Schmetterlinge – taumelnd zwischen Tag und Traum

Riesen-Nachtfalter in Buea - Kamerun

Riesen-Nachtfalter in Buea – Kamerun – Foto: Prispaman Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Das Nachtlicht hatte ein taumelndes Insekt durchs offene Fenster angelockt. Ein wahrhaft furchterregendes: dunkel gezeichnete Flügel, der Hitze einer Halogenlampe mit schwerem, staubigen Flügelschlag trotzend. Todgeweiht. Das war das unabwendbare Schicksal des Verirrten.

Portrait der Gammaeule

Portrait der Gammaeule
Foto: Walter Eberl
© Walter Eberl / pixelio.de

Düster anmutende Nachtfalter sind nachtaktiv. Sie erscheinen uns wie unheimliche Gestalten, lautlos flatternd, dem lichtgewohnten Auge verborgen. Im Volksmund heißen sie „Eulen“. Wie diese tragen sie ein Kleid, das sie tagsüber mit ihrer Umgebung verschmelzen lässt; „Motten“ sind es, deren Flügelpaare über dem Rücken zusammengekoppelt sind, deren Behaarung und feine Gefiederzacken ihren Flug unhörbar wie den einer Eule machen. Ihre Augen sind groß, ihre Fühlerpaare dick, gezahnt, gesägt oder geweihartig. Nachtgestirne leiten sie, künstliches Licht überfordert ihre instinktgebundene Wahrnehmung bis zum Suizid. Dennoch sind sie Schmetterlinge wie Tagfalter, die uns als bunte Begleiter heller Tage entzücken.

Der Name des Schmetterlings hängt etymologisch mit der deutschen Verb schmettern nicht zusammen. Es würde auch kaum passen auf dieses anmutige Geschöpf. Schmetterling geht zurück auf das alte deutsche Wort Schmetten, Schmand. Das slawische Wort smetana, Sahne, zeigt dies noch immer. Das wird erkennbar in vielen landschaftlichen Namen, die auf eine unliebsame Bedeutung schließen lassen: Buttervogel, Molkendieb, Molkenstehler, Schmandlecker, englisch butterfly, „Butterfliege“, dänisch sommerfugl, wie im Schweizerischen Sommervogel. Dass man ihnen etwas Hexenhaftes zuschrieb, hatte mit dem Sauerwerden der Milch nach ihrer Berührung zu tun. Schmetterlinge wurden durch die Flüssigkeit angelockt und infizierten Milch und Sahne mit Keimen, die ihre Haltbarkeit zunichte machte.

Der französische Name des Schmetterlings ist papillon. Er entspricht dem lateinischen papilio. So charmant er klingt, deutet er doch nur auf eine biologische Besonderheit. Der medizinische Begriff Papille – etwa Zungenpapille – bezeichnet eine kleine warzenförmige Erhebung. Die dachziegelartig angeordnetenen farbigen Schuppen sind wie Papillen, welche die Farbschicht der Flügel bilden. Die Farbe aber ist in Wirklichkeit eine optische Täuschung. Nicht tatsächliche Farbpigmente, sondern Lichtbrechungen, erzeugt durch eingelagerte chemische Stoffe, die das Sonnenlicht reflektieren, bewirken den visuellen Effekt von farbigen Flügeln.
Auch der Name Falter täuscht. Er bezieht sich nicht auf die Auffaltung der Flügel, sondern ist verwandt mit papilio, papillon und farfalla, dem italienischen Wort für Schmetterling. Dagegen mutet der altgriechische Name des Schmetterlings eher mythologisch an: ψυχή, psyche, Seele, was auf seine schwer fassliche Flatterhaftigkeit und Verletzlichkeit weist. Die Deutung des Schmetterlings als Symbol der Auferstehung, die Befreiung aus dem dunklen, unterirdischen Gefängnis des Puppendaseins ins helle Licht fliegend, gehört zu diesem Verstänndnis.

