Archiv nach Monaten: Dezember 2020

Entwicklungen und Verwicklungen im Zweitspracherwerb

Vater mit Kind und dem Bild der Mutter

Vater mit Kind und dem Bild der Mutter
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Vater, Mutter und Kind sind Bezeichnungen, die Einordnung und Rang in der Familie kennzeichnen. Das Prinzip familiärer Organisation beruht auf emotionaler Zugewandtheit und verlässlicher Präsenz, auf Arbeitsteilung und Verantwortung füreinander. Die gesellschaftliche Umgebung, in der ein Kind aufwächst und sich entfaltet, umgeben von einer Großfamilie, bestehend aus Großeltern, Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen, hat sich grundlegend verändert; die gesellschaftliche Rolle der Familie ist neu definiert. Die Kleinfamilie hat sich den Erfordernissen der modernen Gesellschaft angepasst.

Inzwischen liegen Erziehung und Bildung zunehmend in außerfamiliären Händen. Doch das wird nicht nur als Fortschritt empfunden. Die Befürchtung vieler Eltern, das Heranwachsen ihres Kindes kaum noch verfolgen und gestalten zu können, sich dem Kind zu entfremden, das kann sich unüberschaubar verstärken, wenn kulturelle Hürden gepaart mit Sprachbarrieren die Transparenz pädagogischer Intentionen behindern.

Dem zunehmend solitär lebenden Menschen der postmodernen Industriegesellschaft sind viele soziale Fähigkeiten abhanden gekommen. Dieser Prozess der Vereinzelung, mit dem ein verantwortungsbereites Sozialgefüge kaum mehr verbunden ist, traf besonders außereuropäische Arbeitsmigranten in ihren Grundfesten, weil sie, abrupt aus bäuerlich organisierten Familienverbänden gerissen, auf eine fremde, ganz anders strukturierte Gesellschaft trafen. Dieser Verlust eines familiären Zusammenhalts traf sie deshalb so spürbar, weil die religiös begründeten, patriarchalischen Gesetze in Frage gestellt wurden, die ihre Werte und ihren Glauben begründeten. Das Mutterland war fern und der Fernsprecher teuer.

Die Verwerfungen, die der Anpassungsdruck und die Abgeschiedenheit von der Heimat mit sich brachten, bewirkten einen Realitätsverlust, der sie daran hinderte, die dortigen wie hiesigen gesellschaftlichen Entwicklungen nachzuvollziehen. Diese gebrochene Sicht betraf auch die nachgeholte Familie. Sie ließ elterliches Traditionsbewusstsein und kindliche Neugier aufeinanderprallen, ein Konflikt, der unbeherrschbar wurde, wenn sich Sprachebene und Wortschatz der Generationen einander entfremdeten. Dieser Riss ging bis in die Community selbst, die sich als Bewahrer heimatlicher Werte verstand. Der wechselvolle Einfluss auf die Väter und die heranwachsenden Söhne vollzog sich auch in Freizeiteinrichtungen wie Kulturvereinen, die in vertrauter Atmosphäre ihren Besuchern Zerstreuung, Unterhaltung und Meinungsaustausch bei Treffen und Versammlungen in der Muttersprache boten. Kulturvereine betrachten sich als Vermittler zwischen kulturellen Gegensätzen zu dem Gastland Deutschland. Sie wollen auch für Kinder, Jugendliche und Frauen unterhaltsame, sowohl erneuernde als auch traditionelle Angebote wie Volkstanz und Sprachkurse anbieten.

Namen sind grundlegend für sprachliche Kommunikation in menschlichen Beziehungen. Sie sind das Abbild einer Gruppenstruktur wie der der Familie. Ein Grundbedürfnis nach sprachlicher Kommunikation ist die Anrede, also der Name der Bezugspersonen. Im Namen bildet sich der soziale Bezug ab, die Verwandtschaftsbeziehung, die den sozialen Rang widerspiegelt. So ist in orientalisch geprägten Kulturen das Ansehen und die Autorität männlicher Familienmitglieder umso höher, je älter sie sind. Das älteste unter den Geschwistern wird nicht mit Namen, sondern wie Vater, Onkel, Großvater, die eine natürliche Autorität haben, mit seinem familiären Titel genannt. Diese Struktur ist noch lebendig in der traditionellen türkischen Familie, wo die ältesten Geschwister „Großer Bruder, abi“ oder „Große Schwester, abla“ genannt werden. Diese ehrerbietige Anrede kennzeichnet den Status in der Familienhierarchie.

Noch in den 70er Jahren kam die Mutter eines türkischen Kindes zu einer schulischen Veranstaltung nicht ohne die Begleitung eines möglichst höherrangigen männlichen Mitglieds der Familie. Dieser Vertreter war der Ansprechpartner, der der Mutter alle sprachlichen Inhalte vermittelte, und er war gleichzeitig ihre Stimme. Eine Frau, der man männliche Begleitung zu versagen schien, schadete dem Ruf der Familie. Umgekehrt fühlten sich Frauen in männlicher Begleitung sicherer, bewacht und beschützt, wenn sie in offiziellen Angelegenheiten außerhalb des Hauses zu tun hatten. Der Begleitschutz war gleichzeitig eine Form von Wertschätzung nach den Maßstäben der frühen türkischen Subgesellschaft in Deutschland.

Inzwischen haben sich die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert, in der Türkei selbst und in der türkischen Community, die sich teilweise schneller – freudiger und erleichtert – teilweise aber auch langsamer und schwerfälliger anpasst. Rückkehrer haben es so – oder so – schwer, weil Zweisprachigkeit nicht unbedingt auf der sprachlichen Höhe der Zeit zu sein bedeutet und weil man in beiden Heimatländern keinen eindeutigen, soliden Status hat.

