gleiche Verfolgung wie Nashörner, Tiger und Haie, die wegen ihrer besonderen natürlichen Ausstattung bejagt werden.

Ein solcher Wildtiermarkt, wie der im chinesischen Wuhan, ist Ort ungewöhnlichen Kontakts zwischen Menschen und zwischen Tieren, deren Habitate sich normalerweise nicht berühren. Die Tiere werden, auf engstem Raum zusammengepfercht, lebend angeboten. Der Käufer kann ihre Schlachtung verfolgen oder sie lebendig mitnehmen.

Werden also virenverseuchte Wildtiere, deren Ansteckungsrisiko ungewiss ist, weil die Wege, die ein Virus nimmt, unerforscht sind, mit anderen zusammen in benachbarten Käfigen gehalten, kann das Virus leicht Übertragungsschranken überwinden und zur Infektionsquelle für den Menschen werden. Dann steht das verhängnisvolle Tor einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung offen und der Infektionsanstieg wird unabsehbar.

Letztendlich trägt in erster Linie der Mensch die Verantwortung für die Verbreitung des Virus, weil er die nötige Distanz zu den Wildtieren aus den unterschiedlichsten Gründen nicht gewahrt hat. Die Zerstörung von gewachsenen Ökosystemen, aber auch der ungebremste Handel mit Wildtieren, macht den zunehmenden Ausbruch von Epidemien immer wahrscheinlicher.

Fledermäuse – flatternde Nachtgespenster

Zwerg-Fledermaus (Pipistrellus pipistrellus)

Zwerg-Fledermaus (Pipistrellus pipistrellus)
Urheber: Manuel Werner, Nürtingen (Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz Baden-Württemberg)
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In einem mittelalterlichen Gemäuer eines südfranzösischen Dorfes hielt ich einmal ein verirrtes Flattertierchen in meinen Händen. Federleicht und so zart, dass ich das Klopfen seines Herzens in den Fingern spürte. Bewegliche Ohren an einem stumpfnasigen Köpfchen, durchscheinende Gliedmaßen, eingefaltete Flughäute, vom Stummelschwanz bis zu den „Armen“ reichend: Ein winziges Fellbündel, nicht zum Laufen, sondern zum Fliegen bestimmt. Kein Vampirgebiss schlug sich in meinen Hals, kein unheilvolles Schwirren und Flattern entspann sich, als es erleichtert durchs Dachfenster und in die Freiheit der hereinbrechenden Nacht entfloh.

Seit einiger Zeit rücken Fledertiere ins Licht des öffentlichen Interesses. Aber sie stehen in keinem guten Licht. Sie sind nicht einmal Nagetiere wie Ratten, die Überträger der Pest. Sie sind nächtens jagende Insektenfresser, erkennbar an ihrem spitzzahnigen Insektenfressergebiss, wie man es von unterirdisch wirkenden Maulwürfen und ruhelosen Spitzmäusen kennt. Fledermäuse sind lichtscheue, nachtaktive Gesellen. Sie stehen im Verdacht, todbringende Seuchen wie Ebola, Sars, Mers und zuletzt Corona über die Menschheit zu bringen. Aber so einfach und schematisch verhält sich sie Krankheitsübertragung nicht.

Townsend-Langohr (Corynorhinus townsendii)

Townsend-Langohr (Corynorhinus townsendii) – Urheber: PD-USGov, exact author unknown gemeinfrei

Fledermäuse, „Mäuse“ der Lüfte, dieses unsichtbare, lautlos flatternde Getier, sind Säugetiere, ausgestattet mit Flüghäuten und einem ungewöhnlichen, hoch spezialisierten Wahrnehmungssystem. Statt überempfindlicher konventioneller optischer und akustischer Fähigkeiten, wie sie Jägern und Gejagten der Dunkelheit eigen sind, verfügen sie über ein besonderes Ortungsorgan, das dem Echolotsystem eines Kriegsschiffes gleicht. Es gibt Auskunft über die Entfernung und Größe eines Objekts, indem dessen Resonanzstärke ermittelt wird. Diesen Daten werden lebenswichtige Informationen zur Lokalisation und Übereinstimmung des Beuteschemas sowie zur Verhinderung von Kollisionen mit Hindernissen entnommen.
Das Echolotsystem erlaubt Fledermauskolonien, sich in unzugänglichen Höhlengängen einzurichten und den Tag in stickigem Koloniendunkel zu verdämmern. Eng aneinander geschmiegt hängen sie kopfüber an eigens dazu bestimmten Krallen und erwarten die nächtliche Jagdzeit.

Was sollte sie nun bedrohlich machen?

Fledermäuse sind Virenträger, deren enges Zusammenleben sie mit einer vielfältigen gruppenspezifischen Immunabwehr, einer Herdenimmunität vesieht. Ihr Immunsystem duldet wahrscheinlich ein höheres Virenpotential als das menschliche. Entscheidend könnte dabei die Rolle sein, die Interferone,
von lateinisch interferre, eingreifen, spielen. Es sind Proteine, die eine immunstimulierende, antivirale Wirkung entfalten, indem sie die Zellen gegen die Erreger abschotten.

Zum Zeitpunkt der Erstinfektion in China wurden keine Fledertiere auf dem Wildtiermarkt in der 11-Millionen-Metropole Wuhan angeboten, weil sie sich noch im Winterschlaf befanden. Hinzu kommt, dass die Viren, die Fledermäuse besiedeln, Menschen erst etwas anhaben können, wenn sie über einen Zwischenwirt modifiziert in den menschlichen Körper gelangen. Möglicherweise ist die Ansteckung auf dem dichtbevölkerten Wildtiermarkt von einem infizierten Menschen ausgegangen. Es ist aber auch möglich, dass es sich bei dem Erstkontakt um ein exotisches Wildtier, vielleicht ein Schuppentier, handelte und dass bei einer früheren Berührung mit dem Menschen entweder noch gar kein Virenbefall stattgefunden hatte oder schon eine Antikörperbildung ausgelöst worden war. Man kann die Seuche also erst völlig durchschauen und einen Ansatz zur Durchbrechung der Kettenreaktion aufspüren, wenn man das seinerseits immune Tier identifizieren kann, das als Zwischenwirt das Virus auf den Menschen als letztes Infektionsglied übertragen hat. Aber solange Menschen noch keine eigenen Antikörper bilden können, muss man auf einen künstlich entwickelten Impfstoff bauen, der uns diese Immunfunktion in kurzer Frist abnimmt.

Libellen – wendige Jäger im schillernden Gewand

Zeitlupe: Fliegende Libelle in Zeitlupe
Urheber: Joris Schaap
Creative-Commons-Lizenz

Eine Haarspange aus meiner Kinderzeit hieß Libelle. Sie bestand aus einem aufgebogenen Oval, durch das ein beweglicher Dorn geführt wurde, der eine Haarsträhne waagerecht fixierend unterlief. Was sie mit dem flirrenden Insekt gemeinsam hat, erschließt sich erst bei genauerer Betrachtung.

Der Name Libelle ist bei der Haarspange wie bei dem Insekt eine bildhafte Ableitung. Lateinisch libra bedeutet Waage. Die Diminuitivendng -elle macht daraus eine „kleine Waage“. So elfenhaft der Name Libelle für das schillernde, durchsichtig geflügelte Wesen klingen mag, ist er in Wirklichkeit doch ganz profan hergeleitet: Betrachtet man den Körper einer Libelle, so kann man die T-förmig zum langgestreckten Leib sich rechtwinklig ausstreckenden gleichförmigen Flügelpaare wie Balken einer altertümlichen Handwaage ansehen.

Libellen sind hierzulande wohl die anmutigsten und farbigsten Insekten. Ob im Ruhezustand oder im Flug – sie wirken in ihrer spektralen Farbenpracht, der gläsernen Durchsichtigkeit ihrer feingeäderten Flügel, dem nervös wippenden, langgestreckten Leib und einem von riesigen, schwarzglänzenden Augenpaaren beherrschten Kopf, überirdisch schön und respekteinflößend. Unter den heimischen Fluginsekten sind sie mit einer Flügelspannweite von bis zu mehr als sieben Zentimetern die auffälligsten. Aus urzeitlchen Versteinernungen aus dem Trias und dem Carbon, als das Leben auf der Erde von Insekten beherrscht wurde, kann man ersehen, dass sie damals die zehnfache Größe erreichten.

