Author Archives: Gunhild Simon

Das Hendiadyoin – eine rhetorische Paarformel

Denkmal zur Erinnerung an den angeblichen Import der sieben freien Künste nach Aachen durch Karl den Großen

Denkmal zur Erinnerung an den angeblichen Import der sieben freien Künste nach Aachen durch Karl den Großen
Foto und Bildrechte: Norbert Schnitzler / GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Stilfiguren dienen der Anschaulichkeit eines Textes. Als rhetorische Figuren sollen sie die Aufmerksamkeit des Hörers binden. Sprachliche Figuren sind zu Bildern geronnene Worte. Sie sind Stilmittel, die in Bilder übertragen vor dem inneren Auge eine lebendige Gestalt annehmen. Das griechische Wort für eine solche Übertragung ist Metapher.

Eine dieser rhetorischen Figuren ist das Hendiadyoin. So schwierig die Aussprache ist, verweist sie ins klassische Altertum, die Wiege der Rhetorik als Kunst.

Das Hendiadyoin setzt sich aus drei schlichten altgriechischen Wörtern zusammen: hen dia dyoin, ἓν διὰ δυοῖν, die „eins durch zwei“ bedeuten. Ausgedrückt wird damit, dass zwei formelhaft miteinander verbundene figürliche Begriffe einen einzelnen abstrakten so veranschaulichen, dass er zu einer komplexen Aussage wird. Dies ist rhetorische Absicht, denn erst die prägnante Zwillingsformel erzeugt Resonanz. Es entsteht eine gleiche Struktur durch phonologische Reime – Lug und Trug, rank und schlank, mit Sack und Pack -, durch Alliteration – frank und frei, klipp und klar, Heim und Herd, Haus und Hof, in Bausch und Bogen, mit Rat und Tat, mit Schimpf und Schande, mit Mann und Maus – oder durch Synonyme – hinter Schloss und Riegel, in Sack und Asche, nicht Glück noch Stern, in Treu und Glauben. Würde nur eines der beiden Elemente gebraucht, ginge durch den Verlust der Bildhaftigkeit auch die Abstraktionsebene der Gesamtbedeutung verloren.

Ein weiteres Merkmal des Hendiadyoins ist die Metapher, also die Übertragung eines Sachverhalts in ein Bild, die erst in der Zwillingsformel des Hendiadyoins wirksam ist. Ein Beispiel ist das hierzulande allgegenwärtige „Feuer und Flamme für Olympia“. Es bezieht sich in doppelt bildhafter Weise auf die Begeisterung für die Olympischen Spiele in Hamburg – also das olympische Feuer, entzündet durch die von weit her gebrachte olympische Flamme.

In der rhetorischen Analyse zeichnet sich die Metapher „Feuer und Flamme“, begeistert, durch ihre Untrennbarkeit aus, denn der Verlust eines der beiden Elemente ließe das Bild des leidenschaftlichen inneren Brennens in sich zusammenfallen. Die Metaphorik stellt sich also erst durch die rhetorisch erklügelte Verdoppelung her.

Entscheidend für eine Definition als Hendiadyoin ist, dass ein gewöhnlicher Ausdruck verbunden mit einem sinnverwandten Gegenstück verstärkt wird wie durch ein herkömmliches Attribut. Dieses scheinbar pleonastische Kennzeichen macht das Hendiadyoin rhetorisch zum „Ohrenschmeichler“ und „Ear-Catcher“.

Das Hendiadyoin ist ein Stilmittel, das ein konkretes, eingängiges Zwillingsbild zur Paarformel ummünzt, um ein komplexes Verständnis einer abstrakten Situation zu erzeugen.

Kopulapartikeln

Unter Kopulaverben versteht man Verben, die für sich genommen keine, oder allenfalls eine schwache, verbale Aussage haben und daher, um eine Aussage zu transportieren, mit einem Prädikativ verbunden werden.

Die typischen Kopulaverben sind sein, werden, bleiben, machen und andere, die in einer synonymen Aussage deren sinngemäßen Charakter annähernd annehmen können. Dazu zählen sich zeigen, erscheinen, wirken, zurücklassen, zurückbleiben, sich erleben, sich erfahren, sich befinden, ebenso kann man dazu zählen die Verben der sinnlichen Wahrnehmung wie fühlen, hören, sehen, etw. finden, empfinden.
In engem grammatischen Zusammenhang mit Kopulaverben stehen Kopulapartikeln.
Partikeln, deren Singular die Partikel, aus lateinisch particula, f, das Teilchen, lautet und daher auch mancherorts im Plural Partikulas heißt, sind unveränderbare Wörter wie Adverbien, Artikel und Präpositionen.

Kopulapartikeln sind also unveränderliche Wörter, die als adjektivische Ergänzungen, nicht aber attributiv , bei einem Substantiv stehen können. Ebenso verweigern sie sich einer Steigerung. Sie werden prädikativ gebraucht.

Ein Prädikativ ist ein Adjektiv, das in dieser Funktion endungslos ist, während ein Adjektiv üblicherweise gekennzeichnet ist als attributiv und komparabel, also flektierbar.

Beispiele:

Der Baum ist grün. vs. der grüne Baum
Du machst mich glücklich. vs. glücklichere Fügung
Er bleibt unzufrieden. vs. ein unzufriedener Gast
Das erscheint vernünftig. vs.die vernünftigste Lösung
Du lässt mich traurig zurück. vs. ein traurigeres Lied

Neben Adjektiven können zu den Kopulaverben adjektivähnliche, aus Substantiven abgeleitete, unflektierbare Partikeln treten. Von diesen gibt es nur wenige und von Sprachbewussten heftig verteidigte. [1]

Die eine Gruppe der hervorstechendsten Kopulapartkeln sind leid [2], gram, angst, schuld, die Konversionen, Umbildungen von Substantiven zu Adjektiven, sind. Sie haben ihre Eigenständigkeit als Substantive verloren und werden als verblasst empfunden. In Verbindung mit anderen Verben, schließlich auch mit einem Attribut versehen, sind sie wörtlich zu verstehen.

Die andere Gruppe von Kopulapartikeln haben substantivische Gegenstücke, deren verblasste Abbilder sie sind: leid (bitter leid), schuld, feind (spinnefeind), freund (gut freund), angst (und) bange, not, recht, ernst, schade (jammerschade), tabu, willens, bankrott und pleite. [2] Es sind die gleichlautenden Substantive Leid, Schuld, Feind, Freund. Angst, Bange, Not, Recht, Ernst, Schade(n), Tabu, Willen, Bankrott, Pleite, aus denen sie sich bedeutungsmäßig erschließen.

Auch zwischen diesen sind Unterschiede auszumachen. So sind recht, bange, ernst neben ihrer substantivischen Form auch veränderlich – attributiv oder steigerbar – als Adjektiv, üblich, währenddessen gram, leid, schuld, freund und feind zumindest als Adjektive verblasst sind. Das Adverb leider ist seiner Form nach eine verblasste Form eines Komparativs.

Im Gegensatz zu ihren substantivischen Gegenstücken lassen sie sich leicht mit Abönungspartikeln wie gar, ganz, sehr, fast, schon, bald beinah, nahezu, etwas, wohl, nur, bloß, genauso verbinden. [3] Darin unterscheiden sie sich vornehmlich als verblasste Form von ihren substantivischen Ursprüngen.

Beispiele:

Es tut mir sehr leid. Du tust mir großes (nicht: sehr) Leid an.
Mir wurde ganz/sehr angst. Ich habe große (nicht: ganz/sehr) Angst.
Du hast ganz/ sehr/ fast/genauso/völlig recht. Du hast mit vollem (nicht: ganz/sehr/fast/genauso/völlig) Recht gehandelt.
Wir sind uns etwas feind. Er ist mein heimlicher (nicht: etwas) Feind.

Das Substantiv Gram bedeutet Kummer. Es wird selten und selektiv, teils hochsprachlich, teils ironisierend gebraucht und ist veraltend. Es kommt weiter vor als Kompositum gramgebeugt, gramgezeichnet oder vergleichbaren präpositionalen Fügungen von Gram gebeugt, – gezeichnet.
Pleite ist ein umgangssprachlicher Ausdruck aus der Gaunersprache für Zahlungsunfähigkeit.