Kommunikation und Grammatik

Heinrich Ehring - Kommunikation

Heinrich Ehring – Kommunikation
photo: Andreas-Michael Velten, artwork: Heinrich Ehring
Lizenz: Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-SA 4.0)

Im Indogermanischen, dem etymologischen Urgrund der meisten europäischen Sprachen, bedeutet die Zahl drei tri. Das ist nur ein Beispiel für das Grundmuster, das diese Verwandtschaft durchzieht. Dabei stößt man auf ähnliche Anfangskonsonanten, t oder d, gefolgt von einem allen gemeinsanmen r und einem nachfolgenden Vokal, der zwischen ia, i, e, ei und oa changiert. Das wird dann jeweils zu tri, tria, tres, tre, trois, drei, three.

Das Bestimmen von Mengen wie 1, 2 oder 3 sowie die Bezeichnung des engsten Beziehungskreises wie ich und du, Vater und Mutter, Kind und Baby, Bruder und Schwester, Freund und Feind waren die ersten Begriffe, die versprachlicht wurden. Auch Vieh und Haustiere, Lebenswichtiges wie Feuer, Wasser und Salz, Geräte von Pflug bis Topf, Waffen von Messer bis Lanze oder gefährliche Tiere von Bär bis Löwe – all das sollte einen Namen haben, um es der Verständigung zu erschließen.

Der Auftrag eines Wortes ist, die spezifische Information, die seine grammatisch festglegte Form birgt, so weiterzugeben, dass der Empfänger der Nachricht zweifelsfrei unterrichtet wird. Grammatik hat also zum Ziel, eine Ansammlung von Wörtern sinnvoll miteinander zu verknüpfen, indem sie durch Endungen abgewandelt und sprachgerecht positioniert werden. Andernfalls hätte man es mit einem Konglomerat von Wörtern zu tun, denen man keine Information entnehmen könnte.

Die Entwicklung von Sprache erlaubte einer Gruppe von Jägern, körperlich überlegenen Tieren nachzustellen, weil sie ihr arbeitsteiliges Vorgehen sprachlich umsetzen konnten. Sie erlaubte Sammlern, sich über Wege, Gefahren und Fundorte zu verständigen. In Phasen des Sesshaftwerdens erlaubte sie den anderen, die Haus, Garten und Feld bestellten, sich nach Kräften und Erfahrung zu organsieren.

Sprache ist also ein Instrument der Kommunikation. Je höher entwickelt eine soziale Art ist, desto vielfältiger ist ihr sprachlicher Ausdruck, desto stärker wird das Bedürfnis nach einer zuordnenden Grammatik. Triebfeder sprachlicher Kommunikation war, dass Individuen einen überlebensnotwendigen Zusammenhalt suchten und eine differenzierte lautliche Verständigung für gemeinamsame Projekte unabdingbar wurde. Am Ende bedurfte das anfängliche Gemenge inhaltlich tragender Worte und Begriffe einer Struktur, um Beziehungen zwischen Personen, Zeiten, Orten und Verhältnissen zu beschreiben. Zunehmend komplexe Inhalte machten eine ordnende Satzstruktur notwendig und führten zu einer Differenzierungen in Satzbau und Bezehungen im Satz.

Das ist Gegenstand von Syntax und Morphologie.

Syntax , aus altgriechisch σύνταξις syntaxis, setzt sich zusammen aus σύν syn‚ zusammen, und τάξις taxis‚ Ordnung. Die Grammatik versteht darunter die Satzordnung, die Personen, Tätigkiten und Objekte, zueinander in Beziehung setzt. Syntax bedeutet also Satzstruktur, Satzbau..

Ihr gegenüber steht die Morphologie, aus griech μορφολογία. Darin erkennt man μορφή morphé, Form und λόγος, lógos, Wort. Aufgabe der Morphologie ist es, durch Einsatz von Endsilben, Ab- und Umlautungen, die Tempus- und Modus-Beziehungen zwischen den handelnden Personen zu untersuchen. Morphologie bezeichnet also die Veränderung infniter, unbeendeter, Formen. Sie beschreibt Wortveränderungen, die Bezüge verdeutlichen wie Personalendungen von Verben, Kasusendungen von Substantiven, Adjektiven und Partzipien.

Syntax und Morphologie sind also eng miteinander verknüpft. Sie verzahnen grammatische Personen, Zeiten und Handlungen. Sie machen eine Aussage über den Modus, ob sich das Geschehen in der Relität, dem Indikativ, oder im Konjunktiv, dem wiedergebenden oder irrealen Zusammenhang, abspielt und ob es sich um Wunsch oder Wirklichkeit handelt. Zum anderen gibt das Genus verbi, Auskunft darüber, ob das Geschehen aktiv herbeigeführt, im Aktiv steht, oder sich passivisch ereignet, im Passiv, abspielt. Im Imperativ schließlich wird eine Person zum Objekt eines Aufrufs. All das zeigt sich in der Morphologie, die den syntaktischen Strukturen innewohnt.

Syntax und Morphologie sind es, die aus Wörtern einen Satz machen, dem eine Information zu entnehmen ist. Weil sie sinngebend sind, bewirken sie sinnerfassendes Hören und Lesen. Verstehen ergibt sich erst aus einem ordnenden Zusammenhang und aus einer zusammenhängenden Ordnung.