In der Kunst beleben sie Jugendstilornamente als feingliedrige Wesen, die wie Schwäne, Elfen, Lilien und Blütenranken den dekorativen Charakter eines romantisch verklärten Zeitgeistes zum Ausdruck bringen.

Paarung der Libellen

Paarung der Libellen – Foto: Gerthorst78 – Creative Commons

Im Gegensatz zu anderen Fluginsekten können Libellen ihre Flügel im Ruhezustand nicht auf dem Rücken zusammenfalten. Der bewegliche Kopf, der sich deutlich vom Rumpf abhebt, wird beherrscht von zwei großen Facettenaugen. Drei weitere, mittig darüber angeordnete Augen, vermitteln dem optisch und flugtechnisch hochspezialisierten Insekt Angaben zum Stand des Horizonts und gewährleisten die Erhaltung des Gleichgewichts bei hoher Fluggeschwindigkeit. Außerdem ist der Kopf mit klauenartiken Mundwerkzeugen, Mandibeln, zur Ergreifung der Beute ausgestattet. Gerade sie sind die Merkmale, aus denen sich die zoologische Bezeichnung der Libellen herleitet: Odonata, Gezähnte. Etymologisch erkennt man darin griechisch δόντι, dónti und lateinisch dens, dentis Zahn.

Ein weiteres Merkmal hebt die Libelle von anderen geflügelten Insekten ab: Ihre Flügel bewegen sich unabhängig voneinander wie Rotoren, einer Technik, die sie in der Jagd besonders erfolgreich macht. Mitten im Flug kann sie abdrehen oder stehend verharren. Ihre maximale Fluggeschwindigkeit erreicht 50 km/h; ihr entrinnt keine Beute.

Diese Flugfertigkeiten haben sie zum Vorbild für einen Hubschrauber, einen Helikopter, gemacht.

Der Name Helikopter ist dem Griechischen entlehnt. Wörtlich übersetzt „Drehflügler“, setzt das Wort sich aus griechisch ἕλιξ hélix, Gen. ἕλικος helikos, Windung und πτέρον, ptéron, Flügel, zusammen.
Der griechische Namensbestandteil -pter, Hinweis auf Flügel, taucht in der biologischen Taxonomie häufig auf. Er ist allerdings schwer zu identifizieren, weil unserem phonetischen Empfinden der Laut pt fremd ist. Also trennt man das Wort Helikopter nicht, wie es seiner Herkunft und Zusammnsetzung entspricht: heliko-pter, sondern „*Helikop-ter“.

Ein Hubschrauber steigt und landet wie eine Libelle senkrecht. Und auch wie eine Libelle ändert er unmittelbar die Flugrichtung. Seine Flügel, die Rotoren, vermitteln das Bild voneinander unabhängig rotierender Libellenflügel, während ein langgestreckter, sich nach hinten verjüngender Flugkörper das Gleichgewicht hält.

Die Libelle ist ein Raubinsekt, ein Jäger, der alles ergreift, das er auf dem Wasser oder in der Luft überwältigen kann. Neben Insekten und Spinnen gehören sogar kleinere Libellen und Kaulquappen zu ihrem Beutespektrum. Man sieht Libellen meistens in der Nähe stehender, wasserpflanzenreicher Gewässer, wo ihre Entwicklung beginnt. Sie reicht von der Larve, der larva,, lateinsch Gespenst, Hülle, bis zum adulten Lebewesen, der imago, lateinisch Bildnis. Feuchtgebiete sind ihre bevorzugten Jagd-, Paarungs- und Brutstätten. Hier begegnet man Libellen im Tandemflug, einer speziellen, aufeinander abgestimmten Paarungsstellung. Das Männchen klammert sich dabei an das Weibchen und bringt sein Sperma in eine Öffnung am Hinterleib des Weibchens ein. Dieses lässt seinerseits die befruchteten Eier je nach Art ins Wasser oder eine ausgetrocknete Senke fallen oder klebt sie als Paket an senkrecht aufragende Wasserpflanzen, die den in aufrechter Haltung wachsenden Larven in ihrer frühen Entwicklung Halt geben. Dieses Larvenstadium ist das längste im Insektenleben der Libellen. Sie verbringen es nach dem Schlupf als hochspezialsierte Jäger im Wasser. Sie brauchen für ihr Wachstum, das mit mehreren Häutungen verbunden ist, eiweißreiche, tierische Kost. Ausgerüstet mit einem ausfahrbaren Fangkorb unter dem Kiefer machen sie Jagd auf alles, dessen sie habhaft werden.

Erst nach der Verpuppung der nach menschlichen Vorstellungen hässlichen, graubraunen Larve, die im schlammigen Uferbereich auf Beute lauert, erscheint das fertige Fluginsekt in seiner ganzen Schönheit. Der energiezehrende Lebensabschnitt als Imago ist nur von kurzer Dauer. Er dient der Vermehrung – der Kopulation und Eiablage. Damit hat das Insekt seine Bestimmung erfüllt und stirbt mit dem Ausgang des Sommers.

Libellen sind zwar in ihrer Jagdtechnik hochspezialisierte Raubinsekten. Entgegen aller Befürchtungen sind sie für Menschen ungefährlich. Sie haben keinen Giftstachel und ihre Beißwerkzeuge können nur ihren Beutetieren etwas anhaben.

Die existentielle Beunruhigung durch ein neues Virus

3D-Grafik des SARS-CoV-2-Virions

3D-Grafik des SARS-CoV-2-Virions
Urheber: CDC/ Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAM
gemeinfrei

Ein Gespenst geht um die Welt. Gerade noch schien es weit weg, im fernen China. Nun ist China gar nicht mehr so fern wie noch vor ein paar Jahren. Es ist nicht mehr das Entwicklungsland, nein, es ist im Begriff, alles bisher Dagewesene technisch, wissenschaftlich und ökonomisch hinter sich zu lassen.

Das Gespenst hat den wohlklingenden Namen Corona, lateinisch Kranz. Dieser Name – es teilt ihn kurioserweise mit einer älteren Erdbeersorte – verbildlicht das Aussehen eines runden Viruskörpers, umgeben von einem Kranz stachelförmiger Ausstülpungen, der dazu dient, seine Außenhülle flächenmäßig zu vergrößern und damit seine Funktion als „Wirt“, der einen effektiven Steuerungsmechanismus lebendiger Zellen kontrolliert, zu erweitern. Dieses Virus erreicht in seiner exponentiellen infektiösen Tragweite eine unbekannte Dimension.

Das liegt daran, dass eine exponentielle Entwicklung im Gegensatz zu einer linearen für das menschliche Gehirn schwer vorstellbar ist. In einer linearen Funktion erhöht sich ein Wert stetig, in einer exponentiellen steigend. Es findet ein Vermehrungsprozess statt, der sich selbst beschleunigt. Er beginnt gemächlich, dann vollzieht er sich immer schneller, bis er schließlich einen fast senkrechten Anstieg der Infektionsrate erreicht, weil beim exponentiellen Wachstum in einem festen Zeitraum jeweis eine Verdoppelung der Fallzahl stattfndet.

Das Virus ist eine Mutation bekannter Influenza-Viren, die schon MERS und SARS (1) verursacht haben, grippale Viruserkrankungen der Lunge, die von Wildieren ausgehen, jedoch, um übertragen zu werden, eines Zwischenwirts bedürfen, der seinerseits eine Übertragung auf einen anderen ermöglicht. Dieser Krankheitsüberträger ist bisher noch unbekannt, sodass die vollständige Infektionskette noch im Dunkel liegt. Es gibt Vermutungen, dass es sich um ein Schuppentier handelt, das streng geschützte Pangolin, ein exotisches, archaisch anmutendes Säugetier, dessen Fleisch als Delikatesse, dessen Schuppen als aphrodisierendes Arzneimittel der traditonellen chinesischen Medizin illegal gehandelt werden.

Wurden SARS und MERS noch als fernöstliche Erscheinungen wahrgenommen, versetzt das neuartige Corona-Virus die Welt nun in Alarmstimmung.

Influenza Virus

Influenza Virus
public domain

Viren sind Erreger, die uns aus unkomlizizerten Krankheitsverläufen wie einem Schnupfen bekannt sind. Schwerer wiegt dagegen schon das Grippe-Virus, das Influenza-Virus. Sein klangvoller Name, der aus lateinisch influere, einfließen, abgeleitet ist und Begriffe wie Einfluss, Beeinflussung umfasst, lässt schon eher an Gefahr denken. Und tatsächlich, Influenza, die „echte“ Grippe – also alles andere als ein grippaler Infekt, eine harmlose Erkältung – ist eine ernste Infektion, hervorgerufen durch Viren aus einer äußerst vielfältigen Familie.