Beispiele:

Die Trennung brachte ihm großes Leid.
Sie war von tiefem Gram gezeichnet.
Das macht mir große Angst.
Sie trägt keine Schuld am Versagen.
Die Pleite war absehbar.
Er ist mein bester Freund.
Er bleibt mein liebster Feind.
Wir leiden Not.
Hab keine Bange!
Es soll nicht zu deinem Schaden sein.
(Das) Recht muss Recht bleiben.
Das Tabu muss gebrochen werden.
Alle Menschen guten Willens …

Anwendungsbeispiele für die entsprechenden Kopulapartikeln:

Es tut mir leid. Das ist mir leid. Es wird dir bitter leid werden.
Du bist nicht schuld. Ich habe daran schuld.
Sei mir nicht gram. Ich werde dir deshalb nicht gram.
Mir ist angst. Uns wird angst und bange. Es macht mir himmelangst.
Er ist pleite. Ihr geht pleite.
Wir bleiben gut freund. Ich weiß nicht, ob er mir freund oder feind ist.
Wir sind uns noch immer feind. Sie ist mir spinnefeind.
Das tut nicht not. Es ist bitter not.
Lass dich/ dir nicht bange machen.
Das finde ich schade. Es ist sehr schade darum.
Du hast (sehr, ganz, völlig) recht. [Auch:Du hast Recht. Du bist im Recht.] Das ist recht gemacht. Das geschieht dir völlig recht.
Es ist mir (völlig) ernst. [Es ist mein (voller) Ernst.]
Das ist tabu und bleibt tabu.
Dazu bin ich nicht willens. Ich bleibe willens, zu …

Neben ihnen stehen unveränderliche Adjektive wie quitt, egal, alle, klasse, prima, spitze, super, hip. Auch sie haben einen umgangssprachlichen Charakter. In diesem Kontext gesprochnener Sprache werden so immer wieder frische Kopulapartikeln gebildet, die aus Substantiven abgeleitet werden. Beispiele dafür sind wurscht/ wurst, schnuppe, juckepulver,die egal, einerlei bedeuten.

Daneben finden sich insbesondere unveränderliche Farbadjektive wie lila, rosa, bedingt auch beige, pink, mauve, die allerdings in attributiver Verwendung gebeugt werden, sobald sie sich der deutschen Morphologie fügen, wie man an dem englischen Adjektiv cool ersieht: Ein cooles Fahrrad.

Neben den beschriebenen klassischen Kopulapartikeln lässt der Gebrauch einiger Unflektierbarer – trotz ihrer formalen Flexionsfähigkeit – sie praktisch zu den Kopulapartikeln rechnen. Es sind die folgenden abhold, abspenstig, anheischig, ausfindig, getrost. Auf der Schwelle zum Adverb sind vor allem die folgenden: allein, wohl, wohlauf, barfuß, egal, einerlei

Diese nicht flektierbaren Wörter sind Derivate unterschiedlicher Herkunft. Die Wörter, auf die sie sich beziehen, sind in ihnen verblasst. Die formalen Adjektive abspenstig, ausfindig zeigen ihre adjektivische Herkunft an dem adjektivischen Suffix -ig. Das negierende Adjektiv abhold hat zwar ein Positiv hold, lieb, schön, als Gegenbegriff, wird dennoch nur in der festen prädikativen Fügung abhold sein, abgeneigt gebraucht. Diese prädikative Fügung existiert allerdings auch als Positivum, hold sein, wohlgesinnt sein, z. B. in der Wendung “Das Schicksal ist mir hold”, das bedeutet: “Das Schicksal meint es gut mit mir”.

Das Adjektiv egal widersetzt sich morphologisch, vielleicht aber auch inhaltlich, einer Beugung und Steigerung. Wohlauf unterscheidet sich von wohl, das als Adverb steigerbar ist: Bist du wohlauf? Ist Dir wohl? Mir ist jetzt wohler.

Auch allein entzieht sich inhaltlich einer Komparation. Im speziellen Falle etwa: Ich bin allein, aber du bist noch einsamer. muss man auf ein adjektivisches Synonym zurückgreifen. Das unflektierbare Adjektiv ist als vorangestelltes Attribut nicht einsetzbar.

Barfuß leitet sich ab aus dem Substantiv Fuß und dem Adjektiv bar.Dieses ist im Wesentlichen auf wenige Zusammenhänge beschränkt: bares Geld, Bargeld, und barhäuptig, bloß, unbedeckt. Daneben bedeutet bar mit Genitiv als Präpostion ohne, z. B. bar aller Vorsicht, ohne Vorsicht.

Das unveränderliche ursprüngliche Partizip getrost, “getröstet”, mit der Bedeutung hoffnungsvoll , kommt ebenso nur prädikativ vor: Seid getrost!

Die Definition eines Adjektivs orientiert sich an seinem attributiven Gebauch und seiner grammatischen Steigerungsfähigkeit. Grammatisch steigerbar ist ein formales Merkmal. So lässt sich das Adjektiv tot, inhaltlich betrachtet, nicht steigern, dagegen formal schon.

Attributiv gebrauchen lässt sich ein Adjektiv in zweierlei Position: Vorangestellt nennt sie sich Anteposition; hier richtet sich das Adjektiv nach seinem Beziehungswort. Es wird flektiert. In der Postposition jedoch, nachgestellt also, einer Apposition vergleichbar, wird es unflektiert gebraucht.

Beispiele:

Die Kinder, getrost, denn sie hatten Brotkrumen ausgestreut, glaubten nach Hause zurückzufinden.
Der Wind, schuld an der Verirrung, hatte sich gelegt.
Ein Mütterchen, alt und gram, kam aus der Tür.
Der Vater, seiner grausamen Frau leid, hoffte, seine Kinder heil wiederzufinden.
Alle beide, angst und bange ob der hereinbrechenden Dunkelheit, suchten Schutz in dem Hexenhaus.

In diesen beschriebenen Zusammenhängen sind einige Kopulapartikeln adjektivisch einsetzbar. Das macht eine Definition als Adjektiv denkbar und begründbar. [4]

[1] Sie unterlagen gerade in der Debatte um die Rechtschreibreform heftigen Kämpfen, weil sie aus ihrer verblassten Rolle, die ihre Aussage längst der ursprünglichen Figürlichkeit enthoben hatte, in die Funktion eines groß zu schreibenden Substantivs zurückgeführt werden sollten.

[2] Zum Wandel und der Geschichte der Schreibweisen des Infinitivs finden sich Hinweise in der folgenden Tabelle:

bis 1996 1996 bis 2004 2004 bis 2006 seit August 2006
——————————————————————————————————————-
bankrott gehen Bankrott gehen Bankrott gehen bankrottgehen
pleite gehen Pleite gehen Pleite gehen pleitegehen
leid tun Leid tun Leid tun
oder leidtun leidtun

Quelle: korrekturen.de http://www.korrekturen.de/rezensionen/wahrig_die_deutsche_rechtschreibung.shtml

In Anbetracht der Parallelen zu der getrennten Schreibung der anderen Kopulapartikeln und -verben, plädiere ich im nichtdienstlchen Schriftverkehr für die Schreibweisen, die bis 1996 gültig waren.

[3] Diese Abtönungspartikeln können sich auch als Adverbialia auf den ganzen Satz beziehen, sind deshalb nur sinngemäß oder idiomatisch verwendbar, nicht aber immer beliebig austauschbar.

[4] Igor Trost, Das deutsche Adjektiv S. 151 ff

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https://web.archive.org/web/20130205012435/
http://www.blog1.institut1.de:80/kopulapartikeln/

Von Hamburg nach Sylt – will ich zurück nach Westerland?

Westerland Musikmuschel

Westerland Musikmuschel – Foto: Magnus Manske Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Ich war noch nie auf Sylt. Sylt war mir immer ein Mythos. Irgendwie Luxus und Eleganz. Dahinter musste ja eine besondere landschaftliche Schönheit verborgen sein, dachte ich.

