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Kopulapartikeln

Unter Kopulaverben versteht man Verben, die für sich genommen keine, oder allenfalls eine schwache, verbale Aussage haben und daher, um eine Aussage zu transportieren, mit einem Prädikativ verbunden werden.

Die typischen Kopulaverben sind sein, werden, bleiben, machen und andere, die in einer synonymen Aussage deren sinngemäßen Charakter annähernd annehmen können. Dazu zählen sich zeigen, erscheinen, wirken, zurücklassen, zurückbleiben, sich erleben, sich erfahren, sich befinden, ebenso kann man dazu zählen die Verben der sinnlichen Wahrnehmung wie fühlen, hören, sehen, etw. finden, empfinden.
In engem grammatischen Zusammenhang mit Kopulaverben stehen Kopulapartikeln.
Partikeln, deren Singular die Partikel, aus lateinisch particula, f, das Teilchen, lautet und daher auch mancherorts im Plural Partikulas heißt, sind unveränderbare Wörter wie Adverbien, Artikel und Präpositionen.

Kopulapartikeln sind also unveränderliche Wörter, die als adjektivische Ergänzungen, nicht aber attributiv , bei einem Substantiv stehen können. Ebenso verweigern sie sich einer Steigerung. Sie werden prädikativ gebraucht.

Ein Prädikativ ist ein Adjektiv, das in dieser Funktion endungslos ist, während ein Adjektiv üblicherweise gekennzeichnet ist als attributiv und komparabel, also flektierbar.

Beispiele:

Der Baum ist grün. vs. der grüne Baum
Du machst mich glücklich. vs. glücklichere Fügung
Er bleibt unzufrieden. vs. ein unzufriedener Gast
Das erscheint vernünftig. vs.die vernünftigste Lösung
Du lässt mich traurig zurück. vs. ein traurigeres Lied

Neben Adjektiven können zu den Kopulaverben adjektivähnliche, aus Substantiven abgeleitete, unflektierbare Partikeln treten. Von diesen gibt es nur wenige und von Sprachbewussten heftig verteidigte. [1]

Die eine Gruppe der hervorstechendsten Kopulapartkeln sind leid [2], gram, angst, schuld, die Konversionen, Umbildungen von Substantiven zu Adjektiven, sind. Sie haben ihre Eigenständigkeit als Substantive verloren und werden als verblasst empfunden. In Verbindung mit anderen Verben, schließlich auch mit einem Attribut versehen, sind sie wörtlich zu verstehen.

Die andere Gruppe von Kopulapartikeln haben substantivische Gegenstücke, deren verblasste Abbilder sie sind: leid (bitter leid), schuld, feind (spinnefeind), freund (gut freund), angst (und) bange, not, recht, ernst, schade (jammerschade), tabu, willens, bankrott und pleite. [2] Es sind die gleichlautenden Substantive Leid, Schuld, Feind, Freund. Angst, Bange, Not, Recht, Ernst, Schade(n), Tabu, Willen, Bankrott, Pleite, aus denen sie sich bedeutungsmäßig erschließen.

Auch zwischen diesen sind Unterschiede auszumachen. So sind recht, bange, ernst neben ihrer substantivischen Form auch veränderlich – attributiv oder steigerbar – als Adjektiv, üblich, währenddessen gram, leid, schuld, freund und feind zumindest als Adjektive verblasst sind. Das Adverb leider ist seiner Form nach eine verblasste Form eines Komparativs.

Im Gegensatz zu ihren substantivischen Gegenstücken lassen sie sich leicht mit Abönungspartikeln wie gar, ganz, sehr, fast, schon, bald beinah, nahezu, etwas, wohl, nur, bloß, genauso verbinden. [3] Darin unterscheiden sie sich vornehmlich als verblasste Form von ihren substantivischen Ursprüngen.

Beispiele:

Es tut mir sehr leid. Du tust mir großes (nicht: sehr) Leid an.
Mir wurde ganz/sehr angst. Ich habe große (nicht: ganz/sehr) Angst.
Du hast ganz/ sehr/ fast/genauso/völlig recht. Du hast mit vollem (nicht: ganz/sehr/fast/genauso/völlig) Recht gehandelt.
Wir sind uns etwas feind. Er ist mein heimlicher (nicht: etwas) Feind.