Ein Virus ist ein Organismus, den als Krankheitserreger zu eliminieren, deshalb so schwierig ist, weil man noch kein Mittel zu seiner Bekämpfung kennt. Man kann sich das Virus vorstellen als eine Art Parasit, der eine Zelle kapert und am Leben eines lebendigen Organismus „saugt“, indem er sie für seine eigenen Bedürfnisse umprogrammiert, sie also entgegen ihrem ureigenen Lebenszweck für die eigenen Überlebensstrategien steuert. So erfüllt sich ihm, dem sexuellen und existentiellen Nicht-Wesen, sein Verlangen nach Überleben und Vervielfältigung.(2)

Das ist bei Bakterien, die zu den Lebewesen zählen, anders, weil sie mit biologischen Mitteln, Antibiotika, bekämpft werden können. Ein Antibiotikum ist ein Medikament, das lebendige Organismen angreift, indem es aus Stoffwechselprodukten von Mikroorganismen gewonnene Substanzen gegen bakterielle Krankheitserreger einsetzt. Das nämlich sagt der Name Antibiotikum aus. Darin steckt anti, αντί,, gegen, und βíος, bios, Leben.

Antibiotika können also nur gegen lebendige Organismen wirken. Dagegen weiß man über Viren noch nicht genug, um sie in ihrer Zwischenexistenz in den Gegensätzen Leben und Material einzuordnen. Ein Virus ist der kleinste Krankheitserreger, der einen lebenden Organismus befällt. Das Virus selbst ist kein Lebewesen: Es fehlt ihm das entscheidende Merkmal des Lebens, der Stoffwechsel. Auch die Art seiner Vermehrung ist tendenziell ungeklärt. Allerdings ist die Tatsache seiner Fähigkeit der Reproduktion unstrittig. Ein Virus veranlasst seine Wirtszelle zu einem reproduktiven Prozess, einer Art Manipulation zu seinem eigenen Vorteil und zum Nachteil der parasitär besetzten Zelle, des „Wirts“. Allerdings – und hier setzt die Besonderheit dieses Organismus ein – nur bis zu dem Punkt, der den Wirt, dessen vitale Funktion er schmarotzend nutzt, noch gerade am Leben lässt, um sich nicht durch dessen Tod die Lebensgrundlage zu entziehen.

Man kennt seine Zerstörungskraft, seine Überlebens- und Anpassungsfähigkeit. Das macht ihn Lebendigem zwar ähnlich, jedoch umso schwieriger zu bekämpfen. Es wird davon ausgegangen, dass befallene Lebewesen Viren nur durch körpereigene Immunabwehr eliminieren können.

An diesen Gedanken knüpft die Idee von Impfung an. Eine aktive Impfung setzt den Körper einer unbedenklichen Infektion aus und versetzt ihn in die Lage, Abwehrstoffe gegen den Erreger aus eigener Kraft zu bilden und sich des nunmehr identifizierbaren Angreifers in einer Art Körpergedächtnis zu erinnern. Im Falle einer Neuinfektion soll der Körper dadurch befähigt werden, sich gegen einen neuerlichen Angriff zu behaupten, immun zu sein. Die passive Impfung dagegen versorgt den Körper mit bereits entwickeltem Immunmaterial und muss, um wirksam zu bleiben, erneuert werden.

Offenbar helfen nur diese fertigen Impfstoffe bei dieser Art Infektion. Aus diesem Grund arbeiten Sachverständige derzeit an einem entsprechenden Impfstoff.

Was hat es nun mit dem Begriff Virus auf sich? Lateinisch bedeutet virus Saft, Schleim, schließlich gar Gift. Es ist ursprünglich ein Neutrum: das Virus, Genitiv viri, Plural vira.. In der Umgangssprache setzt sich zunehmend statt des neutralen Fachterminus die maskuline Form der Virus durch. Virulenz, aus lateinisch virulentia bedeutet ursprünglich Giftigkeit, schließlich übertragen schädliche Aktivität, Ansteckung; entsprechend bedeutet das Adjektiv virulent „im negativen Sinne aktiv, ansteckend, giftig“. Die neuerdings gebräuchlichen Wörter viral, Viralität besagen „der rasanten Verbreitung eines Virus vergleichbar“.

Die neuartige Corona-Virus-Erkrankung Covid-19 oder Sars-CoV-2 ist eine Abkürzung von englisch corona virus disease, Corona-Virus-Erkrankung – Ende des Jahres 2019, Anfang des Jahres 2020.

Die Krankheit begann als Epidemie. Das ist eine Krankheit, die gleichzeitig und kurzfristig eine Vielzahl von Infizierten in einem abgeschlossenen Gebiet befallen hat. Das sagt die Vorsilbe epi-, ἐπί- mit einer räumlich und zeitlich begrenzenden Bedeutung – etwa bei und bis – aus.

Der Epidemie gegenüber steht die Endemie, wobei der Akzent auf der Begrenzung, innerhalb, liegt: ἐν, en, in. Auch die Betonung der Zeitlichkeit ist anders gelagert. Eine Endemie hat eher eine räumliche Betonung, sie betrifft also eine in einem bestimmten, prädestinierten Gebiet auftretende Krankheit, wie etwa Ebola oder Malaria.

Pandemie schließlich geht auf die griechische Vorsilbe παν-, pan-, ganz- zurück. So kommt die Bedeutung umfassende, globale, sich potenziell auf der ganzen Welt verbreitende Krankheit zustande. Die Voraussetzung einer Pandemie ist die Übertragung von Mensch zu Mensch, die erst nach der Übertragung durch den Zwischenwirt stattfindet, sodass sie schließlich per Flugzeug Kontinente überwinden kann. Sie bedarf also keiner exotischen Berührungen mehr, wie sie der Wildtiermarkt in Wuhan nahelegte. Das ist einerseits das besorgniserregende Merkmal der Ausbreitung des neuen Corona-Virus, das längst Grenzen übersprungen hat, andererseits aber auch hier, wie in seinem ursprünglichen Ausbreitungsgebiet, unauffällige Verläufe, unerkannte, symptomarme Fälle, zeitigt, die eine realistische Einschätzung seiner Ausbreitung erschweren.
(1) SARS bedeutet: Severe Acute Respiratory Syndrome /South East Resiratory Syndrome
MERS bedeutet: Middle East Respiratory Syndrome
(2) Hier eine leichtverständliche grafisch unterlegte Darstellung über Wirkung und Funktion des Virus:
https://www.nytimes.com/interactive/2020/03/11/science/how-coronavirus-hijacks-your-cells.html

Schmetterlinge – taumelnd zwischen Tag und Traum

Riesen-Nachtfalter in Buea - Kamerun

Riesen-Nachtfalter in Buea – Kamerun – Foto: Prispaman Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Das Nachtlicht hatte ein taumelndes Insekt durchs offene Fenster angelockt. Ein wahrhaft furchterregendes: dunkel gezeichnete Flügel, der Hitze einer Halogenlampe mit schwerem, staubigen Flügelschlag trotzend. Todgeweiht. Das war das unabwendbare Schicksal des Verirrten.

Portrait der Gammaeule

Portrait der Gammaeule
Foto: Walter Eberl
© Walter Eberl / pixelio.de

Düster anmutende Nachtfalter sind nachtaktiv. Sie erscheinen uns wie unheimliche Gestalten, lautlos flatternd, dem lichtgewohnten Auge verborgen. Im Volksmund heißen sie „Eulen“. Wie diese tragen sie ein Kleid, das sie tagsüber mit ihrer Umgebung verschmelzen lässt; „Motten“ sind es, deren Flügelpaare über dem Rücken zusammengekoppelt sind, deren Behaarung und feine Gefiederzacken ihren Flug unhörbar wie den einer Eule machen. Ihre Augen sind groß, ihre Fühlerpaare dick, gezahnt, gesägt oder geweihartig. Nachtgestirne leiten sie, künstliches Licht überfordert ihre instinktgebundene Wahrnehmung bis zum Suizid. Dennoch sind sie Schmetterlinge wie Tagfalter, die uns als bunte Begleiter heller Tage entzücken.