Bis zum letzten Sonntag.

Früh um sechs in der S-Bahn. Die Betriebsamkeit von Werktagen ist fern. Zwei Mädchen im Konfirmandenalter sind auf dem Heimweg und begutachten ihre übernächtigten Züge in den verkratzten Scheiben. Sie sind in dem Alter, wo man sich in gleicher Aufmachung sicherer fühlt: Lange Haare umrahmen Gesichter mit jugendlichem Schmelz, modische Tops bis über die Hüften, Ballerinas an den Füßen, die Rehbeine in schwarzen Leggings – je dezent zerrissen, ob Absicht oder Trend, das entzieht sich inzwischen meiner Kenntnis.

Es ist einfach, nach Sylt zu gelangen von Hamburg aus. In Altona besteigt man die Nord-Ostseebahn, eine Privatbahn mit schmucken Waggons, verbindlichem Personal, präziser Information und artigen, airlineentlehnten Sätzen.

Die Wettervorhersage verhieß Gutes für die Insel. Noch vor Sonnenaufgang schritt ich im Morgennebel einen langen, verlassenen Bahnsteig ab bis zur einsamen Spitze des wartenden Zuges. Altona ist ein Kopfbahnhof. Da fahren alle Züge aus einer Richtung ein und entgegengesetzt wieder aus. Mit der S-Bahn unterwegs über Altona und Blankenese nach Wedel wechselt man auf diese Weise zweimal die Blickrichtung. Denn der gleiche Ablauf wiederholt sich in Blankenese.

Eine ausgeschlafene Rentnergruppe mit Rucksäcken findet sich ein, auch das blau-gelb uniformierte Zugpersonal, schließlich noch eine Handvoll Reisender, die sich in der Wagenvielzahl verliert.

Mit meinen Reisegefährten – einem Mann und einer Frau – besteige ich den Zug, und ab geht die Fahrt nach Norden durch das nebelverhangene, öde Flachland um Elmshorn und Itzehoe, schließlich über die Nord-Ostsee-Kanalbrücke als einzige Erhebung, durch Dithmarschen – Heide und Husum. Unser gutgelaunter Reiseführer weist auf Storms “graue Stadt am Meer” hin. Er kennt sich aus. Er fühlt sich sogar für das Wetter zuständig, und zuversichtlich macht er selbst für die Pfützen, die hier und da auf dem feuchtglänzenden Asphalt einen tiefen Himmel spiegeln, den Herbstnebel verantwortlich.

In Westerland angekommen, auf pittoreske Reetdachhäuser hoffend, werde ich zuerst mit giftgrünen, aus der Vertikale geratenen Riesenskulpturen konfrontiert. Meine Begleiter witzeln über die Gewalt des Nordseewindes. Eine Fußgängermeile führt geradewegs zum Meer. Überwiegend ist sie gesäumt von Stehcafés – um einen besseren Durchlauf zu gewährleisten, wie mir schwant. Noch richtet das Personal das erhöhte Gestühl, es wird gefegt und gewischt, Decken bereit gelegt.

Die Straße mündet in ein verheißungsvolles Tor – wie bei Goldmarie und Pechmarie. Da ist die Kurtaxe fällig. Dahinter liegen Strand und Meer bis zum Horizont. Auch die Promenade und die Tribüne für das Kurkonzert in einer unsäglichen Muschel. Ein Ensemble osteuropäischer, sonnenbebrillter Künstler im schwarz-roten Outfit spielt ein Potpourri von Alexandra bis Mozart. Ich stelle mir vor, dass es Symphoniker sind, die sich über die Sommermonate hier verdingt haben und eisern ihr Programm mit gefälligen Gesangseinlagen absolvieren.

Gesichtsgebräunte Rentner in heller Freizeitkleidung sind um diese Zeit in der Überzahl. Man trägt Perücke oder Prinz-Heinrich-Mütze. Beides windfest. Man übt ein paar Tanzschritte oder wiegt sich im Takt. Frisierte Hunde werden vorübergeführt.

Am nördlichen Rand des verhangenen Himmels öffnet sich zögernd ein blauer Streifen.

Und schon vertreibt die Sonne Dunst und Wolken und verklärt den Oktoberhimmel. Ein paar Sturmvögel untersuchen den strandgutbefreiten Strand nach Brauchbarem. In der Brandung tummeln sich, glänzenden Haifischen gleich, dunkle Gestalten – Wellenreiter in Neoprenanzügen. Ein paar Drachen steigen auf. In großen Bögen benetzen die gebrochenen Wellen den Sand. Die rhythmisch-züngelnde Bewegung des auflaufenden und ablaufenden Wassers um mich herum ist schwindelerregend, meine Füße drohen im nassen Untergrund ihren Halt zu verlieren.

Nun, nachdem klar ist, dass eine Strandwanderung in dem künstlich aufgeschütteten Sand über meine Kräfte gehen würde, strecke ich mich ergeben in meinem Strandkorb aus – windgeschützt, die wie aus dem Nichts sich bald aufbauenden Wellenkämme vor Augen und in den Ohren das Geräusch der bald umkippenden Brandung, bis mir die Lider schwer werden.

Als die Sonne sinkt, ist noch ein letzter Programmpunkt zu erfüllen: der Besuch eines einschlägigen Fischimbisses. Der Ablauf beeindruckt mich. Angesichts einer verglasten Theke wählt man den Fisch, der einem zusagt, aus. Gelassene junge Männer bereiten ihn auf einer riesigen heißen Fläche vor aller Augen zu. Dazwischen werden die Bratkartoffeln und Zwiebeln hin und her geschoben, die Teller angerichtet. Trotz der Enge, in der die Köche hantieren, kommt sich niemand in die Quere, so leicht und sicher ist jede Geste, jeder Wink, aufeinander abgestimmt. Ist das Gericht fertig, wird die Nummer ausgerufen, die der Kunde bei der Bestellung erhalten hat. Ich hatte mich dem Luxus verschrieben und überbackene Jakobsmuscheln genommen.
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http://www.blog.institut1.de/2008/von-hamburg-nach-sylt-will-ich-zuruck-nach-westerland/

Hegestraße Hamburg mit ungebrochenem Charme


Nur selten werden Einkaufsstraßen außerhalb der City von Nebenstraßen gekreuzt, die ihrerseits eine Vielzahl von Geschäften beherbergen. In Hamburg findet man sie in Winterhude, da treffen die Gertigstraße und der Poelchaukamp auf den Mühlenkamp. Im Schanzenviertel ist die Susannenstraße die Verbindungsstraße zwischen Schulterblatt und Schanzenstraße. Im Uni-Viertel Rotherbaum mündet der Grindelhof auf die Grindelallee. Ein weiteres Beispiel ist die Hegestraße. Sie führt auf den Eppendorfer Baum.

Der Name Hegestraße, auch der ihres kleinen Ablegers Hegestieg, deuten darauf hin, dass sich an diesem Ort einmal ein Forst befunden hat, den es zu hegen galt. Allerdings wird dieser Forst eher von der morastigen Sorte gewesen sein, denn alle Anzeichen sprechen dafür, dass Eppendorf auf moorigem Grund liegt. Es gibt Kanäle, Isebek und Tarpenbek, die das Wasser aufnehmen. Sie münden in die Alster. Sogar ein veritables, etwas schauriges Moor, das Eppendorfer Moor, befindet sich mitten in der Stadt.

Die Hegestraße kreuzt den Eppendorfer Baum. Er scheidet unmerklich die Stadtteile Eppendorf und Hoheluft voneinander. Also gehört der südliche Teil der Hegestraße, der auf den Lehmweg trifft, bereits zu Hoheluft, während der andere, der nördliche, der zur Kellinghusenstraße führt, zu Eppendorf zählt.

In den siebziger und achtziger Jahren reihten sich in der Hegestraße allerlei verträumte Krämer- und Trödelläden aneinander. Die haben sich leider davongemacht. Nun ist sie Ziel verschiedenster Konsumentengruppen: der Bildungshungrigen, der Hungrigen und der Modehungrigen.