Schmetterlinge sind geflügelte Insekten. Der Name Insekt beruht auf dem lateinischen insectum, „das Eingeschnittene“. Entomologie, Insektenkunde, hat schließlich den gleichen Bedeutungshintergrund. Auf Griechisch heißt ἔντομον ,éntomon, „das Eingekerbte“. Beides sagt der deutsche Name Kerbtier aus. Damit gemeint ist die auffällige Teilung zwischen Brustteil und Hinterleib, was die „Wespentaille“ buchstäblich ausdrückt.

Schmetterlinge zieren sich mit ihrem geflügelten Paarungskleid, das sie nach einer oft lange währenden Larvenexistenz, dem Fressstadium, und nach einer Metamorphose in der nahrungslosen Enge des Puppenpanzers angelegt haben. Der Name Puppe entspringt dem lateinischen pupa, Neugeborenes. Die häufig an einem Gespinstfaden gürtelförmige Aufhängung des Kokons oder Chitinpanzers ist einem festgewickelt in einem Steckkissen aufbewahrtes Baby vergleichbar. Daraus lässt sich auch ein etymologischer Zusammenhang zwischen pupa, Puppe, Baby und dem landchaftlichen „Bobbel(chen)“ herstellen.

Raupen des kleinen Fuchs

Raupen des kleinen Fuchs
Foto: Uschi Dreiucker
© uschi dreiucker / pixelio.de

Nach seiner Verpuppung, der organisch und optisch unglaublichen Umbildung der Larve zum fertigen Insekt, entpuppt es sich. Das Insekt beißt sich aus seiner Hülle und pumpt seine Flügel mit Flüssigkeit auf. Dieser Prozess der Entpuppung wird oft sprachlich übertragen verwendet. Metaphorisch ausgedrückt bedeutet „sich entpuppen“ sein wahres Gesicht zeigen, sich anders als erwartet verhalten, sich überraschend zu erkennen geben.

So „entfaltet“ durchstreift der Schmetterling seine Welt auf der Suche nach einem Geschlechtspartner, um seine Art zu sichern. Diese Existenzphase des Erwachsenseins heißt Imago – aus εἰκών , altgriechisch Bildnis, „Ikone“ -lateinisch Bild. Sie bildet den Gegensatz zum Stadium der Larve, lateinisch larva, Maske, Gespenst, und zu der schleierartigen Verhüllung der Puppe, altgriechisch νύμφη, Nymphe, Braut. Dieser Begriff weist auf die geschlechtliche Unfertigkeit und die baldige Erfüllung hin, bis sich der fertige Schmetterling seiner bräutlichen Hülle entledigt, um in neuer Gestalt sein Dasein zu vollenden.

Das Leben draußen in der Welt der Lüfte mit auffälligen Flügelpaaren ist gefährlicher noch als das der vielerseits begehrten eiweißreichen, mal mimikryhaft verborgenen, mal bunt gezeichneten, gehörnten, giftig oder widerborstig bewehrten Raupe.[1] Um Fressfeinden zu entkommen, fliegen Schmetterlinge in scheinbar ziellosem Taumelflug, Ihre obere Flügelzeichnung ist in aufgeklapptem Zustand oft eine schwer fassbare Mimikry.

Unter Mimikry versteht man in der Biologie eine Warn- oder Tarntracht, ein Äußeres, das Feinde abschrecken oder ihrem Auge unsichtbar machen soll.

Die meisten Nachtfalter sind mit einer Tarntracht ausgestattet kaum in ihrer Umgebung zu erkennen. So geschützt ruhen sie tagsüber – etwa an der farblich ähnlichen Rinde von Bäumen. Ihre nächtlichen Hauptfeinde sind Fledermäuse, die sich nicht optisch, sondern mit einer Ultraschallsensorik orientieren. Manche Nachtfalter sind dazu in der Lage, mit eigenen Störgeräuschen Ultraschall zu unterlaufen.
Eine typische Warntracht tragen Pfauenaugen, die, von oben betrachtet, mit ihren Augenflecken bedrohliche Gesichter nachahmen.