Der Name des Schmetterlings hängt etymologisch mit der deutschen Verb schmettern nicht zusammen. Es würde auch kaum passen auf dieses anmutige Geschöpf. Schmetterling geht zurück auf das alte deutsche Wort Schmetten, Schmand. Das slawische Wort smetana, Sahne, zeigt dies noch immer. Das wird erkennbar in vielen landschaftlichen Namen, die auf eine unliebsame Bedeutung schließen lassen: Buttervogel, Molkendieb, Molkenstehler, Schmandlecker, englisch butterfly, „Butterfliege“, dänisch dagegen sommerfugl, wie auch im Schweizerischen Sommervogel. Dass man ihm vielfach etwas Hexenhaftes zuschrieb, hatte mit dem Sauerwerden der Milch nach seiner Berührung zu tun. Schmetterlinge wurden durch die Flüssigkeit angelockt und infizierten Milch und Sahne mit Keimen, die ihre Haltbarkeit zunichte machte.

Der französische Name des Schmetterlings ist papillon. Er entspricht dem lateinischen papilio. So charmant er klingt, deutet er doch nur auf eine biologische Besonderheit hin. Der medizinische Begriff Papille – etwa Zungenpapille – bezeichnet eine kleine warzenförmige Erhebung. Die dachziegelartig angeordnetenen farbigen Schuppen der Schmetterlingsflügel sind wie Papillen, welche ihre Farbschicht bilden. Die Farbe aber ist in Wirklichkeit eine optische Täuschung. Nicht tatsächliche Farbpigmente, sondern Lichtbrechungen, erzeugt durch eingelagerte chemische Stoffe, die das Sonnenlicht reflektieren, bewirken den visuellen Effekt von farbigen Flügeln.
Auch der Name Falter täuscht. Er bezieht sich nicht auf die Auffaltung der Flügel, sondern ist verwandt mit papilio, papillon und farfalla, dem italienischen Wort für Schmetterling. Dagegen mutet der altgriechische Name des Schmetterlings eher mythologisch an: ψυχή, psyche, Seele, was auf seine schwer fassliche Flatterhaftigkeit und Verletzlichkeit weist. Die Deutung des Schmetterlings als Symbol der Auferstehung, die Befreiung aus dem dunklen, unterirdischen Gefängnis des Puppendaseins ins helle Licht fliegend, gehört zu diesem Verständnis.

Schmetterlinge sind geflügelte Insekten. Der Name Insekt beruht auf dem lateinischen insectum, „das Eingeschnittene“. Entomologie, Insektenkunde, hat schließlich den gleichen Bedeutungshintergrund. Auf Griechisch heißt ἔντομον ,éntomon, „das Eingekerbte“. Beides sagt der deutsche Name Kerbtier aus. Damit gemeint ist die auffällige Teilung zwischen Brustteil und Hinterleib, was die „Wespentaille“ buchstäblich ausdrückt.

Schmetterlinge zieren sich mit ihrem geflügelten Paarungskleid, das sie nach einer oft lange währenden Larvenexistenz, dem Fressstadium, und nach einer Metamorphose in der nahrungslosen Enge des Puppenpanzers angelegt haben. Der Name Puppe entspringt dem lateinischen pupa, Neugeborenes. Die häufig an einem Gespinstfaden gürtelförmige Aufhängung des Kokons oder Chitinpanzers ist einem festgewickelt in einem Steckkissen aufbewahrten Baby vergleichbar. Daraus lässt sich auch ein etymologischer Zusammenhang zwischen pupa, Puppe, Baby und dem landschaftlichen „Bobbel(chen)“ herstellen.

Raupen des kleinen Fuchs

Raupen des kleinen Fuchs
Foto: Uschi Dreiucker
© uschi dreiucker / pixelio.de

Nach seiner Verpuppung, der organisch und optisch unglaublichen Umbildung der Larve zum fertigen Insekt, entpuppt es sich. Das Insekt beißt sich aus seiner Hülle und pumpt seine Flügel mit Flüssigkeit auf. Dieser Prozess der Entpuppung wird oft sprachlich übertragen verwendet. Metaphorisch ausgedrückt bedeutet „sich entpuppen“ sein wahres Gesicht zeigen, sich anders als erwartet verhalten, sich überraschend zu erkennen geben.

So „entfaltet“ durchstreift der Schmetterling seine Welt auf der Suche nach einem Geschlechtspartner, um seine Art zu sichern. Diese Existenzphase des Erwachsenseins heißt Imago – aus εἰκών , altgriechisch Bildnis, „Ikone“ -lateinisch Bild. Sie bildet den Gegensatz zum Stadium der Larve, lateinisch larva, Maske, Gespenst, und zu der schleierartigen Verhüllung der Puppe, altgriechisch νύμφη, Nymphe, Braut. Dieser Begriff weist auf die geschlechtliche Unfertigkeit und die baldige Erfüllung hin, bis sich der fertige Schmetterling seiner bräutlichen Hülle entledigt, um in neuer Gestalt sein Dasein zu vollenden.

Das Leben draußen in der Welt der Lüfte mit auffälligen Flügelpaaren ist gefährlicher noch als das der vielerseits begehrten eiweißreichen, mal mimikryhaft verborgenen, mal bunt gezeichneten, gehörnten, giftig oder widerborstig bewehrten Raupe.[1] Um Fressfeinden zu entkommen, fliegen Schmetterlinge in scheinbar ziellosem Taumelflug, Ihre obere Flügelzeichnung ist in aufgeklapptem Zustand oft eine schwer fassbare Mimikry.

Unter Mimikry versteht man in der Biologie eine Warn- oder Tarntracht, ein Äußeres, das Feinde abschrecken oder ihrem Auge unsichtbar machen soll.

Die meisten Nachtfalter sind mit einer Tarntracht ausgestattet kaum in ihrer Umgebung zu erkennen. So geschützt ruhen sie tagsüber – etwa an der farblich ähnlichen Rinde von Bäumen. Ihre nächtlichen Hauptfeinde sind Fledermäuse, die sich nicht optisch, sondern mit einer Ultraschallsensorik orientieren. Manche Nachtfalter sind dazu in der Lage, mit eigenen Störgeräuschen Ultraschall zu unterlaufen.
Eine typische Warntracht tragen Pfauenaugen, die, von oben betrachtet, mit ihren Augenflecken bedrohliche Gesichter nachahmen.

Mimikry bedeutet englisch Tarnung. Sie ist ein Teil der Mimese, zum Schutz vor Feinden.
In Mimesis, Mimese und Mimikry ist mimen, vortäuschen, darstellen erkennbar. Das altgriechische Wort ist μίμησις, mímēsis,, Nachahmung. Die Mimese verschafft einem Lebewesen einen Selektionsvorteil für seine Existenz und Fortpflanzung.

Das Pfauenauge schützt sich durch Zoomimese, abgeleitet von griechisch ζῷον, zoon, Lebewesen. Darunter versteht man die Annahme der Gestalt abschreckender Tiere. Eine andere Form der Mimese ist die Phytomimese – griechisch φύτον, phyton, Pflanze. Das ist die Nachahmung der Gestalt einer Pflanze: Zusammengeklappt erscheinen manche Falterflügel unbelebt wie ein geädertes welkes Blatt. Ein Beispiel ist das „wandelnde Blatt“, der Indische Blattfalter, mit einer perfekten Tarnung.

Kleiner Fuchs (Aglais urticae)

Kleiner Fuchs (Aglais urticae)
Foto: Böhringer Friedrich
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Ein bunter Schmetterling, der Kleine Fuchs, flattert im Sonnenlicht. Plötzlich ist er verschwunden. Er sitzt, kaum zu entdecken, mit zusammengeklappten Flügeln an einer Pfütze am Boden. Die Unterseite seiner Flügel ist dunkel, sie macht ihn fast unsichtbar. Ein Blick in die Runde gibt Gewissheit: Hier, in der Nähe hoher Brennnesseln zwischen Rhododendron und Ilex, ist seine Heimat. Seine in einem Gespinst gesellig lebenden Raupen, die behaarten Larven, ernähren sich von den Nesseln. Hier legt er seine Eier ab. Von hier kommt er selbst. Brennnesseln schützen ihn und seine Brut, denn wer wagt sich schon in dieses unwirtliche Gestrüpp? Seine Flügel sind orange-rot, schwarz abgesetzt und fein gefeldert und mit einem blassblau geperlten Flügelrand. Sein Leib ist dunkel und behaart. Das erklärt wohl seinen deutschen Namen „Fuchs“; sein zoologischer Aglais urticae bedeutet „Nesselschönheit“, aus griechisch Ἀγλαΐα , die Strahlende, benannt nach einer der drei Chariten, der die Anmut verkörpernden Grazien; lateinisch urtica ist die Brennnessel. „Unkraut“ wie Distel und Brennnessel mag Gärten verunzieren, aber vielen Schmetterlingen, Schönheiten wie dem Tagpfauenauge, dem Schwalbenschwanz und dem Admiral, bietet es einen abgeschirmten Lebensraum.