Hier steht das Gymnasium Eppendorf. Es ist keine Gelehrtenschule wie das Johanneum, keine Gesamtschule wie die Ida-Ehre-Schule, die unweit – im Lehmweg – ein wohlausgestattetes Oberstufenhaus führt. Früher war das Hegegymnasium eine Oberrealschule für Jungen, aber im Zeichen von Koedukation und Kooperation ist daraus ein klassisches Gymnasium modernen Anstrichs geworden. Es wirkt bodenständig und bürgerlich, geordnet und gediegen. Die alte Garde gymnasialer Nonkonformisten dürfte hier in der Minderheit sein. Betritt man das Schulgebäude durch das schwere Eingangsportal, ist man in seinem Inneren von der Feuerzangenbowlen-Pracht ausladend geschwungener Treppenaufgänge beeindruckt.

Ein Anlaufpunkt ganz anderer Art ist das in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene “Petit Café”. Es ist eigentlich gar nicht so klein, aber der Name hat sich von seinem winzigen Vorgänger in der Eppendorfer Landstraße erhalten. Dieses Café weist zwei Besonderheiten auf, die es von der Vielzahl der Cafés der Umgebung unterscheiden. Es ist das zunächst wohl aus der Not geborene anheimelnde Sammelsurium, das an die unkonventionelle Vorläufigkeit der siebziger Jahre erinnert, und der nicht minder anrührende Duft nach frischgebackenem Kuchen, der das Café von der am hinteren Ende gelegenen Backstube durchweht. Diese simplen, frischen Hefeblechkuchen mit Obst und Streuseln – Schlagsahne nicht zu vergessen – haben ein altertümliches, fast wehmütiges Arom angesichts des üblichen Großbäckerei-Fertigkuchens. Ein türkischer Bäcker sorgt den lieben langen Tag für den Nachschub des begehrten Backwerks.

Cafés haben zusammen mit allerlei Kaffee-Creationen ein wahres Come-back erfahren. Die Kaffee-Manie gipfelte schließlich jenseits von entspannter Kaffeehaus-Atmosphäre in einem hektisch im Gehen eingenommenen Coffee-to-go. Manch moderner Kinderwagen ist bereits mit einer Halterung für den wohlverschlossenen, mundstückversehenen Pappbecher ausgestattet, damit man in der Zwischenzeit zum Handy greifen kann. Eine gewisse Unsicherheit schwingt mit, ob die Halterung nicht – als eine Babyflaschenhalterung gedacht – umfunktioniert wurde.

Cafés geben Frauen in den besten Jahren, den berufslosen mit Kinderwagen, den berufstätigen im Business-Outfit, eine Chance, standesgemäß einzukehren. Anderen bietet sich die Gelegenheit zu Blind-Date, Kaffeepause, Plausch, Small-Talk. Der entscheidende Fortschritt daran ist, dass sich Frauen nach den langen Kneipenjahren, wo sie sich beim Erscheinen ohne Begleitung seelisch aufrüsten mussten, hier ganz ungezwungen bewegen können. So wie in den fünfziger und sechziger Jahren, als das Café und die Konditorei eine Domäne der Damenkränzchen war.

Demgegenüber ist es dennoch ein Verlust, dass die Szenekneipen, das Gegenmodell zu den Eckkneipen, ausgestorben sind. Mitten in der Hegestraße befand sich das hochfrequentierte “Schröder”. Da standen noch nachts um zwei die Leute scherzend vom Eingang bis auf die Straße. Eine Kneipe mit angemessen dunklen Wänden, engen Winkeln, spärlich mit Kerzen beleuchtet. Es war verraucht, groovig, mit allerlei schrägen Vögeln, die einem immer wieder begegneten. Man trank Bier oder Edelzwicker und aß Crocque oder Salade Nicoise. Heute nimmt man ein Business-Lunch und trinkt Stilles Wasser in übersichtlich ausgeleuchteten Räumen.

Von den Antiquitätenläden, deren bunte Gemischtwaren früher den Gehweg säumten, finden sich heute noch einige edle Nachkommen mit feinen Möbeln, Dekorationsstücken und ausgesuchten Stoffen. “Das 7. Zimmer” zeugt vom besonderen Charakter alter Sachen. Gabriela ist unverkennbar Stylistin. Davon zeugt die Präsentation ihrer käuflichen Exponate, die sie in einer Mischung aus wohlkonservierter Morbidität und versehen mit Accessoires linnener Steifigkeit und duftiger Jahreszeitlichkeit in Szene setzt.

Typisch für die Hegestraße heute sind die Boutiquen für Kindersachen, Kleider, Schuhe, Handtaschen und Schmuck, die nicht, wie in den großen Straßen, Ableger der bombastischen Flaggschiffe aus der Innenstadt sind, sondern kleine, feine Läden mit individuellem, edlem, wenngleich nicht ganz billigem Sortiment.

Einen ganz unverkennbaren Stil vertritt seit jeher die “Silbermine”. [1] Hier wird Schmuck gemacht, der edel aussieht, ohne protzig zu wirken. Birgitta und Michael Rheinländer sind handwerklich versiert und zurückhaltend in ihrer Beratung, während man sich umschaut zwischen Vitrinen und Siamkatzen, deren Augen die Farbe der “Silbermine” widerspiegeln, das Blau des Ladens, – ja, sogar das des blaufenstrigen Hauses, das sie beherbergt.

Daneben findet sich auch ein gutsortierter, mit modischem Gespür geführter Second-hand-Laden, dessen einfühlsame Beratung die Kundin mit dem Gefühl versieht, ein besonderes Einzelstück zu erwerben.

Und das ist beileibe nicht alles.

Für die Ausgehungerten gibt es einen abwechslungsreichen Mittagstisch, saisongerecht und frisch gekocht gleich gegenüber bei “Umland”. Mittags hört man schon von weitem das friedliche Geplauder und Besteckgeklapper von den Stehtischen unter der Blauen Markise. [2]

Für die weniger Eiligen gibt es einen Supermarkt, darinnen eine Bäckerei mit zünftigem Stehcafé. Für die geistig Hungrigen die Buchhandlung “Heymann”. Und für die durstigen Autos eine der wenigen innerstädtischen Tankstellen mit Service und Minimarket.

Eine bauliche Attraktion hat die Hegestraße auch zu bieten: Es ist ein Neubau, der sich in seinem Äußeren ganz den Fassaden der Gründerzeithäuser angepasst hat. Dies ist sehr wohltuend nach all den Pseudo-Schiffsarchitekturern der späten neunziger Jahre.

Beide Enden der Hegestraße bilden Kinderspielplätze, denn gerade die breiten Trottoirs des heiteren, geschäftigen Teils sind das ideale Pflaster für Mütter, die kleine Kinder schieben.

Webhinweise:

[1] Silbermine Hamburg – Schmuck aus der Silbermine

[2] Umland – delikat essen und Party-Service
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https://web.archive.org/web/20140114041408/
http://www.blog.institut1.de/2008/hegestrase-hamburg-mit-ungebrochenem-charme/

Im Dickicht zusammengesetzter Verben

Gunhild Simon

Gunhild Simon

Viele Verben kommen nicht ohne Vorsilbe aus. Sei es, dass sie dadurch präziser, konkreter, spezieller oder gar metaphorisch werden. Unterscheiden kann man zwischen den echten Präfixen, also solchen, die allein kein eigentliches Wort ergeben (be-, er-, ge-, ver-, zer-, ent-), und jenen, die für sich genommen bereits eine selbständige Präposition sind (ab-, ein-, aus-, an-, auf-, zwischen-, mit-, vor-, nach-, entgegen-, voran-, voraus…).

Neue Qualität zeigt sich erst, wenn sie ihre infinite Form verlassen. Da nämlich scheiden sie sich buchstäblich. Die unechten Präfixe gilt es abzutrennen.

abtrennen – trennt ab

einkaufen – kauft ein

ausatmen- atmet aus

fortfahren – fährt fort

voranstellen – stellt voran

einklammern- klammert ein

Das hat syntaktische Folgen. Denn das Prädikat klammert mit seinen beiden Teilen sämtliche weiteren Aussagen ein:

Sie kommt am Hauptbahnhof um Mitternacht mit dem Schnellzug an.