Das Substantiv Gram bedeutet Kummer. Es wird selten und selektiv, teils hochsprachlich, teils ironisierend gebraucht und ist veraltend. Es kommt weiter vor als Kompositum gramgebeugt, gramgezeichnet oder vergleichbaren präpositionalen Fügungen von Gram gebeugt, – gezeichnet.
Pleite ist ein umgangssprachlicher Ausdruck aus der Gaunersprache für Zahlungsunfähigkeit.

Beispiele:

Die Trennung brachte ihm großes Leid.
Sie war von tiefem Gram gezeichnet.
Das macht mir große Angst.
Sie trägt keine Schuld am Versagen.
Die Pleite war absehbar.
Er ist mein bester Freund.
Er bleibt mein liebster Feind.
Wir leiden Not.
Hab keine Bange!
Es soll nicht zu deinem Schaden sein.
(Das) Recht muss Recht bleiben.
Das Tabu muss gebrochen werden.
Alle Menschen guten Willens …

Anwendungsbeispiele für die entsprechenden Kopulapartikeln:

Es tut mir leid. Das ist mir leid. Es wird dir bitter leid werden.
Du bist nicht schuld. Ich habe daran schuld.
Sei mir nicht gram. Ich werde dir deshalb nicht gram.
Mir ist angst. Uns wird angst und bange. Es macht mir himmelangst.
Er ist pleite. Ihr geht pleite.
Wir bleiben gut freund. Ich weiß nicht, ob er mir freund oder feind ist.
Wir sind uns noch immer feind. Sie ist mir spinnefeind.
Das tut nicht not. Es ist bitter not.
Lass dich/ dir nicht bange machen.
Das finde ich schade. Es ist sehr schade darum.
Du hast (sehr, ganz, völlig) recht. [Auch:Du hast Recht. Du bist im Recht.] Das ist recht gemacht. Das geschieht dir völlig recht.
Es ist mir (völlig) ernst. [Es ist mein (voller) Ernst.]
Das ist tabu und bleibt tabu.
Dazu bin ich nicht willens. Ich bleibe willens, zu …

Neben ihnen stehen unveränderliche Adjektive wie quitt, egal, alle, klasse, prima, spitze, super, hip. Auch sie haben einen umgangssprachlichen Charakter. In diesem Kontext gesprochnener Sprache werden so immer wieder frische Kopulapartikeln gebildet, die aus Substantiven abgeleitet werden. Beispiele dafür sind wurscht/ wurst, schnuppe, juckepulver,die egal, einerlei bedeuten.

Daneben finden sich insbesondere unveränderliche Farbadjektive wie lila, rosa, bedingt auch beige, pink, mauve, die allerdings in attributiver Verwendung gebeugt werden, sobald sie sich der deutschen Morphologie fügen, wie man an dem englischen Adjektiv cool ersieht: Ein cooles Fahrrad.

Neben den beschriebenen klassischen Kopulapartikeln lässt der Gebrauch einiger Unflektierbarer – trotz ihrer formalen Flexionsfähigkeit – sie praktisch zu den Kopulapartikeln rechnen. Es sind die folgenden abhold, abspenstig, anheischig, ausfindig, getrost. Auf der Schwelle zum Adverb sind vor allem die folgenden: allein, wohl, wohlauf, barfuß, egal, einerlei

Diese nicht flektierbaren Wörter sind Derivate unterschiedlicher Herkunft. Die Wörter, auf die sie sich beziehen, sind in ihnen verblasst. Die formalen Adjektive abspenstig, ausfindig zeigen ihre adjektivische Herkunft an dem adjektivischen Suffix -ig. Das negierende Adjektiv abhold hat zwar ein Positiv hold, lieb, schön, als Gegenbegriff, wird dennoch nur in der festen prädikativen Fügung abhold sein, abgeneigt gebraucht. Diese prädikative Fügung existiert allerdings auch als Positivum, hold sein, wohlgesinnt sein, z. B. in der Wendung “Das Schicksal ist mir hold”, das bedeutet: “Das Schicksal meint es gut mit mir”.