Viele Schmetterlingsarten nehmen in ihrem sichtbaren Dasein als Imago kaum noch Nahrung zu sich. Sie sitzen an Wasserlachen, um Mineralien aufzunehmen. Sie nippen am zuckerhaltigen Nektar nur ihnen zugänglicher tiefkelchiger Blüten, um ihre Energiereserven aufzufrischen.

Unübersehbar ist der während seiner Blütezeit im Spätsommer von Schmetterlingen umgaukelte Sommerflieder, der „Schmetterlingsflieder“. Phlox, Dost, Geißblatt und Lavendel, sowie Kräuter wie Thymian, Majoran und Basilikum sind ebenfalls eine Schmetterlingsweide – sogar auf dem begrenzten Raum eines Stadtbalkons.[2]

Die Lebensaufgabe eines Schmetterlings erfüllt sich mit der Fortpflanzung und Vermehrung, der Eiablage an Orten, die der Existenz und dem Schutz der Brut dienen.

[1]Eine sehr ausführliche Darstellung der Entwicklung und Abwehr von Feinden ist hier zu finden: https://schmetterlinge.wiki/lebenszyklus/larve/
[2]Hierfinden sich Tips für die Integration schmetterlingsfreundlicher Pflanzen in jede Art gärtnerischer Gestaltung:
https://www.derkleinegarten.de/gartengestaltung/ideen-finden/gartenstile/naturgaerten-und-oekogaerten/schmetterlingsmagneten.html

Das Hendiadyoin – eine rhetorische Paarformel

Denkmal zur Erinnerung an den angeblichen Import der sieben freien Künste nach Aachen durch Karl den Großen

Denkmal zur Erinnerung an den angeblichen Import der sieben freien Künste nach Aachen durch Karl den Großen
Foto und Bildrechte: Norbert Schnitzler / GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Stilfiguren dienen der Anschaulichkeit eines Textes. Als rhetorische Figuren sollen sie die Aufmerksamkeit des Hörers binden. Sprachliche Figuren sind zu Bildern geronnene Worte. Sie sind Stilmittel, die in Bilder übertragen vor dem inneren Auge eine lebendige Gestalt annehmen. Das griechische Wort für eine solche Übertragung ist Metapher.

Eine dieser rhetorischen Figuren ist das Hendiadyoin. So schwierig die Aussprache ist, verweist sie ins klassische Altertum, die Wiege der Rhetorik als Kunst.

Das Hendiadyoin setzt sich aus drei schlichten altgriechischen Wörtern zusammen: hen dia dyoin, ἓν διὰ δυοῖν, die „eins durch zwei“ bedeuten. Ausgedrückt wird damit, dass zwei formelhaft miteinander verbundene figürliche Begriffe einen einzelnen abstrakten so veranschaulichen, dass er zu einer komplexen Aussage wird. Dies ist rhetorische Absicht, denn erst die prägnante Zwillingsformel erzeugt Resonanz. Es entsteht eine gleiche Struktur durch phonologische Reime – Lug und Trug, rank und schlank, mit Sack und Pack -, durch Alliteration – frank und frei, klipp und klar, Heim und Herd, Haus und Hof, in Bausch und Bogen, mit Rat und Tat, mit Schimpf und Schande, mit Mann und Maus – oder durch Synonyme – hinter Schloss und Riegel, in Sack und Asche, nicht Glück noch Stern, in Treu und Glauben. Würde nur eines der beiden Elemente gebraucht, ginge durch den Verlust der Bildhaftigkeit auch die Abstraktionsebene der Gesamtbedeutung verloren.

Ein weiteres Merkmal des Hendiadyoins ist die Metapher, also die Übertragung eines Sachverhalts in ein Bild, die erst in der Zwillingsformel des Hendiadyoins wirksam ist. Ein Beispiel ist das hierzulande allgegenwärtige „Feuer und Flamme für Olympia“. Es bezieht sich in doppelt bildhafter Weise auf die Begeisterung für die Olympischen Spiele in Hamburg – also das olympische Feuer, entzündet durch die von weit her gebrachte olympische Flamme.

In der rhetorischen Analyse zeichnet sich die Metapher „Feuer und Flamme“, begeistert, durch ihre Untrennbarkeit aus, denn der Verlust eines der beiden Elemente ließe das Bild des leidenschaftlichen inneren Brennens in sich zusammenfallen. Die Metaphorik stellt sich also erst durch die rhetorisch erklügelte Verdoppelung her.

Entscheidend für eine Definition als Hendiadyoin ist, dass ein gewöhnlicher Ausdruck verbunden mit einem sinnverwandten Gegenstück verstärkt wird wie durch ein herkömmliches Attribut. Dieses scheinbar pleonastische Kennzeichen macht das Hendiadyoin rhetorisch zum „Ohrenschmeichler“ und „Ear-Catcher“.

Das Hendiadyoin ist ein Stilmittel, das ein konkretes, eingängiges Zwillingsbild zur Paarformel ummünzt, um ein komplexes Verständnis einer abstrakten Situation zu erzeugen.

Kopulapartikeln

Unter Kopulaverben versteht man Verben, die für sich genommen keine, oder allenfalls eine schwache, verbale Aussage haben und daher, um eine Aussage zu transportieren, mit einem Prädikativ verbunden werden.

Kurz erdensie auch Kopula genannt. Darin erkennt man das Verb kopulieren,en Begrff der eine sexuelle Vereinigung ausdrückt. Auf Menschen angewandt bezeichnet er herz- und seelenloses triebhaftes Tun. Abgeleietet ist es aus lateinisch cōpulāre ‘verknüpfen, zusammenbringen, vereinen’.

Die typischen Kopulaverben sind sein, werden, bleiben, machen und andere, die in einer synonymen Aussage deren sinngemäßen Charakter annähernd annehmen können. Dazu zählen sich zeigen, erscheinen, wirken, zurücklassen, zurückbleiben, sich erleben, sich erfahren, sich befinden, ebenso kann man dazu zählen die Verben der sinnlichen Wahrnehmung wie fühlen, hören, sehen, etw. finden, empfinden.

In engem grammatischen Zusammenhang mit Kopulaverben stehen Kopulapartikeln.
Partikeln, deren Singular die Partikel, aus lateinisch particula, f, das Teilchen, lautet und daher auch mancherorts im Plural Partikulas heißt, sind unveränderbare Wörter wie Adverbien, Artikel und Präpositionen.

Kopulapartikeln sind also unveränderliche Wörter, die als adjektivische Ergänzungen, nicht aber attributiv , bei einem Substantiv stehen können. Ebenso verweigern sie sich einer Steigerung. Sie werden prädikativ gebraucht.

Ein Prädikativ ist ein Adjektiv, das in dieser Funktion endungslos ist, während ein Adjektiv üblicherweise gekennzeichnet ist als attributiv und komparabel, also flektierbar.

Beispiele:

Der Baum ist grün. vs. der grüne Baum
Du machst mich glücklich. vs. glücklichere Fügung
Er bleibt unzufrieden. vs. ein unzufriedener Gast
Das erscheint vernünftig. vs.die vernünftigste Lösung
Du lässt mich traurig zurück. vs. ein traurigeres Lied

Neben Adjektiven können zu den Kopulaverben adjektivähnliche, aus Substantiven abgeleitete, unflektierbare Partikeln treten. Von diesen gibt es nur wenige und von Sprachbewussten heftig verteidigte. [1]

Die eine Gruppe der hervorstechendsten Kopulapartkeln sind leid [2], gram, angst, schuld, die Konversionen, Umbildungen von Substantiven zu Adjektiven, sind. Sie haben ihre Eigenständigkeit als Substantive verloren und werden als verblasst empfunden. In Verbindung mit anderen Verben, schließlich auch mit einem Attribut versehen, sind sie wörtlich zu verstehen.