Es gibt solche, die kommen scheinbar gleich daher. Erst durch ihre Betonung erhalten sie
unterschiedliche Bedeutung – und das drückt sich dann syntaktisch aus! Diese janusköpfigen können
mit über-, unter-,
durch-
, um-, wieder-, hinter- beginnen:

Es ist ein Unterschied, ob ich mit Problemen umgehen muss,
oder ob ich sie umgehen muss! Ob ich ein Stoppschild
überfahre oder überfahre.

Grundsätzlich gilt die Trennungsregel für zusammengesetzte Verben, sobald die jeweils vorangestellte
Partikel betont ist:

umgehen- umgehen

umstellen- umstellen

übergehen– übergehen

untergehen- unterlaufen

durchfahren-durchfahren

durchgehen- durchlaufen

untergraben- untergraben

überziehen- überziehen

übersetzen- übersetzen

Natürlich gibt es wieder die Ausnahme, die alle Regeln zunichte zu machen scheint:

bevorstehen – steht bevor – bevorgestanden

bevormunden – bevormundet – bevormundet

Lassen Sie sich nicht foppen!

Im ersten Fall ist die Präposition bevor im Einsatz. Im zweiten hat das Verb, das sich
von Vormund ableitet, ein echtes Präfix, nämlich be- erhalten. Mit diesem
Trick lassen sich nämlich ganz einfach transitive Verben konstruieren.
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https://web.archive.org/web/20081229162359/http://www.institut1.de/14.html

Deklination und Konjugation als grammatische Grundbegriffe

Was heißt das eigentlich: deklinieren und konjugieren? Wir nennen es leichthin übersetzt: beugen. Vielleicht haben auch Sie sich gefragt, was das zu bedeuten hat – gebeugt unter dem Joch? Man widmet sich dem Vorgang, ohne sich Rechenschaft abzugeben.

1. Deklination:
Ein Substantiv beugen, deklinieren, meint, es durch seine Fälle / Kasus führen. Der jeweilige Fall ist nicht zufällig, sondern unterliegt einem Regenten! Dieser kann ein Verb (Tuwort)
sein oder eine Präposition (Verhältniswort: eine Voransetzung, die eine Relation ausdrückt). Manchmal nehmen wir es überdeutlich wahr: Da verlangt ein Verb – oder eine Präposition – offensichtlich zwingend einen bestimmten Fall, sonst klingt alles falsch! Das nennt man regieren.

So regiert etwa helfen den Dativ (dare = geben), unterstützen dagegen den Akkusativ (accusare = anklagen), sich annehmen den Genitiv (genus = Herkunft), während das Subjekt, also die handelnde Person, im Nominativ (nomen = Name) steht. Nur das Verb sein als Vollverb kann den Nominativ regieren: so entsteht das Prädikatsnomen: z.B. er ist Lehrer. (jemandem helfen – jemanden unterstützen – sich jemandes annehmen – jemandem etwas geben – jemanden anklagen – jemandes bedürfen – jemand sein)

Und wie steht es um die Präpositionen? Z.B. verlangt entgegen den Dativ, für den Akkusativ, wegen den
Genitiv (entgegen seinen Leistungen, für seine Leistungen, wegen seiner Leistungen).

2. Konjugation
Ein Verb beugen, konjugieren, heißt durch die Personen – sodann durch Tempora / Zeiten, Modi / Aussagearten (Indikativ / Konjunktiv) und das Genus Verbi (Aktiv / Passiv)
führen. Mit der Personalendung erhält
das Verb seine finite (kontext-endgültige) Form.

Konjugiert geht ein Verb Verbindungen in verschiedenen syntaktischen Zusammenhängen ein:
personale, zeitliche, modale und Satzgefüge bewirkende.
Ein konjugiertes Verb kann für
sich stehen, mit einem Subjekt einen vollständigen
Satz ergeben: das ist ein Vollverb, z.B. arbeiten,
spielen….. Er arbeitet. Das Kind spielt.

Andere verlangen, um einen Sinn
herzustellen, unbedingt ein Objekt (- man versucht
es gelegentlich mit dem anschaulichen Begriff Mitspieler zu umschreiben
-):
Jemandem
vertrauen, jemandem sich / etwas
anvertrauen, auf jemanden vertrauen. Ich vertraue dir. Ich vertraue mich / etwas  dir

an
. Ich vertraue auf dich.

Und nun noch ein Bonbon für Sprachfüchse: trauen
Sich trauen oder jemandem trauen?
Sich trauen (das ist reflexiv also notwendigerweise mit Akkusativ). Es bedeutet den Mut haben,
z.B. etwas zu tun:
Ich traue mich … zu widersprechen, … in die Achterbahn, …
Sich / jemandem trauen (mit Dativ), ich traue mir oder jemandem, d. h.
Zutrauen zu sich / zu jemandem zu haben.

Trauen im Sinne von verheiraten – das
kann nur eine dafür bestimmte Person, etwa der Pastor oder der Standesbeamte.
Die Brautleute hingegen müssen schon das Passiv hinnehmen, wenn sie
sich trauen lassengetraut werden!


Vertrauen, Zutrauen und Zuversicht ist aber allemal im Spiel!


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Umlaute – eine typisch deutsche Marotte?

Umlaute sind Lautverschiebungen. Wir spüren der Regelhaftigkeit dieses Vorgangs nach. Umgelautet werden im Deutschen Substantive, Adjektive und Verben in ihren gebeugten, das heißt dem Satz angepassten Formen.

Einladung zu einem Exkurs: Werfen wir einen Blick auf unseren zukünftigen EU-Partner; auch das Türkische ist durch eine Vielzahl von Umlauten klanglich gekennzeichnet. Ein türkisches Wort enthält entweder dunkle oder helle Vokale. Dieses unverzichtbare Prinzip heißt Vokalharmonie. So kommt zustande, dass jedes konjugierte Verb sogleich mit der vokalisch passenden Personalendung und gegebenenfalls dem integrierten Fragepartikel zu versehen ist. Folgende Vokalgruppen bilden eine Harmonie: e, i, ö, ü und a, I – ein i, dem der I-Punkt zwingend fehlt, es wird gesprochen wie das e in Mangel, so verliert es seine Helligkeit – o, u.

Umlaute, das sind die Lautübertragungen von -a zu -ä, von -o zu -ö, von -u zu -ü und von -au zu -äu. Einer Regelhaftigkeit dieses Vorgangs nachzuspüren, wollen wir uns anschicken. Umgelautet werden im Deutschen Substantive (Namenwörter), Adjektive (Eigenschaftswörter), Verben (Tuwörter) in ihren gebeugten, das heißt dem Satz angepassten Formen. Diese drei Wortgruppen sind inhaltlicher Träger eines Satzes. Lautverschiebungen finden sich also bei inhaltlich tragenden Wortgruppen. Daraus ergeben sich erhebliche grammatische und orthographische Wirkungen. Daneben gibt es einige Wörter, die einen Umlaut enthalten, deren Herleitung sich nicht unmittelbar erschließt, zum Beispiel für oder über. Diese sind nicht Ergebnis einer Lautverschiebung, ihr Umlaut ist originär.

Bei Substantiven geht die Lautverschiebungen in aller Alltäglichkeit vonstatten, nämlich bei Diminuitiva (Verkleinerungen) Baum – Bäumchen, bei Pluralbildungen Baum – Bäume, bei Ableitungen Baum – sich aufbäumen. Das Tückische daran ist, dass es offenbar keine Regeln gibt, denen die Lautverschiebung hier gehorcht. Die Beispiele machen es deutlich.