Das Adjektiv egal widersetzt sich morphologisch, vielleicht aber auch inhaltlich, einer Beugung und Steigerung. Wohlauf unterscheidet sich von wohl, das als Adverb steigerbar ist: Bist du wohlauf? Ist Dir wohl? Mir ist jetzt wohler.

Auch allein entzieht sich inhaltlich einer Komparation. Im speziellen Falle etwa: Ich bin allein, aber du bist noch einsamer. muss man auf ein adjektivisches Synonym zurückgreifen. Das unflektierbare Adjektiv ist als vorangestelltes Attribut nicht einsetzbar.

Barfuß leitet sich ab aus dem Substantiv Fuß und dem Adjektiv bar.Dieses ist im Wesentlichen auf wenige Zusammenhänge beschränkt: bares Geld, Bargeld, und barhäuptig, bloß, unbedeckt. Daneben bedeutet bar mit Genitiv als Präpostion ohne, z. B. bar aller Vorsicht, ohne Vorsicht.

Das unveränderliche ursprüngliche Partizip getrost, “getröstet”, mit der Bedeutung hoffnungsvoll , kommt ebenso nur prädikativ vor: Seid getrost!

Die Definition eines Adjektivs orientiert sich an seinem attributiven Gebauch und seiner grammatischen Steigerungsfähigkeit. Grammatisch steigerbar ist ein formales Merkmal. So lässt sich das Adjektiv tot, inhaltlich betrachtet, nicht steigern, dagegen formal schon.

Attributiv gebrauchen lässt sich ein Adjektiv in zweierlei Position: Vorangestellt nennt sie sich Anteposition; hier richtet sich das Adjektiv nach seinem Beziehungswort. Es wird flektiert. In der Postposition jedoch, nachgestellt also, einer Apposition vergleichbar, wird es unflektiert gebraucht.

Beispiele:

Die Kinder, getrost, denn sie hatten Brotkrumen ausgestreut, glaubten nach Hause zurückzufinden.
Der Wind, schuld an der Verirrung, hatte sich gelegt.
Ein Mütterchen, alt und gram, kam aus der Tür.
Der Vater, seiner grausamen Frau leid, hoffte, seine Kinder heil wiederzufinden.
Alle beide, angst und bange ob der hereinbrechenden Dunkelheit, suchten Schutz in dem Hexenhaus.

In diesen beschriebenen Zusammenhängen sind einige Kopulapartikeln adjektivisch einsetzbar. Das macht eine Definition als Adjektiv denkbar und begründbar. [4]

[1] Sie unterlagen gerade in der Debatte um die Rechtschreibreform heftigen Kämpfen, weil sie aus ihrer verblassten Rolle, die ihre Aussage längst der ursprünglichen Figürlichkeit enthoben hatte, in die Funktion eines groß zu schreibenden Substantivs zurückgeführt werden sollten.

[2] Zum Wandel und der Geschichte der Schreibweisen des Infinitivs finden sich Hinweise in der folgenden Tabelle:

bis 1996 1996 bis 2004 2004 bis 2006 seit August 2006
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bankrott gehen Bankrott gehen Bankrott gehen bankrottgehen
pleite gehen Pleite gehen Pleite gehen pleitegehen
leid tun Leid tun Leid tun
oder leidtun leidtun

Quelle: korrekturen.de http://www.korrekturen.de/rezensionen/wahrig_die_deutsche_rechtschreibung.shtml

In Anbetracht der Parallelen zu der getrennten Schreibung der anderen Kopulapartikeln und -verben, plädiere ich im nichtdienstlchen Schriftverkehr für die Schreibweisen, die bis 1996 gültig waren.

[3] Diese Abtönungspartikeln können sich auch als Adverbialia auf den ganzen Satz beziehen, sind deshalb nur sinngemäß oder idiomatisch verwendbar, nicht aber immer beliebig austauschbar.

[4] Igor Trost, Das deutsche Adjektiv S. 151 ff

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https://web.archive.org/web/20130205012435/
http://www.blog1.institut1.de:80/kopulapartikeln/