Die andere Gruppe von Kopulapartikeln haben substantivische Gegenstücke, deren verblasste Abbilder sie sind: leid (bitter leid), schuld, feind (spinnefeind), freund (gut freund), angst (und) bange, not, recht, ernst, schade (jammerschade), tabu, willens, bankrott und pleite. [2] Es sind die gleichlautenden Substantive Leid, Schuld, Feind, Freund. Angst, Bange, Not, Recht, Ernst, Schade(n), Tabu, Willen, Bankrott, Pleite, aus denen sie sich bedeutungsmäßig erschließen.

Auch zwischen diesen sind Unterschiede auszumachen. So sind recht, bange, ernst neben ihrer substantivischen Form auch veränderlich – attributiv oder steigerbar – als Adjektiv, üblich, währenddessen gram, leid, schuld, freund und feind zumindest als Adjektive verblasst sind. Das Adverb leider ist seiner Form nach eine verblasste Form eines Komparativs.

Im Gegensatz zu ihren substantivischen Gegenstücken lassen sie sich leicht mit Abönungspartikeln wie gar, ganz, sehr, fast, schon, bald beinah, nahezu, etwas, wohl, nur, bloß, genauso verbinden. [3] Darin unterscheiden sie sich vornehmlich als verblasste Form von ihren substantivischen Ursprüngen.

Beispiele:

Es tut mir sehr leid. Du tust mir großes (nicht: sehr) Leid an.
Mir wurde ganz/sehr angst. Ich habe große (nicht: ganz/sehr) Angst.
Du hast ganz/ sehr/ fast/genauso/völlig recht. Du hast mit vollem (nicht: ganz/sehr/fast/genauso/völlig) Recht gehandelt.
Wir sind uns etwas feind. Er ist mein heimlicher (nicht: etwas) Feind.

Das Substantiv Gram bedeutet Kummer. Es wird selten und selektiv, teils hochsprachlich, teils ironisierend gebraucht und ist veraltend. Es kommt weiter vor als Kompositum gramgebeugt, gramgezeichnet oder vergleichbaren präpositionalen Fügungen von Gram gebeugt, – gezeichnet.
Pleite ist ein umgangssprachlicher Ausdruck aus der Gaunersprache für Zahlungsunfähigkeit.

Beispiele:

Die Trennung brachte ihm großes Leid.
Sie war von tiefem Gram gezeichnet.
Das macht mir große Angst.
Sie trägt keine Schuld am Versagen.
Die Pleite war absehbar.
Er ist mein bester Freund.
Er bleibt mein liebster Feind.
Wir leiden Not.
Hab keine Bange!
Es soll nicht zu deinem Schaden sein.
(Das) Recht muss Recht bleiben.
Das Tabu muss gebrochen werden.
Alle Menschen guten Willens …

Anwendungsbeispiele für die entsprechenden Kopulapartikeln:

Es tut mir leid. Das ist mir leid. Es wird dir bitter leid werden.
Du bist nicht schuld. Ich habe daran schuld.
Sei mir nicht gram. Ich werde dir deshalb nicht gram.
Mir ist angst. Uns wird angst und bange. Es macht mir himmelangst.
Er ist pleite. Ihr geht pleite.
Wir bleiben gut freund. Ich weiß nicht, ob er mir freund oder feind ist.
Wir sind uns noch immer feind. Sie ist mir spinnefeind.
Das tut nicht not. Es ist bitter not.
Lass dich/ dir nicht bange machen.
Das finde ich schade. Es ist sehr schade darum.
Du hast (sehr, ganz, völlig) recht. [Auch:Du hast Recht. Du bist im Recht.] Das ist recht gemacht. Das geschieht dir völlig recht.
Es ist mir (völlig) ernst. [Es ist mein (voller) Ernst.]
Das ist tabu und bleibt tabu.
Dazu bin ich nicht willens. Ich bleibe willens, zu …

Neben ihnen stehen unveränderliche Adjektive wie quitt, egal, alle, klasse, prima, spitze, super, hip. Auch sie haben einen umgangssprachlichen Charakter. In diesem Kontext gesprochnener Sprache werden so immer wieder frische Kopulapartikeln gebildet, die aus Substantiven abgeleitet werden. Beispiele dafür sind wurscht/ wurst, schnuppe, juckepulver,die egal, einerlei bedeuten.

Daneben finden sich insbesondere unveränderliche Farbadjektive wie lila, rosa, bedingt auch beige, pink, mauve, die allerdings in attributiver Verwendung gebeugt werden, sobald sie sich der deutschen Morphologie fügen, wie man an dem englischen Adjektiv cool ersieht: Ein cooles Fahrrad.

Neben den beschriebenen klassischen Kopulapartikeln lässt der Gebrauch einiger Unflektierbarer – trotz ihrer formalen Flexionsfähigkeit – sie praktisch zu den Kopulapartikeln rechnen. Es sind die folgenden abhold, abspenstig, anheischig, ausfindig, getrost. Auf der Schwelle zum Adverb sind vor allem die folgenden: allein, wohl, wohlauf, barfuß, egal, einerlei

Diese nicht flektierbaren Wörter sind Derivate unterschiedlicher Herkunft. Die Wörter, auf die sie sich beziehen, sind in ihnen verblasst. Die formalen Adjektive abspenstig, ausfindig zeigen ihre adjektivische Herkunft an dem adjektivischen Suffix -ig. Das negierende Adjektiv abhold hat zwar ein Positiv hold, lieb, schön, als Gegenbegriff, wird dennoch nur in der festen prädikativen Fügung abhold sein, abgeneigt, gebraucht. Diese prädikative Fügung existiert allerdings auch als Positivum, hold sein, wohlgesinnt sein, z. B. in der Wendung “Das Schicksal ist mir hold”, das bedeutet: “Das Schicksal meint es gut mit mir”.

Das Adjektiv egal widersetzt sich morphologisch, vielleicht aber auch inhaltlich, einer Beugung und Steigerung. Wohlauf unterscheidet sich von wohl, das als Adverb steigerbar ist: Bist du wohlauf? Ist Dir wohl? Mir ist jetzt wohler.

Auch allein entzieht sich inhaltlich einer Komparation. Im speziellen Falle etwa: Ich bin allein, aber du bist noch einsamer. muss man auf ein adjektivisches Synonym zurückgreifen. Das unflektierbare Adjektiv ist als vorangestelltes Attribut nicht einsetzbar.

Barfuß leitet sich ab aus dem Substantiv Fuß und dem Adjektiv bar.Dieses ist im Wesentlichen auf wenige Zusammenhänge beschränkt: bares Geld, Bargeld, und barhäuptig, bloß, unbedeckt. Daneben bedeutet bar mit Genitiv als Präpostion ohne, z. B. bar aller Vorsicht, ohne Vorsicht.

Das unveränderliche ursprüngliche Partizip getrost, “getröstet”, mit der Bedeutung hoffnungsvoll , kommt ebenso nur prädikativ vor: Seid getrost!

Die Definition eines Adjektivs orientiert sich an seinem attributiven Gebauch und seiner grammatischen Steigerungsfähigkeit. Grammatisch steigerbar ist ein formales Merkmal. So lässt sich das Adjektiv tot, inhaltlich betrachtet, nicht steigern, dagegen formal schon.

Attributiv gebrauchen lässt sich ein Adjektiv in zweierlei Position: Vorangestellt nennt sie sich Anteposition; hier richtet sich das Adjektiv nach seinem Beziehungswort. Es wird flektiert. In der Postposition jedoch, nachgestellt also, einer Apposition vergleichbar, wird es unflektiert gebraucht.

Beispiele:

Die Kinder, getrost, denn sie hatten Brotkrumen ausgestreut, glaubten nach Hause zurückzufinden.
Der Wind, schuld an der Verirrung, hatte sich gelegt.
Ein Mütterchen, alt und gram, kam aus der Tür.
Der Vater, seiner grausamen Frau leid, hoffte, seine Kinder heil wiederzufinden.
Alle beide, angst und bange ob der hereinbrechenden Dunkelheit, suchten Schutz in dem Hexenhaus.

In diesen beschriebenen Zusammenhängen sind einige Kopulapartikeln adjektivisch einsetzbar. Das macht eine Definition als Adjektiv denkbar und begründbar. [4]

[1] Sie unterlagen gerade in der Debatte um die Rechtschreibreform heftigen Kämpfen, weil sie aus ihrer verblassten Rolle, die ihre Aussage längst der ursprünglichen Figürlichkeit enthoben hatte, in die Funktion eines groß zu schreibenden Substantivs zurückgeführt werden sollten.