Beispiele für Umlautung bei Personen
Vater – Väter – Väterchen/lein – väterlich

Mutter – Mütter – Mütterchen/lein – mütterlich – bemuttern – Muttchen – Muttern

Bruder – Brüder – Brüderchen/lein – brüderlich – verbrüdern

Onkel – Onkel – Onkelchen – onkelhaft

Tante -Tanten – Tantchen – tantenhaft – tantig

Bauer – Bauern – Bäuerlein – bauen – bäuerlich

Beispiele für Umlautung bei Tieren
Wolf – Wölfe – Wölfchen – Wölfin – wölfisch

Fuchs – Füchse – Füchslein – Füchsin – ausgefuchst – fuchsig

Maus – Mäuse – Mäuschen – Mäuslein – mausen

Hund – Hunde – Hündchen – Hündin – hündisch

Kinder bilden folgerichtig beim Erstspracherwerb Hund – Hünde. Es bedarf einer gewissen Überredungskunst, um Sprachrichtigkeit durchzusetzen. Technische Begriffe hingegen haben oft zur Abgrenzung eigene Pluralformen, die also ohne Umlaut gebildet werden, Bank – Banken, Bund – Bunde, Mutter – Muttern. Daran erkennt man, wie beliebig Umlaute funktionieren.
Obgleich es der Begriff Umlaut nahezulegen scheint: Es gibt auch Wörter, deren lautliche Herkunft im Dunkel bleibt: Säbel, Mönch (wohl „monasterium“), Glück, Tücke, Müller, Mühle, wühlen seien genannt.
Adjektive (Wiewörter) können umgelautet werden, wenn sie gesteigert werden:
hart – härter – am härtesten,
groß – größer – am größten
Aber es gibt kein verlässliches Muster:
zart – zarter – am zartesten
lose – loser – am losesten
hohl – hohler – am hohlsten
rund – runder -am rundesten
hoch – höher – am höchsten
gut -besser – am besten
Auch hier ist die Logik kindlichen Sprachlernens anzuführen. Sie bilden folgerichtig: hoch – höcher, gut – güter – am gütesten.
Die Adjektive beeinflussen wiederum Ableitungen.
hart: die Härte, verhärten, Verhärtung
zart: Zartheit, zärtlich, verzärteln
groß: Größe, vergrößern
lose: Lösung, lösen
hohl: Höhle, aushöhlen, Höhlung, Hohlheit
rund: Rundung – Runde – umrunden – rundlich (Hier gibt es keine Umlautungen.)
hoch: Höhe, erhöhen
gut: Güte, vergüten
Verben (Tuwörter) werden in ihren unregelmäßigen Erscheinungen umgelautet. Das kann im Präsens (Gegenwart) der Fall sein
laufen -> läuft
oder im Konjunktiv II
lief -> liefe
lesen – las -> läse
Der Konjunktiv II ist die Form, die abhängig von der unregelmäßigen Präteritum- (Imperfekt/Vergangenheit) Form umgelautet wird. Entscheidend ist also der Vokal des Präteritums. Also heißt es folgerichtig auch brauchte im Konjunktiv II.
Beispiele, die den Prozess a -> ä, o -> ö, u -> ü, au -> äu verdeutlichen
lügen – log -> löge

trügen – trog -> tröge

biegen – bog -> böge

sehe – sieht – sah -> sähe

lesen – liest – las -> läse

sprechen – sprach -> spräche

geben – gab -> gäbe

schelten – schilt – schalt -> schälte

kommen – kam -> käme

fliegen – flog -> flöge

saufen – säuft – soff -> söffe

schwimmen – schwamm/schwomm -> schwämme/schwömme

tun – tat -> täte

haben – hatte -> hätte

schaffen – schuf -> schüfe

Nicht der Laut des Infinitivs (Grundform) erzwingt die Lautverschiebung, sondern der des Präteritums.
rufen – ruft – rief -> riefe
mögen – mag – mochte -> möchte
Das letzte Beispiel zeigt: Der Infinitiv / Grundform heißt mögen. Möchten ist kein Verb! In dem Satz ich möchte ein Brot ist also bereits ein Konjunktiv als Ausdruck von Höflichkeit enthalten – wie etwa auch hier: Ich hätte gern ein Brot.
brauchen zählt nicht zu den unregelmäßigen Verben. Deshalb bedarf es keiner Lautverschiebung:
brauchen – brauchte – gebraucht, also auch brauchte im Konjunktiv II.

Wer bräuchte sagt, tut nicht nur zuviel des Guten, sondern liegt falsch. Wer sagte schon räuchte, säuste, schäute, verträute? Die Lautverschiebung im Konjunktiv II gehorcht also einem exakten Vokalmuster, vorgegeben durch das Präteritum.
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Zur Verwendung des Doppelkonsonanten „ss“ oder des „ß“ nach der Reform der Rechtschreibung

Der Grundgedanke der Rechtschreibreform in Bezug auf s/ss/ß ist, dass das Doppel-s genauso zu behandeln sei, wie jede andere Konsonanten-Verdoppelung nach einem kurzen (oder offenen) Vokal.

Als Beispiele seien angeführt: Sinn – sinnen, Sepp – Seppel, Lamm – Lämmer, schlaff – erschlaffen. Auf diesem Wege kam auch das Stoppschild zu seinem Doppel-p. Der Tipp durfte auch nicht leer ausgehen. Nur warum wurde das Set vergessen? Gibt es nicht längst das Verb setten?

Ob einem kurzen/offenen Vokal allerdings ein Doppelkonsonant folgt, erkennt man erst an der Verlängerung eines Wortes. So fallen etwa herum, an, zum, das oder weg nicht unter diese Regel, weil sie keine entsprechende Verlängerung aufweisen können.

Entscheidend ist demzufolge gleichermaßen, dass dem kurzen Vokal nur ein Konsonant folgt. So werden etwa Vokale, denen zwei Konsonanten aufeinanderfolgen, in der Regel automatisch kurz gesprochen: bald, rund, schuld, folgt oder Abt. Jedoch kann das R auch eine Dehnungsfunktion ausüben, so nach a und e. Z.B.: karg, darben, Pferd; jedoch nicht nach i, o, u: z.B. Wirt, Furt, Mord.

Umgekehrt werden Vokale lang gesprochen, sobald dem nachfolgenden Konsonanten wiederum ein Vokal folgt: schade, schlafen, Bote, Ufer. Folgt man nun diesem Grundgedanken, wird klar: es muss Fass – Fässer heißen, jedoch fast; also auch Kuss – Küsse.

Wird allerdings ein Vokal vor einem scharfen s (es heißt stimmloses s, weil die Stimme unbeteiligt bleibt) lang/geschlossen gesprochen, und diese Aussprache auch in der Verlängerung erhalten bleibt – wie etwa bei Gruß – Grüße, so schreibt man ß bereits im Wortausgang (das ist ja das schwierigste!). Den Unterschied hört man also bei Guss – Güsse, Gruß – Grüße, Mus – Muse, müßig – Muße, Muse – Musen, müssen – muss und allemal Museum.

Diphthonge, also Doppelvokale, sind per se nur lang zu sprechen, sie müssen also, sobald auch in der Verlängerung der scharfgesprochene Charakter des s-Lauts deutlich wird, ein ß nach sich ziehen: Geiß – Geißen, Greis – Greise, er verließ – verließe er, Verlies – Verliese, Schmaus – schmausen, jedoch aus – außen, außer. Eigentlich müsste es auß heißen oder vielleicht auser Haus? Aber wer will schon Sprache reglementieren?
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das oder dass? Eine grammatische Betrachtung zum besseren und differenzierten Verständnis der Rechtschreibung

Die Rechtschreibreform hat nicht in die grammatische Besonderheit der Unterscheidung zwischen das und dass eingegriffen. Die reformierte Schreibung von dass hat lediglich lautliche Gründe, denn in allen Fällen, wo auf einen kurzen Vokal[1] folgend das Silbenende mit einem scharfen s, welches ß geschrieben wurde, ausgelautet war, ist jetzt ss zu schreiben.

Diese Neuregelung ist aus der Einsicht erwachsen, ein Wort, das auch in seiner Verlängerung ein Doppel-s enthält, werde auf diese Weise verständlicher und folglich schreibfreundlicher. So erschien es nur logisch, konsequent und ästhetisch, bei der Schreibung von dass analog zu verfahren.

