Tägliche Archive: 16. Oktober 2021

Narrativ

Nach Diskurs und Konsens inflationiert ein Modewort, aus dem Feuilleton kommend, die Medien: das Narrativ. Narrativ ist ursprünglich ein Begriff aus der Literaturwissenschaft, wo eine Erzählung entweder für sich als literarische Form steht oder wo sie als Erzählform eine stringente Theorie bildhaft auflockert und nachvollziehbar macht.

Narrativ ist eigentlich ein englisches Lehnwort: narrative. Es ist abgeleitet aus dem Partizip Perfekt des lateinischen Verbs narrare, erzählen. Daraus entsteht narrativum, das als Adjektiv substantiviert wird: das Narrativ, das Erzählte, die Erzählung.

Erstaunlicherweise ist im Zuge des modischen Anstrichs von Narrativ auch der Begriff Ezählung in einem neu zu verstehenden Kontext üblich geworden. Er taucht inzischen fast immer da auf, wo man sich aus stilistischen Gründen in einem Text nicht wiederholen wollte. So hat sich für Erzählung als Synonym für Narrativ ein neues Verständnis eingebürgert. Das wirkt oft ungeschickt, weil Erzählung inhaltlich bereits durch den Begriff des Märchens gefüllt ist. Jedoch ist hier etwas anderes gemeint: Man will damit eher auf etwas Tradiertes, Überliefertes hinweisen als auf etwas im Reich des „Märchenhhaften“, des Landes der Zwerge und Feen, Angesiedeltes. Heute versteht man unter Narrativ ein gedankliches Gebäude, eine bestimmte, aber nicht die eigene Weltsicht, ein Weltverständnis, eine Interpretation oder Auslegung der Welt, wie sie Menschen begegnen mag.

In ähnlichem Kontext gebrauchte man vorher „Legende“, dem eigentlich eine ähnliche Bedeutung zugrunde liegt. Legende leitet sich aus dem lateinischen Gerundiv von legere, lesen, ab. Es bedeutet „das zu Lesende“ oder die „Erzählung“. Eine Legende bezog sich zunächst auf Heiligengeschichten, kurz und blumig zugleich, der Darstellngsweise in einem religiösen Abreißkalender vergleichbar. In heutiger Lesart entspricht sie eher dem neuen Begriff Narrativ. Beiden haftet nichts Verbürgtes oder Beweisbares an, sondern etwas mündlich Weitergegebenes.

Das Narrativ wird im gesellschaftswissenschaftlichen Kontext gebraucht, um zu verdeutlichen, dass es nicht um eine beliebige Erzählung geht, sondern um eine Verknüpfung, die bewirkt, dass das „bestimmende Element hinter einem Narrativ weniger der Wahrheitsgehalt“(1), als gemeinsam Erlebtes, Geteiltes und Verbindendes ist. Was daraus entstehen soll, ist eine Art Verbrüderung wie in einem Fußballstadion, ein Gemeinschaftsgefühl.

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Narrativ_(Sozialwissenschaften)