[2] Zum Wandel und der Geschichte der Schreibweisen des Infinitivs finden sich Hinweise in der folgenden Tabelle:

bis 1996 1996 bis 2004 2004 bis 2006 seit August 2006
——————————————————————————————————————-
bankrott gehen Bankrott gehen Bankrott gehen bankrottgehen
pleite gehen Pleite gehen Pleite gehen pleitegehen
leid tun Leid tun Leid tun
oder leidtun leidtun

Quelle: korrekturen.de http://www.korrekturen.de/rezensionen/wahrig_die_deutsche_rechtschreibung.shtml

In Anbetracht der Parallelen zu der getrennten Schreibung der anderen Kopulapartikeln und -verben, plädiere ich im nichtdienstlichen Schriftverkehr für die Schreibweisen, die bis 1996 gültig waren.

[3] Diese Abtönungspartikeln können sich auch als Adverbialia auf den ganzen Satz beziehen, sind deshalb nur sinngemäß oder idiomatisch verwendbar, nicht aber immer beliebig austauschbar.

[4] Igor Trost, Das deutsche Adjektiv S. 151 ff

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https://web.archive.org/web/20130205012435/
http://www.blog1.institut1.de:80/kopulapartikeln/

Von Hamburg nach Sylt – will ich zurück nach Westerland?

Westerland Musikmuschel

Westerland Musikmuschel – Foto: Magnus Manske Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Ich war noch nie auf Sylt. Sylt war mir immer ein Mythos. Irgendwie Luxus und Eleganz. Dahinter musste ja eine besondere landschaftliche Schönheit verborgen sein, dachte ich.

Bis zum letzten Sonntag.

Früh um sechs in der S-Bahn. Die Betriebsamkeit von Werktagen ist fern. Zwei Mädchen im Konfirmandenalter sind auf dem Heimweg und begutachten ihre übernächtigten Züge in den verkratzten Scheiben. Sie sind in dem Alter, wo man sich in gleicher Aufmachung sicherer fühlt: Lange Haare umrahmen Gesichter mit jugendlichem Schmelz, modische Tops bis über die Hüften, Ballerinas an den Füßen, die Rehbeine in schwarzen Leggings – je dezent zerrissen, ob Absicht oder Trend, das entzieht sich inzwischen meiner Kenntnis.

Es ist einfach, nach Sylt zu gelangen von Hamburg aus. In Altona besteigt man die Nord-Ostseebahn, eine Privatbahn mit schmucken Waggons, verbindlichem Personal, präziser Information und artigen, airlineentlehnten Sätzen.

Die Wettervorhersage verhieß Gutes für die Insel. Noch vor Sonnenaufgang schritt ich im Morgennebel einen langen, verlassenen Bahnsteig ab bis zur einsamen Spitze des wartenden Zuges. Altona ist ein Kopfbahnhof. Da fahren alle Züge aus einer Richtung ein und entgegengesetzt wieder aus. Mit der S-Bahn unterwegs über Altona und Blankenese nach Wedel wechselt man auf diese Weise zweimal die Blickrichtung. Denn der gleiche Ablauf wiederholt sich in Blankenese.

Eine ausgeschlafene Rentnergruppe mit Rucksäcken findet sich ein, auch das blau-gelb uniformierte Zugpersonal, schließlich noch eine Handvoll Reisender, die sich in der Wagenvielzahl verliert.

Mit meinen Reisegefährten – einem Mann und einer Frau – besteige ich den Zug, und ab geht die Fahrt nach Norden durch das nebelverhangene, öde Flachland um Elmshorn und Itzehoe, schließlich über die Nord-Ostsee-Kanalbrücke als einzige Erhebung, durch Dithmarschen – Heide und Husum. Unser gutgelaunter Reiseführer weist auf Storms “graue Stadt am Meer” hin. Er kennt sich aus. Er fühlt sich sogar für das Wetter zuständig, und zuversichtlich macht er selbst für die Pfützen, die hier und da auf dem feuchtglänzenden Asphalt einen tiefen Himmel spiegeln, den Herbstnebel verantwortlich.

In Westerland angekommen, auf pittoreske Reetdachhäuser hoffend, werde ich zuerst mit giftgrünen, aus der Vertikale geratenen Riesenskulpturen konfrontiert. Meine Begleiter witzeln über die Gewalt des Nordseewindes. Eine Fußgängermeile führt geradewegs zum Meer. Überwiegend ist sie gesäumt von Stehcafés – um einen besseren Durchlauf zu gewährleisten, wie mir schwant. Noch richtet das Personal das erhöhte Gestühl, es wird gefegt und gewischt, Decken bereit gelegt.

Die Straße mündet in ein verheißungsvolles Tor – wie bei Goldmarie und Pechmarie. Da ist die Kurtaxe fällig. Dahinter liegen Strand und Meer bis zum Horizont. Auch die Promenade und die Tribüne für das Kurkonzert in einer unsäglichen Muschel. Ein Ensemble osteuropäischer, sonnenbebrillter Künstler im schwarz-roten Outfit spielt ein Potpourri von Alexandra bis Mozart. Ich stelle mir vor, dass es Symphoniker sind, die sich über die Sommermonate hier verdingt haben und eisern ihr Programm mit gefälligen Gesangseinlagen absolvieren.

Gesichtsgebräunte Rentner in heller Freizeitkleidung sind um diese Zeit in der Überzahl. Man trägt Perücke oder Prinz-Heinrich-Mütze. Beides windfest. Man übt ein paar Tanzschritte oder wiegt sich im Takt. Frisierte Hunde werden vorübergeführt.

Am nördlichen Rand des verhangenen Himmels öffnet sich zögernd ein blauer Streifen.

Und schon vertreibt die Sonne Dunst und Wolken und verklärt den Oktoberhimmel. Ein paar Sturmvögel untersuchen den strandgutbefreiten Strand nach Brauchbarem. In der Brandung tummeln sich, glänzenden Haifischen gleich, dunkle Gestalten – Wellenreiter in Neoprenanzügen. Ein paar Drachen steigen auf. In großen Bögen benetzen die gebrochenen Wellen den Sand. Die rhythmisch-züngelnde Bewegung des auflaufenden und ablaufenden Wassers um mich herum ist schwindelerregend, meine Füße drohen im nassen Untergrund ihren Halt zu verlieren.

Nun, nachdem klar ist, dass eine Strandwanderung in dem künstlich aufgeschütteten Sand über meine Kräfte gehen würde, strecke ich mich ergeben in meinem Strandkorb aus – windgeschützt, die wie aus dem Nichts sich bald aufbauenden Wellenkämme vor Augen und in den Ohren das Geräusch der bald umkippenden Brandung, bis mir die Lider schwer werden.

Als die Sonne sinkt, ist noch ein letzter Programmpunkt zu erfüllen: der Besuch eines einschlägigen Fischimbisses. Der Ablauf beeindruckt mich. Angesichts einer verglasten Theke wählt man den Fisch, der einem zusagt, aus. Gelassene junge Männer bereiten ihn auf einer riesigen heißen Fläche vor aller Augen zu. Dazwischen werden die Bratkartoffeln und Zwiebeln hin und her geschoben, die Teller angerichtet. Trotz der Enge, in der die Köche hantieren, kommt sich niemand in die Quere, so leicht und sicher ist jede Geste, jeder Wink, aufeinander abgestimmt. Ist das Gericht fertig, wird die Nummer ausgerufen, die der Kunde bei der Bestellung erhalten hat. Ich hatte mich dem Luxus verschrieben und überbackene Jakobsmuscheln genommen.
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https://web.archive.org/web/20130525051627/
http://www.blog.institut1.de/2008/von-hamburg-nach-sylt-will-ich-zuruck-nach-westerland/

Hegestraße Hamburg mit ungebrochenem Charme


Nur selten werden Einkaufsstraßen außerhalb der City von Nebenstraßen gekreuzt, die ihrerseits eine Vielzahl von Geschäften beherbergen. In Hamburg findet man sie in Winterhude, da treffen die Gertigstraße und der Poelchaukamp auf den Mühlenkamp. Im Schanzenviertel ist die Susannenstraße die Verbindungsstraße zwischen Schulterblatt und Schanzenstraße. Im Uni-Viertel Rotherbaum mündet der Grindelhof auf die Grindelallee. Ein weiteres Beispiel ist die Hegestraße. Sie führt auf den Eppendorfer Baum.