Denn der Vorteil der Reform liegt hier eindeutig fest: Folgt ein ß, wird der vorausgehende Vokal lang gesprochen. Der Umkehrschluss war also: Geht ein kurzer Vokal voraus – wie im vorliegenden Fall, so folgt ein Doppel-s. Diese lautliche Regel war also maßgeblich für die veränderte Orthographie.

Auch versierte Schreiber zeigen Unsicherheiten im Umgang mit der Differenzierung von das und dass. Es liegt daran, dass diese Wörter neben einer orthographischen eine grammatische Bedeutung haben. Genau genommen handelt es sich um fünf verschiedene grammatische Bedeutungen, die es zu unterscheiden gilt, um es richtig zu verwenden und zu schreiben. Es stellt sich die Frage: Liegt ein bestimmter Artikel[2], ein Demonstrativpronomen[3], ein Relativpronomen[4], eine Junktion[5] oder die Einleitung eines Wunschsatzes vor?

1. das als bestimmter Artikel
Im Deutschen geht dem Substantiv in der Regel ein Artikelwort voraus. Als Artikel tritt das sowohl im Neutrum[6] Nominativ[7] Singular[8] (wer oder was?) als auch im Akkusativ[9] Singular (wen oder was?) auf.
Beispiele
das Mädchen, das Kind, das Boot

Beispiele im vollständigen Satz
Das Mädchen liebt den Jüngling. (Nominativ)

Der Jüngling liebt das Mädchen. (Akkusativ)

2. das als Demonstrativpronomen
Demonstrativpronomen weisen auf etwas hin, sei es ein Gegenstand, eine Person, also ein Substantiv oder ein Umstand, dessen Kontext bereits bekannt ist. Als Demonstrativpronomen antwortet das auf die Frage Welches / Was? Es kann das, dies, dieses oder jenes lauten.
Beispiele
Welches Kleid meinst du?

Ich meine das (da).

Meintest du den Zusammenhang zwischen … und …?

(Genau) das meinte ich.

3. das als Relativpronomen
Relativpronomen beziehen sich auf einen Begriff oder einen Umstand, der eingehender beschrieben werden soll. Dies geschieht durch einen Nebensatz[12], der sich verständlicherweise direkt an den betreffenden Gegenstand anschließt. Relativpronomen im Neutrum – nur davon ist hier die Rede – lauten das oder welches. Beide sind im Nominativ und Akkusativ im Deutschen identisch. (Das gleichwertige Relativpronomen welches wendet man seltener an, denn es klingt bisweilen schwerfällig.)
Beispiele
Das Mädchen, das dem Wolf in den Wald hinein folgte, war das Rotkäppchen. (Nominativ)

Das Mädchen, das vom Wolf auf Abwege geführt wurde, war das Rotkäppchen. (Akkusativ)

4. dass als Junktion
Um diese grammatischen Vorschriften übersichtlicher zu machen und um den Gegenstand, auf den sich dass in dieser Funktion bezieht, als einen komplexen Zusammenhang zu kennzeichnen, wurde es orthographisch besonders gekennzeichnet. dass leitet einen Nebensatzein. Dies kann verschiedene Bereiche betreffen. Man erkennt es daran, dass mit ihm Verben[13] der sinnlichen Wahrnehmung, des Wollens und Denkens einhergehen.
Beispiele
Ich sehe, dass du kommst.

Ich möchte, dass du mich besuchst.

Ich fürchte, dass du mich verlässt.

Dass du bleibst, freut mich.

Man erkennt es auch daran, dass Verben des Redens, Denkens und der sinnlichen Wahrnehmung die indirekte[14] Aussagen einleiten.
Beispiele
Ich sagte, dass ich gehen müsse.

Er dachte, dass sie käme.

5. dass als Einleitung eines Wunschsatzes
Eine seltene Verwendung findet dass in Sätzen, die einem Wunsch Ausdruck verleihen, im Sinne von Wenn doch…! Beispiel: Dass mir doch die Kräfte verliehen wären! Diese Sätze enthalten einen gedachten Hauptsatz, der nicht explizit ist: Ich wünschte, hoffte usw., … Und jetzt noch die Faustregel, die man im vierten Grundschuljahr erlernt: Kann das weder durch dieses, jenes oder welches ersetzt werden, schreibt man dass.
[1] Vokal = Selbstlaut (a,e,i,o,u) Diphthong= Zwielaut (au, äu, eu, ei) Gegensatz: Konsonant = Mitlaut (z. B. b, d, f)

[2] bestimmter Artikel = Geschlechtswort (der, die das), unbestimmter A. = unbestimmtes G. (ein, eine, ein)

[3] Demonstrativpronomen = Hinweisendes Fürwort (z. B. dieser, jener, derjenige)

[4] Relativpronomen= Verhältniswort (z. B der…, der …)

[5] Junktion bedeutet Verbindung, genauer gesagt: eine grammatische Verbindung zweier Teile eines Satzgefüges. Um Bindewörter, die Haupt- Nebensätze und solche, die Hauptsätze in einen Zusammenhang bringen, fügen, also zu einem Satzgefüge machen, unterscheidet man heute feinsinniger. Das Bindewort zwischen Haupt- und Nebensatz lautet „Subjunktion“, um die ungeordnete Beziehung des Nebensatzes zum Hauptsatz auszudrücken, Entsprechend lautet der Fachbegriff für einander gleichgeordnete Hauptsätze „Konjunktion“.

[6] Neutrum, abk. n. sächlichen Geschlechts. (Maskulinum, m. = männlich, Femininum, f. = weiblich)

[7] Nominativ = 1. Fall, Werfall, Wer?

[8] Singular = Einzahl. Plural = Mehrzahl

[9] Akkusativ = 4. Fall, Wenfall, Wen?

[12] Nebensatz = Teil eines Satzgefüges, das ohne Bindung an den Hauptsatz unvollständig ist. (z.B. ich gehe, weil ich müde bin.)

[13] Verb = Tuwort (z.B. gehen), verbum (lat.) = Wort

[14] Indirekte (Rede) = nicht wörtliche sondern durch einen Nebensatz kenntlich gemachte referierte Rede. ( z. B.: Er sagte: „ich gehe.“–> Er sagte, dass er gehe.)
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Sprachsplitter

Von Muße und Musen, von Musen und über Muse
Wer hat uns denn da geküsst?
Muße und Muse – die beiden vermeintlichen Sprachschwestern – nicht einmal blutsverwandt, werden sie doch gern miteinander verwechselt. Doch die Muße kann auch gedankenverloren auf dem Sofa verbracht werden: Gefügt zu Wörtern wie müßige Hände, Müßiggänger oder Müßiggang ist sie uns vertraut.

Das Mus dagegen – wer kennt nicht Apfelmus? – begegnet uns noch in Gemüse. »Knackfrisches Gemüse« war offenbar nicht zu allen Zeiten beliebt, sodass man es wohl als Mus bereitete. Hat man davon mehrere zur Auswahl, erscheint der Plural als Apfel-, Kartoffel-, Zwetschgen- oder Pflaumenmuse.

Die Mousse au chocalat dagegen erinnert nur bei oberflächlicher Betrachtung an ein Mus. Mousse bedeutet Schaum, also sollte sie auch schaumig-leicht gelingen. Verwechslungsgefahr besteht bei den Substanzen: das Kartoffelmus und die Kartoffelmousse.

Dagegen ist es die Aufgabe der Muse, zusammen mit ihren Schwestern, den Musen als geflügelten Töchtern des Zeus, uns musisch – also künstlerisch – zu inspirieren. So erschließt sich das Bild von der Muse, die uns geküsst hat.

Die Musen sind ursprünglich zu dritt. Sie stehen für intellektuelle und musische Kräfte wie Übung, Praxis, Nachdenken, Gedächtnis und Lied. Die klassische Neunzahl erscheint erst später. Die Musen sind also die Symbole der schönen Künste, die bekannteste ist wohl Thalia, die für Frohsinn und Fülle steht und das Theater begleitet.

Der schöne Schein
anscheinend und scheinbar
Jeder Sprachbewusste kennt den Unterschied: anscheinend hat die Bedeutung des Möglichen, Glaubwürdigen, scheinbar hingegen die des Unmöglichen, Trügerischen. Dabei haben beide den Gehalt von Anschein und Schein.