Mimikry bedeutet englisch Tarnung. Sie ist ein Teil der Mimese, zum Schutz vor Feinden.
In Mimesis, Mimese und Mimikry ist mimen, vortäuschen, darstellen, erkennbar. Das altgriechische Wort ist μίμησις, mímēsis,, Nachahmung. Die Mimese verschafft einem Lebewesen einen Selektionsvorteil für seine Existenz und Fortpflanzung.

Das Pfauenauge schützt sich durch Zoomimese, abgeleitet von griechisch ζῷον, zoon, Lebewesen. Darunter versteht man die Annahme der Gestalt abschreckender Tiere. Eine andere Form der Mimese ist die Phytomimese – griechisch φύτον, phyton, Pflanze. Das ist die Nachahmung der Gestalt einer Pflanze: Zusammengeklappt erscheinen manche Falterflügel unbelebt wie ein geädertes welkes Blatt. Ein Beispiel ist das „wandelnde Blatt“, der Indische Blattfalter, mit einer perfekten Tarnung.

Kleiner Fuchs (Aglais urticae)

Kleiner Fuchs (Aglais urticae)
Foto: Böhringer Friedrich
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 Generic

Ein bunter Schmetterling, der Kleine Fuchs, flattert im Sonnenlicht. Plötzlich ist er verschwunden. Er sitzt, kaum zu entdecken, mit zusammengeklappten Flügeln an einer Pfütze am Boden. Die Unterseite seiner Flügel ist dunkel, sie macht ihn fast unsichtbar. Ein Blick in die Runde gibt Gewissheit: Hier, in der Nähe hoher Brennnesseln zwischen Rhododendron und Ilex, ist seine Heimat. Seine in einem Gespinst gesellig lebenden Raupen, die behaarten Larven, ernähren sich von den Nesseln. Hier legt er seine Eier ab. Von hier kommt er selbst. Brennnesseln schützen ihn und seine Brut, denn wer wagt sich schon in dieses unwirtliche Gestrüpp? Seine Flügel sind orange-rot, schwarz abgesetzt und fein gefeldert und mit einem blassblau geperlten Flügelrand. Sein Leib ist dunkel und behaart. Das erklärt wohl seinen deutschen Namen „Fuchs“; sein zoologischer Aglais urticae bedeutet „Nesselschönheit“, aus griechisch Ἀγλαΐα , die Strahlende, benannt nach einer der drei Chariten, der die Anmut verkörpernden Grazien; lateinisch urtica ist die Brennnessel. „Unkraut“ wie Distel und Brennnessel mag Gärten verunzieren, aber vielen Schmetterlingen, Schönheiten wie dem Tagpfauenauge, dem Schwalbenschwanz und dem Admiral, bietet es einen abgeschirmten Lebensraum.

Viele Schmetterlingsarten nehmen in ihrem sichtbaren Dasein als Imago kaum noch Nahrung zu sich. Sie sitzen an Wasserlachen, um Mineralien aufzunehmen. Sie nippen am zuckerhaltigen Nektar nur ihnen zugänglicher tiefkelchiger Blüten, um ihre Energiereserven aufzufrischen.

Unübersehbar ist der während seiner Blütezeit im Spätsommer von Schmetterlingen umgaukelte Sommerflieder, der „Schmetterlingsflieder“. Phlox, Dost, Geißblatt und Lavendel,sowie Kräuter wie Thymian, Majoran und Basilikum sind ebenfalls eine Schmetterlingsweide – sogar auf dem begrenzten Raum eines Stadtbalkons.[2]

Die Lebensaufgabe eines Schmetterlings erfüllt sich mit der Fortpflanzung und Vermehrung, der Eiablage an Orten, die der Existenz und dem Schutz der Brut dienen.

[1]Eine sehr ausführliche Darstellung der Entwicklung und Abwehr von Feinden ist hier zu finden: https://schmetterlinge.wiki/lebenszyklus/larve/
[2]Hierfinden sich Tips für die Integration schmetterlingsfreundlicher Pflanzen in jede Art gärtnerischer Gestaltung:
https://www.derkleinegarten.de/gartengestaltung/ideen-finden/gartenstile/naturgaerten-und-oekogaerten/schmetterlingsmagneten.html

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