Der Name Hegestraße, auch der ihres kleinen Ablegers Hegestieg, deuten darauf hin, dass sich an diesem Ort einmal ein Forst befunden hat, den es zu hegen galt. Allerdings wird dieser Forst eher von der morastigen Sorte gewesen sein, denn alle Anzeichen sprechen dafür, dass Eppendorf auf moorigem Grund liegt. Es gibt Kanäle, Isebek und Tarpenbek, die das Wasser aufnehmen. Sie münden in die Alster. Sogar ein veritables, etwas schauriges Moor, das Eppendorfer Moor, befindet sich mitten in der Stadt.

Die Hegestraße kreuzt den Eppendorfer Baum. Er scheidet unmerklich die Stadtteile Eppendorf und Hoheluft voneinander. Also gehört der südliche Teil der Hegestraße, der auf den Lehmweg trifft, bereits zu Hoheluft, während der andere, der nördliche, der zur Kellinghusenstraße führt, zu Eppendorf zählt.

In den siebziger und achtziger Jahren reihten sich in der Hegestraße allerlei verträumte Krämer- und Trödelläden aneinander. Die haben sich leider davongemacht. Nun ist sie Ziel verschiedenster Konsumentengruppen: der Bildungshungrigen, der Hungrigen und der Modehungrigen.

Hier steht das Gymnasium Eppendorf. Es ist keine Gelehrtenschule wie das Johanneum, keine Gesamtschule wie die Ida-Ehre-Schule, die unweit – im Lehmweg – ein wohlausgestattetes Oberstufenhaus führt. Früher war das Hegegymnasium eine Oberrealschule für Jungen, aber im Zeichen von Koedukation und Kooperation ist daraus ein klassisches Gymnasium modernen Anstrichs geworden. Es wirkt bodenständig und bürgerlich, geordnet und gediegen. Die alte Garde gymnasialer Nonkonformisten dürfte hier in der Minderheit sein. Betritt man das Schulgebäude durch das schwere Eingangsportal, ist man in seinem Inneren von der Feuerzangenbowlen-Pracht ausladend geschwungener Treppenaufgänge beeindruckt.

Ein Anlaufpunkt ganz anderer Art ist das in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene “Petit Café”. Es ist eigentlich gar nicht so klein, aber der Name hat sich von seinem winzigen Vorgänger in der Eppendorfer Landstraße erhalten. Dieses Café weist zwei Besonderheiten auf, die es von der Vielzahl der Cafés der Umgebung unterscheiden. Es ist das zunächst wohl aus der Not geborene anheimelnde Sammelsurium, das an die unkonventionelle Vorläufigkeit der siebziger Jahre erinnert, und der nicht minder anrührende Duft nach frischgebackenem Kuchen, der das Café von der am hinteren Ende gelegenen Backstube durchweht. Diese simplen, frischen Hefeblechkuchen mit Obst und Streuseln – Schlagsahne nicht zu vergessen – haben ein altertümliches, fast wehmütiges Arom angesichts des üblichen Großbäckerei-Fertigkuchens. Ein türkischer Bäcker sorgt den lieben langen Tag für den Nachschub des begehrten Backwerks.

Cafés haben zusammen mit allerlei Kaffee-Creationen ein wahres Come-back erfahren. Die Kaffee-Manie gipfelte schließlich jenseits von entspannter Kaffeehaus-Atmosphäre in einem hektisch im Gehen eingenommenen Coffee-to-go. Manch moderner Kinderwagen ist bereits mit einer Halterung für den wohlverschlossenen, mundstückversehenen Pappbecher ausgestattet, damit man in der Zwischenzeit zum Handy greifen kann. Eine gewisse Unsicherheit schwingt mit, ob die Halterung nicht – als eine Babyflaschenhalterung gedacht – umfunktioniert wurde.

Cafés geben Frauen in den besten Jahren, den berufslosen mit Kinderwagen, den berufstätigen im Business-Outfit, eine Chance, standesgemäß einzukehren. Anderen bietet sich die Gelegenheit zu Blind-Date, Kaffeepause, Plausch, Small-Talk. Der entscheidende Fortschritt daran ist, dass sich Frauen nach den langen Kneipenjahren, wo sie sich beim Erscheinen ohne Begleitung seelisch aufrüsten mussten, hier ganz ungezwungen bewegen können. So wie in den fünfziger und sechziger Jahren, als das Café und die Konditorei eine Domäne der Damenkränzchen war.

Demgegenüber ist es dennoch ein Verlust, dass die Szenekneipen, das Gegenmodell zu den Eckkneipen, ausgestorben sind. Mitten in der Hegestraße befand sich das hochfrequentierte “Schröder”. Da standen noch nachts um zwei die Leute scherzend vom Eingang bis auf die Straße. Eine Kneipe mit angemessen dunklen Wänden, engen Winkeln, spärlich mit Kerzen beleuchtet. Es war verraucht, groovig, mit allerlei schrägen Vögeln, die einem immer wieder begegneten. Man trank Bier oder Edelzwicker und aß Crocque oder Salade Nicoise. Heute nimmt man ein Business-Lunch und trinkt Stilles Wasser in übersichtlich ausgeleuchteten Räumen.

Von den Antiquitätenläden, deren bunte Gemischtwaren früher den Gehweg säumten, finden sich heute noch einige edle Nachkommen mit feinen Möbeln, Dekorationsstücken und ausgesuchten Stoffen. “Das 7. Zimmer” zeugt vom besonderen Charakter alter Sachen. Gabriela ist unverkennbar Stylistin. Davon zeugt die Präsentation ihrer käuflichen Exponate, die sie in einer Mischung aus wohlkonservierter Morbidität und versehen mit Accessoires linnener Steifigkeit und duftiger Jahreszeitlichkeit in Szene setzt.

Typisch für die Hegestraße heute sind die Boutiquen für Kindersachen, Kleider, Schuhe, Handtaschen und Schmuck, die nicht, wie in den großen Straßen, Ableger der bombastischen Flaggschiffe aus der Innenstadt sind, sondern kleine, feine Läden mit individuellem, edlem, wenngleich nicht ganz billigem Sortiment.

Einen ganz unverkennbaren Stil vertritt seit jeher die “Silbermine”. [1] Hier wird Schmuck gemacht, der edel aussieht, ohne protzig zu wirken. Birgitta und Michael Rheinländer sind handwerklich versiert und zurückhaltend in ihrer Beratung, während man sich umschaut zwischen Vitrinen und Siamkatzen, deren Augen die Farbe der “Silbermine” widerspiegeln, das Blau des Ladens, – ja, sogar das des blaufenstrigen Hauses, das sie beherbergt.

Daneben findet sich auch ein gutsortierter, mit modischem Gespür geführter Second-hand-Laden, dessen einfühlsame Beratung die Kundin mit dem Gefühl versieht, ein besonderes Einzelstück zu erwerben.

Und das ist beileibe nicht alles.

Für die Ausgehungerten gibt es einen abwechslungsreichen Mittagstisch, saisongerecht und frisch gekocht gleich gegenüber bei “Umland”. Mittags hört man schon von weitem das friedliche Geplauder und Besteckgeklapper von den Stehtischen unter der Blauen Markise. [2]

Für die weniger Eiligen gibt es einen Supermarkt, darinnen eine Bäckerei mit zünftigem Stehcafé. Für die geistig Hungrigen die Buchhandlung “Heymann”. Und für die durstigen Autos eine der wenigen innerstädtischen Tankstellen mit Service und Minimarket.

Eine bauliche Attraktion hat die Hegestraße auch zu bieten: Es ist ein Neubau, der sich in seinem Äußeren ganz den Fassaden der Gründerzeithäuser angepasst hat. Dies ist sehr wohltuend nach all den Pseudo-Schiffsarchitekturern der späten neunziger Jahre.

Beide Enden der Hegestraße bilden Kinderspielplätze, denn gerade die breiten Trottoirs des heiteren, geschäftigen Teils sind das ideale Pflaster für Mütter, die kleine Kinder schieben.

Webhinweise:

[1] Silbermine Hamburg – Schmuck aus der Silbermine

[2] Umland – delikat essen und Party-Service
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https://web.archive.org/web/20140114041408/
http://www.blog.institut1.de/2008/hegestrase-hamburg-mit-ungebrochenem-charme/