Beiden wohnt also zunächst gar kein verschiedenartiger Kern inne. Aber man ließ den heutigen Unterschied in der Bedeutung entstehen, um damit feine Nuancen auszudrücken zu können.

Ein anderes Phänomen ist der verschiedene grammatikalische Gehalt beider Wörter. Denn allein scheinbar lässt sich auch als Adjektiv gebrauchen, lässt sich also beugen:
»Der Grund für seine Verspätung ist scheinbar ein Stau.«
»Der scheinbare Grund für seine Verspätung ist ein Stau.«

Dagegen bleibt anscheinend ein unveränderliches Adverb:
»Der Grund für die Verspätung ist anscheinend ein Stau.«
Denn:
»Der ›anscheinende‹ Grund der Verspätung ist ein Stau.« ist ungrammatisch, da sich der Anschein auf die Gesamtaussage bezieht.

Also ist anscheinend wohl nur ein scheinbares Partizip und folglich kein Adjektiv sondern einzig und allein ein Adverb.

Präfixderivation
Verneinende Vorsilben
Eine Vorsilbe dient dazu, die Verwendung des Basisverbs umzustrukturieren. Das Präfix ver- kann beispielsweise nahelegen, ein Geschehen als missglückt, abweichend, sinnlos oder verkehrt zu verstehen oder kennzeichnen, ähnlich wie auch die Präfixe miss-, zer- und ent- eine verneinende Konnotation haben. In diesem Sinne lässt sich folglich eine solche Verwendung rechtfertigen – verstärkend, also bewusst wortbildend.

Im Fall – komplizieren – erscheint es allerdings eher überflüssig „verkomplizieren“ zu verwenden. Überdies nehmen sich deutsche Vorsilben unpassend an Fremdwörtern aus, zumal diese mit bereits eigenen versehen oder zu versehen sind: kom-/kon-, dis-, in-/im-/il-, ex-/e- etc.

Wortbildung
Weibliche Pendants
Sehr beliebt ist gerade in der Sprache der Politiker, die weibliche Klientel besonders anzusprechen. Das findet seinen Ausdruck in der Bildung abstruser weiblicher Parallelbildungen durch das nachgestellte -In/-Innen: SoldatInnen, SchülerInnen, BürgerInnen, aber auch GästInnen, MitgliederInnen etc.

Es gibt in der Tat eine Anzahl von Substantiven, deren Ableitungen ein weibliches Pendant adäquat auszudrücken vermögen. Dies betrifft häufig Tiernamen. Auch mit fremdsprachlichen Bezeichnungen wird oft so verfahren. Jedoch die überwiegende Zahl der männlichen Begriffe, die sich dafür anbieten, enden auf -er. Sie sind häufig von einem Verb abgeleitet. In der Regel stellt man es nach Bedarf durch Anfügen der Endsilbe -in her. Z. B. Hund – Hündin, Student – Studentin, Direktor – Direktorin, Lehrer – Lehrerin, Fahrer – Fahrerin, Gewerkschafter – Gewerkschafterin, Schüler -Schülerin, Meister – Meisterin, Freund – Freundin, Feind – Feindin, Kunde – Kundin, Greis – Greisin, Enkel – Enkelin, Zwerg – Zwergin, Riese -Riesin, usw.

Genauso gibt es jedoch solche, die sich diesem Prozess sperren: Fisch (Wal, Delphin usw.), Krokodil, Vogel, Tier, Mensch, Ungeheuer, Geist, Satan, Gnom, Gast, Mitglied, Kind, Ohm (und andere geschlechtsspezifische Bezeichnungen wie Vater, Sohn, Neffe, Onkel, Hengst, Stier, Hahn etc.).

Alter, Verwandter, Bekannter, Geliebter, Zivildienstleistender, Auszubildender sind dagegen Substantivierungen von Adjektiven oder infiniten Verbformen – Partizip Perfekt, Partizip Präsens, Gerundiv, die adjektivisch verwendbar sind. Deshalb entstehen hier Adjektiven entlehnte Formen: die Alte, die Verwandte, die Bekannte, die Geliebte, die Auszubildende.

Der Beamte ist die Verkürzung eines substantivierten Adjektivs. Das lässt sich erkennen an den verschieden definierten Formen bestimmte oder unbestimmte Artikel betreffend: der Beamte – ein Beamter, die Beamten – Beamte, entsprechend der Verwandte – ein Verwandter, die Verwandten – Verwandte. Genaugenommen müsste es eigentlich „Beamteter“ heißen. Nur aus dieser Ausnahme lässt sich die weibliche Form erklären, die nicht „die Beamte“ lautet, sondern „die Beamtin“.

Komposita
aus Substantiv und Partizip
Die deutsche Sprache ist in ihrer Wortbildung sehr produktiv. So lassen sich aus Substantiven und Partizipien geeigneter Verben mühelos Komposita, also zusammengesetzte Wörter, bilden. Daraus ergeben sich vielfältige Auswirkungen auf die Rechtschreibung – letztlich, aufgrund ihres grammatischen Hintergrunds, auch auf den Stil.

So kann der Begriff Sehnsucht erregend, sehnsuchterregend sowohl getrennt als auch zusammengehörig verstanden und geschrieben werden.

Doch ein Attribut, also eine nähere Bestimmung, konfrontiert den Schreiber mit spezifischen Vorschriften der Groß- und Kleinschreibung.

Untersucht man die solchermaßen näher bestimmten Formulierungen die sehr sehnsuchterregend Geliebte vs. die große Sehnsucht erregende Geliebte, so wird die Unschärfe der Erstgenannten offenkundig. Während sehr ein Adverb ist – es bezieht sich als solches in der Regel auf ein Verb oder ein adjektivisches Attribut, also sehr erregend oder sehr schöne Geliebte – ist groß ein Adjektiv, denn es steht als Attribut von „Sehnsucht“, also „große Sehnsucht“.

Die weitere Betrachtung zeigt, dass der Artikel die sich nicht auf das Attribut Sehnsucht erregend/sehnsuchterregend sondern auf das (Präpositional-) Objekt Geliebte bezieht. Hieße es nämlich stattdessen An die meine Sehnsucht erregende Geliebte, wäre es unwiderruflich ein Fall der Getrenntschreibung.

Daher halte ich sehr sehnsuchterregend für ein grammatisches Konstrukt – also stilistisch vernachlässigbar – denn das Adverb müsste sich ja auf den Verbteil – erregend – beziehen, während die Betonung dem Sinn nach auf dem substantivischen Teil – Sehnsucht – liegt.

Zwar entstammt die Formulierung „meine Sehnsucht erregende Geliebte“ einem Thomas-Mann-Zitat. Jedoch weiß der Kenner, dass der Meister Derartiges in ironischer Absicht seinen Protagonisten in den Mund legte, es also eine Metaebene betrifft. Ich bevorzuge unter stilistischen Gesichtspunkten eine Auflösung durch einen Nebensatz: „An meine Geliebte, die mich mit großer Sehnsucht erfüllt“.

Nebensätze
und die Kommaregel
Ein Satz besteht aus Subjekt und Prädikat. Dieses Kriterium gilt auch für einen Nebensatz. Nebensätze sind abhängig, was sich formal an der einleitenden Subjunktion ablesen lässt, isoliert betrachtet an ihrer inhaltlichen Unvollständigkeit.

„als“ ist je nach Zusammenhang Partikel (Teilchen) oder Subjunktion (Bindewort). Dies ist ein funktionales Merkmal bezogen auf den folgenden Satzteil. Inhaltlich kann es sich sowohl um einen Vergleich zweier Tatbestände – größer als – als auch um eine zeitliche Markierung – zu der Zeit, als – handeln.

„Sie sah gesünder aus, als sie sich fühlte.“
Vergleichende Subjunktion

„Sie sah gesünder aus als angenommen.“
Vergleichspartikel

„Sie sah gesünder aus, als sie aus dem Urlaub kam.“
Temporäre Subjunktion
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