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Namen – und wie man ihnen gerecht wird

Ich habe kürzlich einen Film gesehen. Da wollte jemand nicht beim Vornamen genannt werden. Die Hippie-Eltern hätten sich etwas so Unaussprechliches für ihr Kind damals ausgedacht, dass es dem Träger des Namens unausweichlich erschien, stattdessen seinen Nachnamen zum Rufnamen zu machen. Der Mann hieß Sörensen. Der – übrigens sehenswerte – Film hieß „Sörensen hat Angst“. (1)

Er hatte aber nicht wegen seines Namens Angst, sondern wegen einer Angststörung. Das hört sich ungewöhnlch an für einen Kriminalhauptkommissar. Er selbst ist auch ungewöhnlich. Bjarne Mädel, Regisseur und Hauptdarsteller, sieht etwas zerzaust aus mit sehr unkonventionellem Äußeren, ungeschnittenem, windzerzausten Haar und klapprigem Kombi. Aber das ganze Ambiente ist etwas zerzaust – vom Wind im Jahrsezeitenvakuum nahe der Nordsee und weil das Leben trostloser ist, als der stadtmüde Polizist sich das gemütvolle Landleben vorgestellt hat. Verregnete Landschaft, unzugängliche Menschen, unwirtliche Behausungen. Trostlose Kneipe mit Resopaltischen, ehemaliger Landgasthof. Höhepunkt der Trostlosigkeit ist ein abgehalfterter Kurdirektor, dem Alkohol verfallen. Nur mit Mühe erkennt man in ihm – vielleicht an der Brandt-Stimme – den Schauspieler, der sich ja ungern auf einen wiedererkennbaren Typus festlegt. Fluchtimpulse weckt auch der verwahrloste Bauernhof, zu dem die namenlose Kreatur des zugelaufenen Hundes gehört, wo eine mürrische und murrende – unsäglich an Körper und Seele zerzauste – Alte mit der Mistforke ein abschreckendes Regiment führt. Der Hund verzieht sich mit eingezogenem Schwanz vor seiner unflätigen Herrin. Vergeblich wünscht man sich, er möge doch zu seinem neuen Freund zurückkehren.

Meine Eltern haben sich mit meinem Namen etwas ausgedacht, das mich mein Leben lang begleiten sollte. Sie hatten an Kühnheit und Stärke gedacht: kriegerische Kämpferin. Nunja, das ist wirklich doppelt. Gunda, Kämpferin, oder Gundula, kleine Kämpferin, hätten schonenderweise auch genügt. Mein Vater hatte allerdings wenig Freude an meinem Kampfgeist, der sich meistens gegen ihn, den Vater, richtete. Wie hatte ich mir gewünscht, dass er in seiner ganzen Macht mal meinen Lehrern entgegengetreten wäre. Aber das war nur das Ressort meiner zartbesaiteten Mutter.

Ja, man will seinem Kind mit dem Namen etwas mit auf den Lebensweg geben. Namensgeber sind für die Eltern Helden oder Tugenden, an die sich das Kind anlehnen und die ihm nach außen Geltung verschaffen sollen. Dass einem mehere Vornamen mitgegeben werden, hat den Vorteil, dass man eine gewisse Auswahl in Anspruch nehmen kann. Die fiel mir allerdings schwer. Die Wahl war auf Gunhild Gisela Irmgard gefallen. Meinen Schwestern ging es da nicht viel besser: Gerlind Gisela Hildegrad, Gisela Ingeborg Ottilie, Gertraut Ulrike Elfriede. Mit Ulrike lässt es sich ja noch leben, sagte sich schließlich die Jüngste. Aber das kostete en kleines Sümmchen beim Standesamt, bis es offiziell war.

(1)- (ARD-Mediahek oder https://www.daserste.de/unterhaltung/film/filmmittwoch-im-ersten/videos/soerensen-hat-angst-video-100.html).
– https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%B6rensen_hat_Angst